Digital Life
20.10.2015

Philae: "Beine ausstrecken nach zehn Jahren Schlaf"

Karin Ranero Celius, die Social-Media-Managerin des Kometen-Landers Philae, spricht im Interview über Weltraum-Tweets und die Vorteile der Vermenschlichung von Maschinen.

Am 2. März 2004 wurde die europäische Raumsonde Rosetta mit dem Auftrag gestartet, Kometen in den Tiefen des Sonnensystems zu erforschen. Mit an Bord: Der Roboter Philae, mit dem die erste Landung eines Objekts von der Erde auf einem Kometen erreicht werden sollte - was im November 2014 auch gelang. Seit Oktober 2010 hat Philae eine eigene Stimme auf Twitter. Verantwortlich für den Auftritt mit über 450.000 Followern ist Karin Ranero Celius. Am 29. Oktober ist Celius anlässlich des Smart Content Day in Wien. Die futurezone hat vorab mit der Social-Media-Managerin gesprochen.

Philae und der Komet 67P

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futurezone: Wie sind Sie zum Twittern für eine Raumfahrtmission gekommen?
Karin Ranero Celius: Ich habe für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) als Redakteurin gearbeitet. Hauptsächlich wegen meiner Englischkenntnisse und meines wissenschaftlichen Hintergrundes sollte ich gemeinsam mit dem technischen Leiter der Mission die Tweets für Philae übernehmen. Ich habe Astrophysik studiert. Das half, um zu verstehen, worüber wir da twittern sollten. Wir arbeiten mit Wissenschaftlern zusammen und übersetzen quasi in eine Sprache, die die Öffentlichkeit versteht.

Ab welchem Abschnitt in der Planung einer Mission kommt Social Media ins Spiel?
Social Media für Raumfahrtmissionen zu verwenden, ist relativ neu. Wir haben damit begonnen, als die Durchführungsphase begann.

Warum haben Sie sich für Twitter entschieden?
Der Grund, warum wir Twitter wählten und nicht traditionellere Social-Media-Plattformen, war, weil unsere Geschichte live erzählen mussten. Es ist der beste Weg, um etwas zu erzählen, was den ganzen Tag andauert. Man kann ja nicht alle zwei Stunden Presseaussendungen veröffentlichen. Es gab da nicht wirklich ein Beispiel für diese Art von Raumfahrtmission, an das wir uns halten konnten. Die ist einzigartig. Daran muss man die Strategie anpassen.

Warum wurden die Twitter-Auftritte von Rosetta und Philae getrennt?
Rosetta und dessen Social-Media-Kanal wird von der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) kontrolliert. DLR ist mit der Idee eines Twitter-Kontos für Philae dahergekommen. Die wurden separat gegründet. Das wurde nicht als ein Ganzes erdacht. Aber durch die gute Kommunikation zwischen DLR und ESA haben wir es geschafft, dass die beiden Raumfahrzeuge miteinander kommunizieren konnten. Aber sie sind unabhängig voneinander, sie werden von verschiedenen Leuten gesteuert.

Man hat sich für einen anthropomorphisierten Auftritt von Rosetta und Philae entschieden. Wieso? Hat man einfach gesehen, dass das bei @MarsCuriosity gut klappt?
Naja, offenbar hat das für MarsCuriosity gut funktioniert. Auf andere Art, weil es eine andere Art von Mission war. Wir wollten es aber genauso machen, weil wir auf diese Art alles über die Mission erzählen konnten. Wenn du aus der Egoperspektive schreibst und eine echte Persönlichkeit entwickelst, dann erreichst du, dass sich Leute viel näher fühlen und Dinge wirklich verstehen. Wir wollten die Geschichte so erzählen, als könnte sie jeder erleben.

Wir erzählten, wie sich Philae fühlt, dass er seine Beine ausstreckt, nachdem er zehn Jahre geschlafen hatte. Da können sich Menschen hineinversetzen. Viele haben schon einmal einen Zwölf-Stunden-Flug erlebt, wo sie danach erstmals die Füße strecken konnten. Bei Philae waren es halt zehn Jahre. Indem wir Philae zur Person machten, gaben wir Menschen auch die Chance, mit uns zu sprechen. Wir wollten Zwei-Wege- anstatt Einweg-Kommunikation. Indem wir Philae zum Menschen machten - also fast - erhielten wir diese Gelegenheit.

