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Dokumentation "Nerds beherrschen heute die Welt".

Johannes Grenzfurthner vor dem Karl G. Jansky Very Large Array in New Mexico
Johannes Grenzfurthner vor dem Karl G. Jansky Very Large Array in New Mexico - Foto: monochrom
Johannes Grenzfurthner spürt in seinem Film "Traceroute" der Nerd-Kultur nach. Die futurezone hat mit ihm über das Bild des Nerds im Wandel der Zeit gesprochen.

Sein erstes Date hatte Johannes Grenzfurthner in einem Online-Rollenspiel. Und auch sonst erfüllt der Gründer des Kunst- und Theoriekollektivs monochrom  viele Charakteristika, die gemeinhin Nerds zugeschrieben werden. Weil er sich für Verschwörungstheorien und unbekannte Flugobjekte interessierte wurde er in der Schule UFO-Hannes genannt. Dass er Bücher von Erich von Däniken verschlang und Kurzgeschichten über exotische Krankheiten ("Gehirn-Aquaplaning") schrieb, verfestigte das Bild eines Sonderlings.

Johannes Grenzfurthner
Johannes Grenzfurthner im monochrom-Büro im Wiener Museumsquartier - Foto: futurezone, Patrick Dax
Im Alter von 40 Jahren entschloss er sich, Leuten und Orten nachzuspüren, die ihn geprägt und inspiriert haben. Ebenso wie das gleichnamige Computerprogramm, das rückverfolgt, über welche Router und Internet-Knoten Datenpakete zu einem Rechner gelangen, sucht er in seinem Film "Traceroute" auf einer Pilgerfahrt durch die USA nach Spuren der Eckpfeiler seines Selbstverständnisses.

Stationen  des „Nerd-Roadtrips“ sind unter anderem Schauplätze von Science-Fiction- und Horrorfilmen, von Carl Sagans „Cosmos“ bis  zu George Romeros „Dawn of the Dead“, die Area 51, ein militärischen Sperrgebiet in dem das US-Militär Gerüchten zufolge außerirdische Lebensformen erforscht, und die letzte Ruhestätte des Affen Ham, der im Jahr 1961 als erster Schimpanse ins Weltall flog.

"Das hat etwas Volksbildnerisches"

Vor einer Definition des Begriffes "Nerd" drückt sich Grenzfurthner. "Es ist nicht so sinnvoll, Barrieren aufzubauen", meint der Filmemacher im Gespräch mit der futurezone: "Das Negative am Nerdtum ist, dass sie sich alle in Kasten und Gruppierungen abschotten und dort in ihrem eigenen Saft köcheln. Star-Trek-Leute reden nicht mit Star-Wars-Leuten." Das Schöne am Nerdtum wiederum sei das Obsessive, das große Wissen, sagt Grenzfurthner. "Das hat etwas Volksbildnerisches."

Nerdtum, sei eine Möglichkeit, mit seiner Außenseiterrolle umzugehen, sagt der Psychotherapeut Abie Hadjitarkhani, den Grenzfurthner zum Auftakt seiner Reise in San Francisco befragt. "Es beschränkt sich nicht auf Technik. Jeder, der sich an einem bestimmten Thema festbeißt, ist ein Nerd."

Erstmals in der Populärkultur aufgetaucht sei der Typus des Nerds in TV-Serien der 70er und 80er-Jahre, sagt Grenzfurthner. Als Beispiel nennt er die US-Serie "Trio mit vier Fäusten" ("Riptide"), in der Thom Bray den verschrobenen Computer-Freak Murray "Boz" Bozinsky verkörperte. "Man hat Nerds damals belächelt, genauso wie die aufkommenden Computer und die anbrechende Globalisierung", erzählt Grenzfurthner:  "Der Nerd war die Witzfigur der Informationsgesellschaft." 

Mit V. Vale, den Herausgeber des kalifornische Punk-Fanzines "Search and Destroy" und der legendären RE/Search-Hefte, versucht Grenzfurthner zu ergründen, warum viele Subkulturen von Nerds ausgegangen sind. "Sind Nerds eine treibende Kraft des Widerstands oder nur ein Haufen Hyperkonsumenten?", steht als Frage im Raum. "Wahrscheinlich beides", sagt Grenzfurthner zur futurezone.

