Digital Life
20.01.2013

Otelo: Wenn das Dorf plötzlich 3D-druckt

Die Anfangsparameter sind stets gleich: Ein leerer, ungenutzter Raum und eine Gruppe von Menschen, die Lust am Experimentieren mit Technologie und Naturwissenschaften haben. Martin Hollinetz hat mit der Initiative Otelo eine Reihe von offenen Technologielaboren im ländlichen Raum geschaffen, die dem Abwandern von talentierten Köpfen in die Städte entgegenwirken soll. Die futurezone hat zwei Standorte in Oberösterreich besucht.

Wer das schmucke Alte Amtshaus in der beschaulichen Gmeinde Ottensheim rund zehn Kilometer westlich von Linz von außen sieht, würde im ersten Moment nicht erwarten, dass sich in diesem ein ganzes Stockwerk mit einem 3D-Drucker, einer Rad-Reparaturwerkstätte, einem Radio-Studio, einem Kost-Nix-Laden und anderen Räumlichkeiten zum Vernetzen, Diskutieren und Entwickeln von Projektideen befindet. Das von der Gemeinde Ottensheim zur Verfügung gestellte Amtshaus ist einer von sechs Otelo-Standorten, die sich in Österreich und Deutschland in den vergangenen Jahren etabliert haben.

Otelo Ottensheim

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Suche nach Freiraum
„Wir haben heute sowohl in den Städten, als auch in Gemeinden und Dörfern einen Grad der Durchorganisation erreicht, der einfach keinen Platz für Leerräume mehr bietet. Selbst Kellerwerkstätten, in denen früher gebastelt und experimentiert werden konnte, sind bei modernen Bauten nicht mehr vorgesehen“, sagt Otelo-Erfinder Martin Hollinetz bei einem Rundgang durch den Ottensheimer Standort. In Zeiten, in denen Wirtschaft und Industrie den Fachkräfte-Mangel, das Desinteresse an Naturwissenschaften, aber auch den Schwund an praktischen Fertigkeiten junger Menschen beklagen, seien derartige „offene“ Räume umso wichtiger.

Hollinetz sieht Otelo als Beitrag, wie das kreative Potenzial auch im ländlichen Raum gefördert und somit der Abwanderung von talentierten jungen Menschen in den urbanen Raum entgegengewirkt werden kann. Ungeachtet dessen, dass das Konzept keinen wirtschaftlichen Erfolgszwang oder Zeitdruck vorsieht, sind aus dem Otelo-Netzwerk bereits einige Start-ups und Projekte hervorgegangen, die weit über den regionalen Raum hinausstrahlen und kommerzielles Potenzial versprechen.

3D-Drucker fürs Wohnzimmer
Eindeutiger Blickfänger am Standort Ottensheim ist der dort vorhandene RepRap 3D-Drucker, mit dem nicht nur Kunststoff-Ersatzteile – etwa Griffe für Kühlschränke oder Knöpfe und Schalter für HIFI-Anlagen -, Spielzeug und 3D-Modellbauten ausgedruckt, sondern auch die Bauteile für weitere Drucker produziert werden können. Aus der Spielerei, mit anderen Interessierten einen entsprechenden Drucker-Bausatz zusammenzubauen, ist mittlerweile eine Profession geworden.

Unter dem Firmenname RepRap Austria produziert und verkauft Benjamin Krux mittlerweile 3D-Druckerbausätze in die ganze Welt bzw. bietet auch Workshops zum Zusammenbauen und Betrieb an.  Mehrere Hundert Bausätze zu jeweils 700 Euro hat Krux bisher in über 50 Länder und bis nach Asien und Afrika versendet. Die Weiterentwicklung des weltweit etablierten RepRap-Projektes und dazugehöriger Software basiert auf Open Source und neben den cleveren 3D-Drucker-Fans in Ottensheim hat in der Vergangenheit auch der Otelo-Standort Vöcklabruck wertvolle Beiträge zur softwareseitigen Weiterentwicklung des RepRap-Projekts beigetragen.

