smart city

© Stadt Wien

Veranstaltung
02/17/2016

Smart City zwischen Zukunftskonzept und Marketing-Gag

Bei der Arbeiterkammer-Wien-Veranstaltung “Wien wächst - Smart City” diskutierten Experten am Mittwoch über Chancen und Probleme aktueller Zukunftvisionen für Städte.

“Firmen wollen uns erklären, dass die Digitalisierung der wichtigste Aspekt eine smarten Stadt ist. In dieser Darstellung zeigen die Konzerne den Städten, wo es langgeht. Technologiefolgen und soziale Aspekte kommen dabei oft zu kurz”, fasst Thomas Ritt von der Arbeiterkammer seine Smart-City-Kritik auf dem Podium zusammen. Viele Konzepte, die aktuell mit viel Aufwand beworben werden, laufen demnach darauf hinaus, dass die Firmen die Infrastruktur der Städte kontrollieren wollen. “Zudem wird heute jede schlecht ausgelastete Tiefgarage mit WLAN-Netz als smart bezeichnet”, sagt Ritt.

Prestigeprojekten wie Masdar City in Abu Dhabi oder Songdo in Südkorea verkörpern diesen technokratischen Zugang zur Stadt der Zukunft. “Solche Ansätze können kein Vorbild für Europa sein. Sie lassen sich entweder nicht ohne Milliardeninvestitionen umsetzen oder führen zu einem Marzahn mit Überwachung”, sagt Ritt. Die Versuche der Smart-City-Industrie, die Städte der Zukunft zu normieren, sind dem Arbeiterkammer-Experten ebenfalls ein Dorn im Auge. Auch der deutsche Städtetag übt hier heftige Kritik. “Es gibt noch viele offene Fragen, etwa was monetäre und politische Konsequenzen oder den Datenschutz angeht. Ob eine nachhaltige Stadt überhaupt neue Technologien braucht oder eher auf politische Lösungen setzen sollte, ist ebenfalls zu diskutieren”, sagt Ritt.


Wien will anders sein

Die Stadt Wien versucht mit ihrer Smart City Rahmenstrategie viele dieser Bedenken zu adressieren. “Es gibt gravierende Herausforderungen für Städte. Klimawandel und Fortbewegung sind nur zwei davon”, sagt Thomas Madreiter von der Stadt Wien. An einfache technische Lösungen für diese Probleme glaubt der Fachmann nicht. “Zu denken, dass wir in dreißig Jahren alle von selbstfahrenden Autos durch die Stadt kutschiert werden, ist so zielführend wie die Annahme, die Welt sei eine Scheibe”, sagt Madreiter. Zuwanderung, Armut, Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Finanzierungsprobleme und organisatorische Herausforderungen seien nur gemeinsam als Region zu lösen. “Die Stadt ist ein soziales Phänomen, nicht nur ein technisches Konstrukt. Wir brauchen mehr Chancen für Wiener und Wienerinnen”, sagt der Smart-City-Beauftragte.

Um das zu erreichen, hat Wien die Rahmenstrategie entworfen. Hier werden konkrete Ziele, etwa für die CO2-Reduktion bis 2050 oder die Senkung des Autoverkehrs in der Stadt um sieben Prozentpunkte, genannt. “Das ist eine langfristige Strategie, die auf Lebensqualität, Ressourcen-Schonen und Innovation setzt. Einen HAL wie aus Space Odysse 2001 wollen wir nicht. Wir bauen auf Open Data und die Beteiligung der Bürger”, sagt Madreiter. Diesen Ansatz heißt auch die Soziologin Saskia Sassen, die von der Arbeiterkammer als Keynote-Speakerin eingeladen wurde, gut. Sie sieht Städte als “lebende, sich bewegende Tiere”, die sich nicht in einfache Schemata pressen lassen. “Das bloße installieren von Informationstechnologie-Systemen wird meinem Bild einer Stadt nicht gerecht”, sagt die US-Amerikanerin.

Das Potenzial sind Menschen

Sie sieht in der technischen Infrastruktur vielmehr das Potenzial, dass Menschen sich einbringen können. “In jedem Viertel einer Stadt gibt es lokales Wissen, das die zentrale Verwaltung nicht besitzt. Meine Smart City besteht aus Open-Source-Nachbarschaften, die dieses Wissen verfügbar machen und den Bewohnern gleichzeitig die Möglichkeit geben, sich einzubringen”, sagt Sassen. Als einfaches Beispiel nennt die Soziologin eine App, die das Melden von Schlaglöchern ermöglicht.

“Ein smartes System muss die Menschen einbeziehen. Die Technik in Songdo degradiert die Nutzer zu bloßem Klickvieh. Das System weiß nichts darüber, was die User mit an den Tisch bringen”, sagt Sassen. Selbst wenn die Infrastruktur die Kriterien eines wahrhaft smarten Systems erfüllen, sei nicht sicher, dass die Ergebnisse vorteilhaft für die Gemeinschaft sind. “Die Infrastruktur, die Finanzdienstleister und NGOs verwenden, um Geld beziehungsweise Information zu aqkuirieren, ist praktisch dieselbe. Was danach passiert, macht den Unterschied”, sagt Sassen. Während im Finanzsektor ein vertikaler Vektor entsteht, der darauf ausgerichtet ist, Geld zu mehren, werden in NGOs horizontale Verknüpfungen geschlossen. “Dafür ist digitale Technik wichtig. Die Regierung könnte durch das Ermöglichen solcher Strukturen in Nachbarschaften eine enorme Verbesserung der Situation erreichen. Die Geschwindigkeit der Technologie gibt einen Impuls zur Befreiung von Wissen aus einem formalen Korsett”, sagt Sassen.