Singer-Songwriterin Vienna Teng im Interview mit der futurezone

© Shervin Lainez

Musikwirtschaft
04/29/2014

Vienna Teng: "Fraglich, ob Labels noch Sinn machen"

Die US-Sängerin Vienna Teng hat sich mit fünf Singer-Songwriter-Alben einen Namen gemacht. Im Interview spricht sie über die Zukunft der Musikbranche, Kickstarter und die NSA.

von Martin Stepanek

futurezone: Sie kommunizieren seit jeher sehr offen mit ihren Fans und nutzen alle Möglichkeiten des Webs. Wie wichtig sind soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter heute eigentlich für einen Musiker?
Vienna Teng: Als ich mit der Musik begonnen habe, wurde das Internet gerade enorm wichtig, um Musik zu promoten. Ich habe diesbezüglich großes Glück gehabt und musste nicht bei einem großen Label unterschreiben, um Erfolg zu haben. Das meiste ging aber von den Fans aus und das wird auch in Zukunft immer wichtiger werden – dass man eine großartige Beziehung zur eigenen Fanbase hat und pflegt.

Welche Rolle spielen die Plattenfirmen da noch?
Es ist wirklich fraglich, ob die Musik-Labels – zumal in der jetzigen Struktur - noch Sinn machen. Ich denke schon, dass es auch in Zukunft einen Platz für Labels, Verlage und das ganze Drumherum geben wird, aber der beste Weg für Künstler werden vermutlich neue Geschäftsmodelle wie Kickstarter und andere Crowdfunding-Plattformen sein.

Sie haben für die Produktion ihres neuesten Videos ebenfalls auf die Kickstarter-Community zurückgegriffen. Wie gut hat das funktioniert?
Es war als Experiment gedacht, da Musikvideos ja noch nie Geld abgeworfen haben. Am Ende hat es aber ganz ausgezeichnet funktioniert. Das ursprüngliche und recht ambitionierte Ziel, 20.000 Dollar aufzustellen, haben wir in nur fünf Stunden geschafft. Am Ende wurden es gar 80.000 Dollar, schon verrückt eigentlich.

Mit Crowdfunding steigt aber auch die Verantwortung, die man als Künstler für die „verkauften“ Leistungen gegenüber den Fans trägt.
Ja, definitiv! Und es wird wohl auch noch Wochen dauern, bis ich alle Versprechungen erfüllt habe. Um ehrlich zu sein, es gibt sicher unkompliziertere Wege, um 20.000 Dollar aufzustellen, als eine Kickstarter-Kampagne durchzuziehen. Aber es hat viel Spaß gemacht und ging von Anfang nicht nur ums Geld. Vielmehr hat es bei den Fans schon vor der Veröffentlichung viel Aufmerksamkeit für das neue Album und Video erzeugt.

Ist Kickstarter auch eine Alternative für junge Künstler, um Geld aufzustellen?
Für einen absoluten Newcomer ist es sicher schwierig, eine Kampagne auf die Art aufzustellen, wie ich es getan habe. Viele Leute, die mich unterstützt haben, kennen mich schon sehr lange und fanden die Idee gut, ihre Wertschätzung für meine Musik und meine Arbeit auf diese Weise zu zeigen. Ein ganz neuer Künstler kann sicher auch Geld über Crowdfunding auftreiben, die Beweggründe sind dann aber vermutlich andere.

Künstler, die sich auf die neuen Interaktions-Möglichkeiten einlassen, rücken näher an ihre Fanbase heran. Besteht dabei nicht die Gefahr, dass die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre völlig verschwimmt?
Ich hatte damit eigentlich nie ein Problem. Natürlich mache ich auch Aktionen, dass Leute mal Backstage dürfen oder es sogar Telefon-Gespräche mit Fans gibt. Aber das alles findet in einem definierten Kontext statt. Meine Privatsphäre wird dabei immer respektiert.

Treiben Sie sich eigentlich manchmal in den Fan-Foren herum?
Bis zu einem gewissen Grad, ja. Denn man landet sonst viel zu leicht in so einer Blase, wo man nur mit ein paar Leuten zu tun hat, die alles abfeiern, was man macht. Am Anfang der vergangenen Tour habe ich Leute bewusst eingeladen, ihr Feedback zu den Konzerten zu geben, da wir viel herumprobiert haben. Manches war deftig formuliert und hat weh getan. Aber wenn man es schafft, das nicht persönlich zu nehmen, sondern nutzt, um sich weiterzuentwickeln und zu verbessern, ist es eine gute Sache. Und es gibt ja auch keine Verpflichtung, auf jede einzelne Meinung zu hören.

So vielversprechend Geschäftsmodelle wie Kickstarter sind, die Frage bleibt: Kann ein Künstler heute von Album-Verkäufen überhaupt noch leben?
Das aktuelle Album "Aims" habe ich komplett unabhängig veröffentlicht – sowohl digital, als auch als physische CD. Seit langem ist es aber ohnehin so, dass man das meiste durch Live-Shows und den Verkauf von CDs dort hereinbekommt. Auch wenn man bei einem großen Label ist, sieht man von den CD-Verkäufen im Grunde kaum etwas.

