Digital Life
19.02.2018

Vinyl schlägt CD: Warum jeder wieder Platten kauft

Während die Verkaufszahlen von CDs und digitalen Alben einbrechen, erreicht der Vinyl-Absatz ungeahnte Wachstumsraten.

Und sie dreht sich noch. Die Rede ist von der guten alten Schallplatte, die gerade das unwahrscheinlichste Comeback der jüngeren Technologiegeschichte feiert. Fristeten die traditionsbehafteten Scheiben seit den 1990er-Jahren maximal ein Nischen- und Liebhaberdasein, sind Vinylverkäufe mittlerweile wieder zu einer ernstzunehmenden Größe auf dem Musikmarkt angewachsen. Allein von 2014 bis 2016 stiegen die Schallplattenerträge in Österreich um über 77 Prozent auf 7,1 Millionen Euro. Das entspricht sieben Prozent des Gesamtmarkts verkaufter Tonträger, Tendenz weiter steigend.

Vinyl boomt

In Deutschland wurden 2016 mit 3,1 Millionen verkauften Exemplaren so viele Platten abgesetzt wie seit 1992 nicht mehr. Und auch in den USA boomt der Verkauf mit zuletzt über 13 Millionen abgesetzten LPs pro Jahr. Das ist insofern bemerkenswert, als dass alle sonstigen physischen Tonträger Umsatzeinbußen hinnehmen müssen und zuletzt auch der Verkauf von digitalen Alben und Songs schwächelte. Grund dafür dürfte die Popularität von Streaming-Diensten wie Spotify, Apple Music und Amazon sein, die in den vergangenen Jahren spürbar abhoben und die Hör- und Kaufgewohnheiten von Musik-Liebhabern einmal mehr auf den Kopf stellten.

Rave Up Records

Zu jenen, die sich von den digitalen Musikrevolutionen von CD über MP3 bis zum Streaming nicht beirren ließen, zählen Doris und Werner („Shorty“) Schartmüller. Vor ziemlich genau 30 Jahren in Wien gegründet, steht ihr kleiner Plattenladen Rave Up im 6. Wiener Gemeindebezirk unbeeindruckt von den Zeichen der Zeit, während pompöse Verkaufstempel wie der Virgin Megastore an der nahegelegenen Mariahilfer Straße längst Geschichte sind.

50 Jahre Plattensammeln

„Wir haben immer gesagt, dass Vinyl das einzige ist, das Bestand hat. Anders als eine CD ist eine Platte ja praktisch unzerstörbar und von der Qualität her einfach das hochwertigere und edlere Produkt. Selbst Kratzer sind meist nur oberflächlich“, sagt Doris Schartmüller zur futurezone. „Allein das Auflegen,  dass man so etwas in der Hand hat, die wunderschönen Cover zum Aufklappen und auch das Knistern. Das schafft eine ganz besondere Atmosphäre.“ Dass man von Anfang an ganz auf die Schallplatte setzte, habe sich bewährt.

„Ich hab immer an Vinyl geglaubt. Andere konnten das nicht und sind auf CD umgestiegen und mussten dann ihr Geschäft zumachen. Bei uns hingegen ist die Klientel über all die Jahre geblieben. Heute schicken sie uns ihre Kinder“, erzählt Werner Schartmüller schmunzelnd. Die eigene Sammlung von über 14.000 Platten hat Werner mittlerweile um 6.000 Stück reduziert: „Ich hatte ja alles doppelt und dreifach und spiele in Wahrheit eh immer nur das Gleiche.“

Mit dem Plattensammeln fing er 1968 an. „Das Geld dafür bekam ich anfangs von meiner Oma fürs Rasenmähen, obwohl meine Mutter immer meinte  ,Kauf ihm das nicht, sonst wird er rauschgiftsüchtig!’“ Zugute kam dem kleinen Geschäft sicher auch der Fokus auf Musik abseits des Massenmarkts in den Bereichen Soul, Funk, Punk und Indie sowie die persönliche Betreuung von Kunden, aber auch der lokalen Musikszene, die dem Rave Up über die Jahre hinweg eng verbunden blieb.

Von der Nische zum Welterfolg

Niemals den Glauben an die Schallplatte verloren hat auch Heinz Lichtenegger. Der Geschäftsführer der österreichischen Plattenspieler-Marke Pro-Ject Audio Systems wollte den Niedergang der schwarzen Scheibe Ende der 80er-Jahre nicht hinnehmen und kaufte kurzerhand in Tschechien eine Fabrik, in der er ab 1991 funktional schlichte, aber hochwertige Plattenspieler produzierte.