Hacker und Hooker

Auffällig oft wird in der Dokumentation Sex thematisiert. Die Sex-Arbeiterin Maggie Mayhem spricht über das Verhältnis von "Hackern und Hookern", besucht wird auch die Werkstätte von Bad Dragon, einem Hersteller von Fantasy-Sexspielzeug im US-Bundesstaat Arizona, und die Sex-Roboter-Bauerin Kit Stubbs.

Nerds sind mittlerweile sexy geworden, sagt Grenzfurthner, der seit zehn Jahren in San Francisco die Konferenz Arse Electronika veranstaltet, die sich dem Themenbereich Sex und Technologie widmet. Das Stereotyp, dass Nerds mit 40 noch ohne Freundin im Keller der Mutter leben würden, stimme heute nicht mehr, sagt Grenzfurthner.

"Ich bin noch Teil einer Generation, die es tatsächlich als Trauma erlebt hat, Nerd zu sein. Man hat im Schulhof noch eine auf die Goschn gekriegt", erinnert sich der Filmemacher. "Heute beherrschen Nerds die Welt. Sie haben Google und Amazon gegründet und besitzen defacto eine schöpferische Macht, im positiven, wie im negativen Sinne." Manchmal sei er auf seine Generation der Nerds auch böse, fügt er hinzu: "Mit vielem was sie mit der Welt angestellt haben, geh ich nicht konform."

Persönliches Panorama

Traceroute
Terminator-Modell: Grenzfurthner mit Matt Winston, dem Sohn des Special-Effects-Spezialisten Stan Winston - Foto: monochrom
"Traceroute" ist ein sehr persönliches gehaltenes Panorama aus kulturell aufgeladenen Orten und Menschen, die sie bevölkern. Sie docken mit ihrer Existenz an ein Universum an, dass sich aus vermeintlichen Geheimwissen über Außerirdische, paranoide Konstrukte, Star Wars Ephemera und Onaniermaschinen speist. Grenzfurthner nähert sich ihnen mit einem faszinierten Blick, der sich aber auch bemüht, Zusammenhänge im Auge zu behalten. "Ich weiß, dass Nerds die Geschichte vom einsamen Underdog lieben, aber letztlich ist sie erniedrigend und verdeckt die wirklichen Probleme", ist die Stimme des Regisseurs aus dem Off zu hören, während die Kamera über den Militärfriedhof in Arlington, Virginia, schwenkt.

Und Achtung, jetzt kommt des knüppeldick: Böse Feministinnen, Patente oder die NSA - alles nur drittklassige Symptome, die nur im, durch und wegen dem Kapitalismus existieren, tönt die Off-Stimme beschwingt. "Und Nerds", heißt es dann in Richtung der Nimmerland-artigen Inszenierungen, mit denen  Google und andere IT-Größen ihre Unternehmenskultur gerne präsentieren: "Sie sind bereitwilliges Kanonenfutter für das nächste Upgrade des Kapitalismus." Für die Leichtigkeit, mit der sich solche Einsichten in Bildfolgen von Dino-Dildos, UFOs, Terminator-Masken und Role-Playing-Games fügen, muss man den Film lieben.

Am Ende von "Traceroute" wird Grenzfurthner erschossen. Abdrücken wird Steve Tolin, der mit seinem Studio Tolin FX unter anderem Special Effects für "The Dark Knight Rises" fabrizierte. Das Filmblut tropft auf den Boden und das Leben des Filmemachers passiert noch einmal vor seinem inneren Auge Revue. War das eine Art Exorzismus?  "Ich hab mir gedacht, warum soll ich mich nicht von meiner eigenen Obsession umbringen lassen", sagt Grenzfurthner. Die Szene sei aber auch eine gute Gelegenheit für seinen Gesprächspartner gewesen, seine jüngste Erfindung vorzuzeigen, erzählt der Regisseur: "Er hat eine neue Technik für Bluteffekte entwickelt."

Am  Donnerstag (21.00 Uhr) feiert „Traceroute“ beim  ethnocineca-Festival im Wiener Votiv Kino Österreich-Premiere. Im September läuft der Film dann regulär in den Kinos an.

(futurezone) Erstellt am 17.05.2016, 06:00

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