Digital Life
11.03.2015

Solarflug: "Wir sind mit dem Unbekannten konfrontiert"

Bertrand Piccard und Andre Borschberg wollen mit ihrem Solarflugzeug Solar Impulse die Welt umrunden. Die futurezone sprach in Abu Dhabi mit den beiden Piloten.

Am Montag wurde in Abu Dhabi der Versuch gestartet, erstmals mit einem Solarflugzeug die Welt zu umrunden. Eine Woche vor dem Abflug sprach die futurezone mit den beiden Piloten Bertrand Piccard und Andre Borschberg in den Vereinigten Arabischen Emiraten über ihr Projekt Solar Impulse. Piccard, der 1999 die erste erfolgreiche Nonstop-Ballonfahrt um die Erde geschafft hatte, absolvierte am Tag des Interviews einen seiner letzten Testflüge mit Solar Impulse 2. An der Fliegerei mit Sonnenenergie arbeiten Piccard und sein Schweizer Landsmann Borschberg schon seit 2003.

Wie war ihr Tag, Herr Piccard?
Bertrand Piccard: Der Trainingsflug heute war ein wichtiger Schritt für mich. Das Flugzeug ist bereit. Als ich eine kleine Runde über den Flughafen drehte, war es eine witzige Vorstellung, dass es beim nächsten Mal 35.000 Kilometer ostwärts geht, bis wir wieder hier ankommen - hoffentlich. Wir spüren, dass das Abenteuer beginnt.

Was haben Sie in den letzten beiden Monaten genau getestet?
Bertrand Piccard: Das Flugzeug musste für die Zivilluftfahrt zertifiziert werden, deshalb waren einige Verbesserungen notwendig, etwa bei der Sauerstoffversorgung, bei den Alarmsystemen, bei der Redundanz. Wir mussten alles trainieren um darin vollständig geübt sein und während des Fluges Probleme bewältigen zu können.
Andre Borschberg: Experimentelle Flugzeuge fliegen normalerweise über unbewohntem Gebiet. Wir fliegen dagegen über Großstädten. Das Flugzeug muss deshalb extrem verlässlich sein und zertifiziert werden. Deshalb gibt es eine Menge Tests.

Bei Ihrer Reise werden sie ja teilweise fünf Tage am Stück an Bord verbringen. Haben Sie das während ihrer Tests auch probiert?
Andre Borschberg: Nein, nicht so lange. Wir haben drei Tage und drei Nächte im Simulator verbracht. Wir stiegen nicht aus, haben uns darin ausgeruht, gegessen, unsere natürlichen Bedürfnisse verrichtet, genauso wie wir es im Cockpit tun müssen. So haben wir Strategien entwickelt, aber in der Praxis wird es noch ein bisschen anders sein. Wir werden über dem Meer sein, manchmal auf großen Höhen, manchmal wird es sehr kalt sein. Wir sind hier mit dem Unbekannten konfrontiert, das macht die Sache auch interessant.
Bertrand Piccard: Als ich im Ballon um die Welt flog, war ich 20 Tage nonstop in einer Kapsel. Dadurch habe ich einen Vorgeschmack. Ich musste dabei lernen, wie man sich sein kleines Haus am Himmel baut. Das ist eine sehr spezielle Erfahrung, aber ich liebe das, mit den Kräften der Natur um den Planeten zu reisen. Beim Ballon war es der Wind, beim Flugzeug ist es die Sonne.

Wie lief die Zusammenarbeit mit ihren Partnern, etwa mit dem Aufzughersteller Schindler bei der Solarzellenentwicklung?
Andre Borschberg: Wir arbeiten mit Schindler intensiv zusammen, auch weiterhin, denn bei experimentellen Flugzeugen sind immer Verbesserungen und Veränderungen notwendig. Für Schindler war es genauso wichtig wie für uns, Energie zu sparen. Wir bekommen Energie aus der Natur, es ist wichtig, sie effizient zu nutzen. Wir haben gemeinsam hart daran gearbeitet. Schindler-Techniker waren jahrelang Teil unseres Teams.

Haben Sie das Gefühl, dass jetzt alles bereit ist für den großen Flug?
Andre Borschberg: Es beginnt sich so anzufühlen, ja. Wenn Sie uns vor einer Woche gefragt hätten, wäre die Antwort möglicherweise noch anders ausgefallen. Jetzt ist alles auf den Start fokussiert, obwohl wir in einigen Ländern noch Genehmigungen brauchen. Ein Teil unseres Teams reist deshalb beispielsweise gerade nach China. Ich habe vollstes Vertrauen, dass alles gut laufen wird, aber wir stehen natürlich unter Druck.

Gab es Zeiten, wo sie daran gedacht haben, das Projekt aufzugeben?
Bertrand Piccard: Als wir uns entschieden haben, das Projekt anzugehen, gaben wir eine Pressekonferenz, noch bevor wir Geld, ein Team oder die notwendige Technologie hatten. Und wenn du einmal allen erzählst, was du tun wirst, dann kannst du gar nicht aufgeben. Das war eine große Hilfe, weil es manchmal kritisch wurde. 2013 waren wir fast pleite, aber dann kam Google an Bord und wir konnten weitermachen. Es ist ein Seiltanz und wir sind ständig im Stress. Manchmal ermutigen wir uns gegenseitig. Wir arbeiten großartig zusammen und haben eine wunderbare Freundschaft. Und unser Team ist sagenhaft.

Fahren Sie eigentlich persönlich ein normales Auto?
Bertrand Piccard: Nein, natürlich nicht. Ich hasse alte, umweltverschmutzende Technologien. Meiner Meinung nach sollten die alle durch neue, saubere Technologien ersetzt werden. Ich fahren einen Plug-In-Hybrid, Andre genauso. Mobilität muss sauber sein, Häuser müssen sauber sein. Hab ich auch bei meinem Haus gemacht. Isolierung verbessert, Fenster ausgetauscht. Meine Heizkosten sind jetzt nur noch ein Drittel so hoch. Mit sauberer Technologie kann man Geld sparen. Deshalb wollen Andre und ich eine große Aktion während unseres Fluges starten: 'Die Zukunft ist sauber'. Finden Sie auf unserer Webseite. Wir hoffen, in sechs Monaten Millionen Unterschriften gesammelt zu haben, um sie Regierungen vorlegen zu können. Das soll ein klares Signal sein, dass der Bevölkerung das Thema wichtig ist.