„Die Platte spricht alle Sinne an, sie lässt sich hören, sehen, greifen, riechen. Wenn ich meinem besten Freund Musik schenken will, werde ich wohl kaum mit einem USB-Stick aufkreuzen.“ Lichtenegger glaubt, dass neben dem digitalen Streaming letztlich nur die Platte im Musikmarkt übrigbleibt. „Das entspricht unserem veränderten Lebensstil. Die Menschen sehnen sich nach Entschleunigung und einem bewussteren Leben. Die Liebe zur Schallplatte ist ein Synonym dafür.“

Die Nische hat sich für das Unternehmen jedenfalls ausgezahlt. Mittlerweile zum globalen Marktführer aufgestiegen, beschäftigt Pro-Ject Audio Systems heute 650 Mitarbeiter, die in vier Fabriken Plattenspieler und andere Hifi-Komponenten herstellen. Besonders stolz ist Lichtenegger auch auf das erst im August 2017 eröffnete moderne Hauptquartier im Wirtschaftspark A5 im Weinviertel, in dem 25 Mitarbeiter auf 5.500 Quadratmetern Fläche den weltweiten Vertrieb und das Marketing abwickeln.

Auch die Forschungs- und Entwicklungsagenden sind dort angesiedelt.Dem Anspruch, funktional minimalistische Geräte herzustellen, die hochwertig und leistbar sein sollen, ist das Unternehmen treugeblieben. Beim Design wird freilich seit Ende der 90er-Jahre mit unterschiedlichen Farben und Materialien experimentiert. Billiges Plastik bleibt für Lichtenegger dabei ebenso tabu wie Chrom, das den Preis für die Geräte laut seinen Angaben unnötig nach oben treiben würde.

Fehlende Presswerke

Die Renaissance der Schallplatte, die mittlerweile von der Musikindustrie als unverhoffte Einnahmequelle entdeckt wurde,  sorgt allerdings für neue Herausforderungen. Da heute nur noch ein Bruchteil der Presswerke aus der Hochblüte der Massenproduktion existiert und neben den damals verwendeten Maschinen auch viel Know-how verlorengegangen ist, kommen die wenigen Hersteller mit der Fertigung nicht nach. Wochen- oder monatelange Wartezeiten sind selbst bei großen Labels keine Seltenheit.

Während GZ Vinyl, das größte Schallplatten-Presswerk der Welt im verschlafenen tschechischen Örtchen Loděnice, die Fertigung im Vorjahr auf 65.000 Platten pro Tag steigern konnte und zuletzt ein  neues Presswerk in Kanada eröffnete, bietet der Vinylboom auch für kleinere Produzenten neue Chancen. So hat mit Austrovinyl vor kurzem auch in Österreich wieder ein kleines Presswerk seinen Dienst aufgenommen.

Made in Austria

Eingerichtet in einem 300 Jahre alten Bürgerhaus im südoststeirischen Fehring werden seit September 2017 Platten in liebevoller Handarbeit und allen erdenklichen Vinyl-Farben hergestellt. Sowohl das Mastering als auch das Erstellen der Pressmatrize sowie das  dann folgende vollautomatische Pressen erfolgen vor Ort. Ein  adaptierter Maschinenpark – mit dem Geschäftsführer Peter Wendler ist auch ein gelernter Maschinenbauer mit an Bord – soll die Vorzüge von bewährten Produktionstechniken aus den 80er-Jahren mit neuesten Technologien verbinden. Das Vinylgranulat stammt aus Italien, die Rezeptur geht auf die 70er-Jahre zurück, wie Wendler stolz berichtet.

„Trotz der vollautomatischen Produktion der Maschine sind viele Handgriffe notwendig. Man drückt nicht einfach auf ein Knöpfchen und es purzeln 200 Schallplatten heraus. Das ist wie beim Kochen. Da muss man dabeibleiben, bei der Temperatur nachjustieren und die Produktion überwachen“, erklärt Wendler. Ansprechen will die Firma vor allem kleinere Labels und Indie-Künstler, denen hochwertiger Klang wichtig ist, die sich aber oftmals nur limitierte Auflagen leisten können. Auch Kleinserien mit 100 bis 300 Stück werden von Austrovinyl in Auftrag genommen.