Digital Life
05.08.2016

"Urbane Seilbahnen sind Verkehrsmittel der Zukunft"

Die österreichische Firma Leitner setzt auf Seilbahnen in der Stadt, um die Stagnation im Ski-Geschäft auszugleichen. In Südamerika gelingt das besser als in Europa.

In Brighton in Großbritannien wurde dieser Tage mit dem i360 der weltweit dünnste Aussichtsturm der Welt eröffnet. Die vertikale Seilbahn-Konstruktion stammt dabei vom in Frankreich ansässigen Unternehmen Poma und dem Zulieferer Sigma, die sich auf den Bau von Kabinen im Bereich von Seilbahnen spezialisiert haben. Die Firmen sind Teil der Leitner-Gruppe mit Sitz in Telfs in Tirol. Die futurezone traf Vorstand und Geschäftsführung beim Besuch in Großbritannien, um über die Zukunft des Seilbahngeschäfts zu sprechen.

"i360 ist ein Vorzeige-Objekt"

„Bei dem Projekt in Brighton haben wir uns etwas von der Glaskonstruktion abgeschaut, die jetzt auch bei einem unserer Projekte am Stubaier Gletscher zum Einsatz kommen wird“, erklärt Anton Seeber, Vorstandsmitglied der Unternehmensgruppe Leitner, im futurezone-Gespräch. Die Firma mit Sitz in Telfs in Tirol sowie in Sterzing in Südtirol ist auf Seilbahnen spezialisiert und beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter. „Innovation ist für uns sehr wichtig und der i360 ist hier ein Vorzeige-Objekt, bei dem zu sehen ist, wie sich die Welt verändert und sich neu erfinden kann“, so Seeber. Das Unternehmen nimmt jährlich rund 20 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung in die Hand.

„Das ist es, worum es geht: Nicht in der Vergangenheit zu leben und etwas Neues, Innovatives schaffen. Ohne Veränderung geht es nicht und dazu braucht man oft Mut, etwas neu zu denken.“ Das Projekt in Brighton brauchte insgesamt 13 Jahre vom ersten Konzept bis zur Eröffnung und sowohl das Glas in der Kabine als auch die vertikale Seilbahn-Konstruktion in 138 Meter Höhe sind etwas Besonders, etwas Einzigartiges.

Seilbahnen für urbanen Raum

Dass etwas so lange dauert, ist bei Projekten aus dem Hause Leitner normalerweise nicht der Fall. „Wir haben Seilbahn-Projekte, da vergehen von der Vertragsunterzeichnung bis zur Eröffnung nur 13 Monate“, sagt Seeber. Neben dem Seilbahn-Geschäft rund um das Ski-Business, das seit Jahren stagniert, ist für die Firma das Geschäft im urbanen Raum immer wichtiger geworden. „Seilbahnen in der Stadt haben großes Potenzial“, sagt der Geschäftsführer Martin Leitner.

„In Cali, einer Stadt in Kolumbien, verbinden wir etwa eines der ärmsten Viertel der Stadt mit dem öffentlichen Verkehrsnetz. Das bedeutet für die Bewohner einen leichteren Zugang zu Arbeitsplätzen und Schulen“, erklärt der Geschäftsführer der Leitner-Gruppe. Statt einer dreiviertel Stunde dauert die Fahrt mit der Seilbahn nur noch neun Minuten. Die Bahn in Cali ist 2037 Meter lang, überwindet dabei mit 14 Stützen einen Höhenunterschied von 213 Metern und verbindet das Stadtviertel Siloé mit dem Busbahnhof. "Urbane Seilbahnen sind dort die Verkehrsmittel der Zukunft", sagt Seeber.

Wegzeit wird verkürzt

Doch dies ist nur eines von mehreren Projekten in Südamerika. In Mexico City entsteht derzeit eine sechs Kilometer lange Seilbahn über der Stadt. Zwei neue Kabinenbahnen sollen zukünftig in Ecatepec de Morelos einen Beitrag zur Lösung der Verkehrsprobleme in Mexiko City leisten. Der Weg für die Menschen verkürzt sich damit von einer dreiviertel Stunde auf eine Fahrtzeit von knapp 20 Minuten. Die Seilbahn wird zudem wie in Kolumbien direkt an das Verkehrssystem angeschlossen sein. „Das Projekt ist gerade in Umsetzung, wird aber noch 2016 fertig sein“, sagt Seeber.

Neben Südamerika setzte die Firma auch Projekte in Malaysia, Macau, oder Ankara in der Türkei um. „Natürlich sind wir auch weiterhin von Projekten in Skigebieten abhängig, aber die urbane Nutzung von Seilbahnen hilft uns, die Stagnation im Wintersportgeschäft auszugleichen“, sagt Leitner. „Die Kernkompetenz nimmt man uns ab, weil wir aus dem Alpenraum kommen“, sagt Seeber. „Allerdings haben wir sehr wohl mit internationaler Konkurrenz zu kämpfen“, so der Geschäftsführer.

"Niemand will ein Seilbahnunglück"

Als europäisches Unternehmen etabliere man aber auch in anderen Ländern europäische Sicherheitsstandards. „Das europäische Seilbahngesetz wird auch außerhalb Europas gut aufgenommen. Dieses Know-How vermitteln wir und Sicherheit bleibt das oberste Gebot“, sagt Seeber. „Ein Seilbahnunglück will schließlich niemand. Das würde für ähnlich schlechte Presse sorgen wie ein Flugzeugabsturz.“ Deshalb fertige man bei der Leitner Gruppe die Hochsicherheitsteile der Seilbahn auch alle hausintern.

„Natürlich ist unser Geschäft durch die Ski-Industrie entstanden. Diesem Feld bleiben wir auf jeden Fall weiterhin treu und machen weiter spannende Projekte im Alpenraum“, erklärt Seeber. So soll etwa Ende Oktober eine 4,7 Meter lange Dreiseil-Eisgratbahn am Stubaier Gletscher eröffnet werden – die längste in ihrer Bauart in den Alpen.
Die Fahrt von 1697 Meter Seehöhe bis auf den Berg von 2900 Meter soll bei einer Geschwindigkeit von rund 25 km/h elf Minuten dauern. Die komplette Seilbahntechnik der 3S Eisgratbahn kommt dabei von Leitner. In Europa bleiben Skizentren auch weiterhin die Hauptauftraggeber. „In europäischen Städten ist das schwierig mit der Bürokratie“, so Leitner. Mit einigen, wenigen Ausnahmen: In Berlin wird gerade eine Seilbahn zur internationalen Gartenausstellung gebaut, die ab April 2017 stattfinden wird.