Wie finden Sie Streaming-Plattformen wie Spotify? Auch diese stehen unter heftiger Kritik, dass Künstler ausgebeutet werden.
Ich finde es wunderbar, dass man so leicht und günstig Zugang zu praktisch jeder Musik haben kann, die existiert. Als wir für das aktuelle Album im Studio waren, haben wir gegenseitig immer wieder Songs als Referenz über Spotify aufgerufen. Gleichzeitig ist das Business-Modell für Künstler tatsächlich völlig unklar, das zeigt ja auch die Ironie unserer Produktion: Man macht eine CD, die man später verkaufen möchte und nutzt dafür diese unerschöpfliche Musikdatenbank, ohne jemals einen Song oder ein Album kaufen zu müssen.

Aber wie könnte ein Modell funktionieren, von dem Künstler profitieren?
Ehrlich gesagt habe ich darauf keine Antwort. Die Tarife, die Künstler für gespielte Songs bekommen, sind so gering, dass die meisten kein Geld sehen werden. Andererseits glaube ich auch, dass viele Unternehmen selbst noch nach dem richtigen Geschäftsmodell suchen und die Lizenzgebühren so gestaltet sind, wie sie jetzt sind. Was man auch nicht vergessen darf, ist, dass Plattformen wie Spotify es erleichtern, Konzert-Tickets zu verkaufen und mit Fans zu interagieren.

Das Cover Ihres Albums „Aims“ ziert eine Landkarte des Datenvisualisierungs-Künstlers Stephen Von Worley. Was genau ist darauf zu sehen?
Die Karte visualisiert die Bevölkerungsveränderungen der Stadt Detroit der vergangenen zehn Jahre. Die offensichtliche Geschichte ist, dass viele Leute aus der Stadt gezogen sind. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man aber einige Flecken in der Innenstadt, wo Leute entgegen des Trends wieder mitten in die Stadt zogen. Diese Komplexität, die man aus den Daten herauslesen kann, finde ich faszinierend.

Interessieren Sie sich für Datenwissenschaft?
Aus meiner Zeit als Computerwissenschaftsstudentin habe ich noch einige Freunde, die sich darauf spezialisieren. Es gibt so viele positive und wertvolle Einblicke, die man mittels Big Data gewinnen kann. Auf der anderen Seite gibt es natürlich das große Thema der Überwachung.

Der NSA-Skandal lässt vieles in anderem Licht erscheinen. In Europa scheint das Unbehagen aber viel größer zu sein als in den USA.
Auch bei uns sind sehr viele Leute beunruhigt, Organisationen wie die Electronic Frontier Foundation (EFF) setzen alles daran, um die Freiheit des Internets zu verteidigen. Ich persönlich glaube auch, dass die Machthaber sehr stark in Richtung mehr Überwachung drängen, aber tue mir auch schwer zu sehen, wie man das Ganze überhaupt wieder zurückdrehen könnte. Natürlich kann man gewisse Dinge versuchen, besser zu kontrollieren oder transparenter zu gestalten, aber die Stoßrichtung ist eindeutig…

Viele dürfte es überraschen zu hören, dass Sie vor ihrer Musikerkarriere zwei Jahre für Cisco als Programmiererin gearbeitet haben. Gibt es für Sie eine Verbindung zwischen Kunst und Technologie?
Für mich persönlich war die Verbindung immer da, wenngleich sich das nicht unbedingt in der Musik widerspiegelte. Ich mag es, mit Computern zu arbeiten oder eine eigene Homepage zu basteln und hab mich auch mit den ganzen Social-Media-Tools immer wohlgefühlt. Gleichzeitig sitze ich gern ohne technisches Equipment am Klavier.

Auf dem jüngsten Album Aims sind Sie aber zumindest experimentierfreudiger, was elektronische Sounds und vokale Verzerrungen betrifft. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, ich wollte definitiv etwas Neues ausprobieren und mit einem neuen Produzenten arbeiten. Gleichzeitig sind einige der Songs für Aims so entstanden, dass ich mit Looping-Pedalen, vokalen Harmonisern und Musikbibliotheken drauf los experimentiert habe.

Vor einiger Zeit haben Sie eine Auszeit genommen, um an der Uni einen Masters in Wirtschafts- und Umweltwissenschaften zu machen. Werden Sie dennoch als Musikerin weitermachen?
Ich wollte die Routine – Album aufnehmen, Tour, Album, Tour – durchbrechen und mir ein zweites Standbein aufbauen. Auf eine paradoxe Art und Weise glaube ich, dass meine Musik davon profitieren wird, wenn ich weniger Zeit als Künstlerin damit verbringe. In meinem Consulting-Job werde ich mich vor allem um Nachhaltigkeits-Themen wie Umwelt und Gesellschaft kümmern. Mein Traum wäre, die Musik mit diesen Themen irgendwie verknüpfen zu können. Im Moment hab ich leider aber noch gar keine Vorstellung, wie das gut zu bewerkstelligen wäre. (lacht)

Eine letzte Frage noch zu Ihrem Künstler-Namen: Hat Vienna etwas mit der Stadt Wien zu tun oder ist der Name Zufall?
Nein, es war in der Tat so, dass ich als junge Klavierschülerin über meinen Bühnennamen nachgedacht habe. Als ich eines Tages herausfand, dass die großen Komponisten wie Mozart und Beethoven zumindest Teile ihres Lebens in Wien verbracht haben, fand ich das als Vorname passend. Mein echter Nachname „Shih“ passte aber irgendwie nicht gut dazu, deswegen habe ich auch da nachgeholfen.