Manche Tweets sind für Laien nicht sofort verständlich, etwa die Aussage, man habe das Perihel erreicht. Wie sind die Reaktionen darauf? Wollen die Follower mehr Erklärungen?
Es ist lustig. Wenn Philae twittert, dann gehen sie und suchen die Information selber. Wir hatten niemanden, der fragte: Was bedeutet das? Die technischsten Tweets waren jene, als Philae gelandet ist und mit den Experimenten auf der Kometenoberfläche begonnen hat. Wir haben da Telemetriedaten getwittert. Sorgen gab es da keine, weil viele von unseren Followern sehr 'techy' sind. Außerdem wollten wir, dass das Profil auch Substanz aufweist. Wenn gerade wissenschaftliche Daten hereinkommen, dann sagt Philae diese Dinge. Später kann man immer noch übersetzen. Also manchmal wissenschaftliche Daten zu twittern ist nichts Schlechtes. Und wir haben nicht viele Anfragen von Leuten erhalten, die gesagt hätten: Ich verstehe das nicht, ich möchte mehr wissen.

Seit Juli hat es keinen Kontakt zu Philae mehr gegeben. Laut Vorhersagen ist der Lander noch bis Ende 2015 funktionsfähig. Wie wird auf Social-Media-Kanälen reagiert, wenn bis dahin kein Kontakt mehr aufgenommen wird? Wird Philae dann für tot erklärt?
Naja, also wir haben nicht wirklich einen Plan (lacht). Es ist jederzeit möglich, dass Kontakt zu Philae aufgebaut wird. Wir wollten das Twitter-Profil genau wie die Mission machen. Wenn wir auf Twitter Konversationen zwischen Rosetta und Philae hatten, dann nur, weil sie tatsächlich gerade kommunizierten. Wenn Philae schlief, dann blieben wir auch auf Twitter stumm.

Wenn Philae also nicht mehr mit Rosetta und damit der Erde kommuniziert, dann müssen wir wohl ein Meeting einberufen und entscheiden, ob wir vielleicht ein Lebewohl für Philae veranstalten wollen. Oder wir lassen das Profil einfach wie es ist, aber das wäre schade, denn wir bekommen jeden Tag mehr Follower. Wenn wir da eine Nachricht veröffentlichen, wo wir schreiben, dass wir auf ein Erwachen von Philae hoffen, wären unsere Follower sehr enttäuscht, darunter auch viele Kinder.

Ist das nicht ein großer Nachteil, wenn man Philae menschliche Züge verleiht?
Ja, definitiv. Es ist wirklich traurig. Aber das ruft Emotionen bei den Leuten hervor. Dadurch folgen sie der ganzen Geschichte mehr. Wir können aber immer noch Storytelling einsetzen. Wir könnten etwa sagen, dass Philae nun glücklich auf dem Kometen lebt (lacht). Ich weiß nicht. Wir können immer einen Weg finden, wie wir uns anpassen können. Aber wenn man das Raumfahrzeug vermenschlicht, schafft das eine definitive Beziehung und Bindung, die anders nicht möglich wäre. Wir hätten auf andere Weise nicht so viel Aufmerksamkeit erlangt.

Halten Sie es für möglich, eine Art Begräbnis für Philae zu veranstalten?
Ich weiß nicht (lacht). Ich glaube nicht. Ich denke nicht, dass wir sagen würden: Philae ist gestorben. Wir würden eher sagen, dass er sein Leben auf dem Komet alleine weiterführt. Außerdem gibt es Überlegungen, dass die Rosetta-Mission verlängert wird. Rosetta könnte am Ende seines Auftrags auf dem Kometen landen. Durch den Umstand, dass Rosetta dann auch am Kometen wäre, könnten wir sagen: Philae und Rosetta leben jetzt glücklich miteinander bis ans Ende ihrer Tage. Aber ich weiß nicht. Ich muss das erst mit meinem Team und den Technikern diskutieren.

Sie werden bald Gast am Smart Content Day in Wien sein. Worüber werden Sie da sprechen?
Die Idee ist, über den ganzen Prozess rund um die Mission und die Landung von Philae zu sprechen. Unser Bereich ist Cross Media. Wir erstellen Inhalte für spezifische Plattformen, integrieren diese und verteilen sie. Ich möchte über die ganze Strategie dahinter sprechen und Beispiele für Konversationen und Reaktionen darauf präsentieren. Und ich werde auch ein bisschen über die Mission erzählen.