Mit Apps und Maps gegen Rollstuhlbarrieren

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Digital Life
02/22/2013

Mit Apps und Maps gegen Rollstuhlbarrieren

In Deutschland ist Raúl Krauthausen, der Mitgründer des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden, längst eine nationale Bekanntheit. Nach einigen erfolgreichen sozialen Projekten startete Krauthausen, der aufgrund seiner Erbrankheit Osteogenesis imperfecta (Glasknochenkrankheit) selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist, das erfolgreiche OpenStreetMap-Projekt Wheelmap.org. Dieses soll nun auch in Österreich Rollstuhlfahrern das Leben erleichtern.

Die Prämisse ist einfach: Welche öffentlichen Orte - seien es nun Kaffeehäuser, Restaurants, Kinos, Banken, Geschäfte oder Öffi-Stationen - verfügen über einen barrierefreien Zugang und rollstuhlgerechte Toiletten? Auskunft darüber kann in vielen Fällen die von Krauthausen ins Leben gerufene Karte Wheelmap.org geben, die seit dem Start vor knapp drei Jahren mithilfe der OpenStreetMap-Community auf über 300.000 Einträge weltweit angewachsen ist.

Immer gleiche Cafés„Die Idee hatte ein Freund von mir, der genervt war, dass wir uns immer im gleichen, rollstuhlerprobten Café getroffen haben", erzählt Krauthausen im Interview mit der futurezone. „Uns wurde schnell klar, dass so ein Verzeichnis online passieren und alle Vorteile von Crowd Sourcing berücksichtigen muss", sagt der Wheelmap-Mitbegründer. Die Wahl für das Kartenmaterial sei nicht zuletzt wegen der allgemein starken Community-Beteiligung, aber auch um die freie Verfügbarkeit der Daten zu gewährleisten, schließlich auf OpenStreetMap und nicht auf Google Maps gefallen.

Die Bewertungen der in OpenStreetMap meist schon angelegten Orte folgen einem einfachen Ampelsystem. Grün steht für eine stufenlose Erreichbarkeit des Eingangs und aller Räume – etwa von Kinosälen. Falls Toiletten vorhanden sind, müssen auch diese rollstuhlgerecht konzipiert sein. Ist der sogenannte öffentliche „Point of Interest" teilweise rollstuhlgerecht, wird er gelb eingefärbt. Dies ist etwa der Fall, wenn beim Eingang maximal eine Stufe (nicht höher als 7 cm oder eine Handbreite) bzw. zumindest die wichtigsten Räume stufenlos erreichbar sind. Ist der Ort nicht rollstuhlgerecht, kann man das Etikett rot einfärben.

Jeder kann bewertenMitmachen und eintragen kann jeder, gefragt sind also nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern alle Menschen, die eine Lokalität persönlich besuchen oder kennen. Um das Eintragen zu erleichtern, hilft die entsprechende App für iOS und Android, die naturgemäß auch das Suchen und Finden von barrierefreien Orten ermöglicht. „Für jemanden wie mich ist es natürlich ein entsprechender Aufwand, das Haus zu verlassen, und sei es nur um ein Café aufzusuchen. Da will man eigentlich nicht das Risiko eingehen, am Ende des Weges vor einem Eingang zu stehen, der mit dem Rollstuhl nicht bewältigt werden kann", sagt Krauthausen.

In Deutschland ist das Konzept nicht zuletzt durch einen landesweit ausgestrahlten Werbespot für den Google-Browser Chrome, der das Projekt aufgriff, ein voller Erfolg geworden. Mehr als 200.000 Orte wurden bereits auf Wheelmap.org markiert. Weitere 100.000 Orte wurden im Rest der Welt bewertet, mittlerweile ist die Plattform in 21 Sprachen verfügbar. Allein die kostenlosen Apps wurden über 20.000 mal heruntergeladen.

Viele graue Flecken in ÖsterreichIn Österreich herrscht diesbezüglich noch Nachholbedarf. Von den 133.000 in OpenStreetMap vorerfassten öffentlichen „Points of Interest“ in Österreich wurden bislang erst 10.000 auf Wheelmap.org bewertet. Krauthausen hofft daher, dass die Community in Zukunft auch hierzulande die Chance stärker nutzen wird, an der praktischen Karte mitzubauen. 

Um die Partizipation in den einzelnen Ländern zu stärken und zudem die Finanzierung von Wheelmap.org auf mehrere Schultern zu verteilen, schwebt dem Ashoka-Fellow eine Art Franchise-System mit Verantwortlichen vor Ort vor. Im Rahmen des diesjährigen Ashoka Globalizer, der vergangenes Wochenende in Wien stattfand, tauschte sich Krauthausen deshalb auch mit Managern und Wirtschaftstreibenden über mögliche Geschäfts- und Finanzierungsmodelle aus.

Finanzierung bleibt HerausforderungDerzeit werden die rund 200.000 Euro, die Wheelmap.org im Betrieb jährlich kostet, in erster Linie von Förder- und Spendengeldern abgedeckt. Neben dem Franchise-Modell seien auch stärkere Kooperationen mit der öffentlichen Hand denkbar. Denn für Regionen oder Städte, die sich dem Thema Barrierefreiheit annehmen wollen, beinhalte das Datenmaterial wahre Schätze, um systematisch Verbesserungen zu erzielen. Aber auch im Bereich Tourismus werde Barrierefreiheit langsam aber sicher zum Thema.

Der Erfolg der Plattform birgt aber auch ihre Schattenseiten. Denn die Vielzahl an Bewertungen ist eine große Herausforderung für die Benutzerfreundlichkeit und Übersichtlichkeit. Neben der Webversion sollen auch die Apps sukzessive verbessert und ausgebaut werden. So sollen die Apps eine Foto-Upload-Funktion erhalten, mit der Barrieren mit Bild dokumentiert werden. Auch das Teilen von bewerteten Orten auf Twitter und Facebook soll in Zukunft per App möglich sein.

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