3D-Drucker sind wie Computer in den 70-ern. Das Potenzial ist vielen bewusst, aber dennoch befindet sich vieles immer noch im Anfangsstadium. In einigen Jahren werden sie aber aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sein“, sagt Krux im Gespräch mit der futurezone. Das übergeordnete Ziel sei, dass in jedem Haushalt ein derartiger Drucker stehen könne. Anders als kommerziell vermarktete Marken-Produkte, die mehrere Zehntausend Euro kosten, kosten die RepRap-Bausätze einige Hundert Euro. Als Material kann ABS-Kunststoff, Bio-Plastik oder auch Nylon zum Drucken verwendet werden. Das Interesse in der Bevölkerung am 3D-Drucker sei sehr groß, so Krux.

Otelo-Standort Vöcklabruck

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Otelo OggStreamer

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Audio-Streaming-Gerät
Ebenfalls über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist das von Georg Ottinger am Standort Vöcklabruck entwickelte OpenHardware-Projekt „OggStreamer“, das bereits einen zweiten Platz bei einem internationalen Elektronik-Design-Wettbewerb im Silicon Valley einheimsen konnte und aktuell auch von der Netidee unterstützt wird. Dabei handelt es sich um ein Gerät, das analoge Audiosignale in ein komprimiertes Ogg/Vorbis-Format umwandeln und direkt als Audiostream übers Internet bereitstellen kann. Aktuell wird das Gerät vom „Radionest“, dem ersten Außenstudio des Freien Radio Salzkammerguts am Vöcklerbrucker Otelo-Standort verwendet. Weitere 50 Geräte sollen auch anderen Außenstudios der freien Radios zur Verfügung gestellt werden.

„Neben der Unterstützung der freien Radios wollte ich mit dem Projekt aufzeigen, dass die Entwicklung von komplexen elektronischen Geräten bis zu deren Serienreife in einer Community möglich ist“, meint Ottinger gegenüber der futurezone. Nach der Entwicklung des Prototypen und der Produktion einer Vorserie von zwölf Stück Anfang 2012 habe er natürlich überlegt, eine kleine Firma zur Vermarktung des Projekts zu gründen, sich aber dann dagegen entschieden.

„Im Endeffekt ist der Markt aber einfach zu klein und ist das wohl das falsche Produkt, um ein Unternehmen zu starten. Zudem handelt es sich beim OggStreamer um mein Erstlingswerk, wo man danach auch immer klüger ist. Ich werde die gemachten Erfahrungen aber sicher in einem zukünftigen Projekt verwerten können“, so Ottinger, der sich auf diesem Weg noch einmal beim gesamten Otelo-Netzwerk für die Mitarbeit bedanken möchte.

Kinder erleben Technik

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Kinder erleben Technik
Neben derartigen Projekten werden im Otelo-Netzwerk auch immer wieder Workshops für Kinder auf die Beine gestellt, um diese spielerisch an Technik und Naturwissenschaften heranzuführen. Das Otelo-Team Vöcklabruck zeichnet etwa für die Wander-Ausstellung „Kinder erleben Technik“ verantwortlich, die das ganze Jahr hindurch durch Kindergärten tourt und derzeit im Ars Electronica Center zu sehen ist. Weitere Aktivitäten an den Otelo-Standorten umfassen Bastler-Workshops, wo immer wieder auch Alt und Jung zusammentreffen, aber auch Kunstprojekte wie Theaterspielgruppen oder Musikprojekte.

„Was an einem Standort passiert, ergibt sich durch die Interessen der Leute vor Ort“, so Otelo-Initiator Hollinetz. Gleichzeitig halte man ständig Ausschau nach Partnern aus der Wirtschaft und Politik, um Projekte und Leerräume finanziert zu bekommen. Darüber hinaus pflege man enge Kooperationen mit regionalen Schulen, Lehrwerkstätten, Fachhochschulen, Unis, aber auch anderen Laboren und Institutionen wie dem Ars Electronica Center.

Hollinetz als Ashoka-„Fellow“ ausgewählt
Einen weiteren Erfolg konnte Hollinetz zudem erst kürzlich verbuchen. So wurde er für seine Otelo-Initiative von Ashoka Österreich als „Fellow“ ausgewählt und erhält dafür ein 3-jähriges Stipendium, um sich mit ganzer Kraft dem Projekt widmen zu können. Das Ashoka-Netzwerk unterstützt Social Entrepreneurs, also Unternehmer, die mit innovativen Konzepten und auf eigenes Risiko gesellschaftliche Probeme zu lösen versuchen. Unter den Ashoka Fellows finden sich so prominente Namen wie Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia.