Digital Life
20.02.2018

Streitfrage Vinyl-Klang: "Industrie hat uns für dumm verkauft"

Die Frage, ob Vinyl tatsächlich besser als digitale Musikformate klingt, entzweit Musikliebhaber und Audio-Experten.

Das unerwartete Comeback der Schallplatte, das sich mittlerweile auch in beeindruckenden Verkaufszahlen niederschlägt, wird neben dem haptischen Erlebnis immer wieder auch dem angeblichen schöneren analogen Klang zugeschrieben. Während Wissenschaftler wie MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg diese Wahrnehmung als psychologisch erklärbar bezeichnen, sieht sich Heinz Lichtenegger, der Gründer des Plattenspielerherstellers Pro-Ject Audio Systems durch den aktuellen Niedergang der CD-Verkäufe bestätigt.

"Platte viel angenehmer"

„Die Industrie hat uns von Anfang an für dumm verkauft, indem sie allen einredete, dass die CD viel besser ist. Dabei war es offensichtlich, dass  die Platte viel schöner klingt und das analoge Musikhören für das menschliche Ohr viel angenehmer ist. Für mich war daher immer klar, dass Vinyl überleben wird“, erklärt Lichtenegger im Gespräch mit der futurezone. 

Dass der analoge Klang der Schallplatte bis heute in manch audiophilen Kreisen als Ideal heraufbeschworen wird und selbst Störelemente wie Knistern und Rauschen das Erlebnis offenbar nicht trüben können, überrascht auch Karlheinz Brandenburg, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT), nicht. Der Miterfinder des digitalen Musikformats MP3 beschäftigt sich seit vielen Jahren mit psychoakustischen Effekten, bzw. versucht zu ergründen, warum Menschen Klang als „besser“ oder „schöner“ wahrnehmen, selbst wenn die technisch messbaren Parameter dafür keine Erklärung liefern können.  

„Mittlerweile wissen wir, dass Menschen kein absolutes Qualitätsempfinden haben, sondern im Gehirn ständig ein Abgleich mit Erwartungen stattfindet. Wenn ich etwa als Hifi-Enthusiast für 2.000 Euro ein Kabel für meine Stereoanlage kaufe und erwarte, dass es besser klingt, dann wird es für mich auch besser klingen. Das ist psychologisch erklärbar“, sagt Brandenburg. Dass guter Klang in vielen Fällen Einbildung ist, zeigen wissenschaftliche Blindtests, in denen Versuchspersonen das gleiche Audiosignal vorgespielt, diesen aber suggeriert wird, es handle sich um verschiedene Ausgabegeräte oder Formate.

Placebo-Effekt

So zeigten englische Wissenschaftler, dass ein Plattenspieler von 60 Prozent der Teilnehmer als das Gerät mit dem schöneren Klang  bezeichnet wurde, obwohl über Lautsprecher dieselbe digitale Musikaufnahme eingespielt wurde, die zuvor einem digitalen Wiedergabegerät zugeschrieben worden war. „Bei der Platte spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Viele Leute kennen den Klang inklusive der typischen Nebengeräusche aus ihrer Jugendzeit und verbinden gute Erinnerungen damit“, erklärt Brandenburg.

Dazu komme, dass eine Platte physikalisch bedingt hörbar anders klinge als ein digitales Wiedergabemedium. „Durch das mechanische Kratzen der Nadel an den Wänden des Vinyls entstehen diverse Geräusche und Oberwellen, die einen Klang erzeugen, der von vielen als warm und angenehm empfunden wird“, erklärt Brandenburg. Wer eine möglichst neutrale und der Originalquelle nahekommende Aufnahme hören wolle, komme um digitale Musik allerdings nicht herum, widerspricht der Wissenschaftler vielen Plattenenthusiasten, die auf analoge Aufnahme und Wiedergabe schwören.

"Neutrale" Wiedergabe

Diese Aussage lässt Pro-Ject-Geschäftsführer Lichtenegger nicht gelten: „Es gibt keine neutrale Wiedergabe, zumal diese von so vielen Faktoren wie dem Raum und der Aufnahme abhängig ist. Ob etwas besser oder schlechter klingt, ist wissenschaftlich nicht objektiv feststellbar. Sonst würden nicht zwei der traditionsreichsten Lautsprecherhersteller, Klipsch und Bose, in ihren theoretischen Abhandlungen völlig konträre Meinungen vertreten, was den perfekten Sound ausmacht.“

Als mögliche Gefahr für audiophile Vinyl-Käufer sieht Lichtenegger neben Billig-Plattenspielern vor allem schludrig produzierte LPs: „Ein Rolling-Stones-Album, das lieblos von einem digitalen Master und grottenschlecht gepresst wird und dann vom Hörer auch noch  auf einem billigen Plastikbomber abgespielt wird  – das kann nicht gut klingen. Wenn einer das hört,  wird er natürlich sagen, die Analog-Verfechter haben einen Schuss.“

Worauf es ankommt

Auch beim kleinen österreichischen Schallplatten-Presswerk Austrovinyl weiß man naturgemäß, worauf es ankommt, damit die Platte auch tatsächlich gut klingt. Um klanglich das Beste aus Vinyl herauszuholen, empfiehlt Austrovinyl-Mitgründer Johann Fauster, sich auf 20 bis 23 Minuten pro Albumseite  zu beschränken und die Dynamik bei der Mischung voll auszukosten. „Anders als  im Radio und leider auch bei vielen digitalen Downloads, die nur auf Lautstärke setzen, lebt Vinyl  von den Unterschieden zwischen laut und leise. Darüber hinaus braucht die Nadel Platz, um sich zu bewegen. Die Musik darf also keinesfalls zusammengequetscht werden“, erklärt Fauster.