Digital Life
26.07.2018

Warum Japan 2019 ein Y2K-Problem droht

Wie einst beim Millenium-Bug droht Japan durch einen Kalenderwechsel ein großflächiges IT-Chaos.

Der 30. April 2019 könnte weitreichende Folgen für Japan haben. An diesem Tag dankt der japanische Kaiser Akihito nach fast 30 Jahren Amtszeit ab und übergibt an seinen Sohn Naruhito. Der Machtwechsel könnte nicht nur politische Folgen haben, sondern die gesamte IT-Branche ins Wanken bringen. Wie einst zu Beginn des neuen Jahrtausends bereitet ausgerechnet der Kalender Probleme.

Obwohl Japan auch den gregorianischen Kalender verwendet, kommt in Japan auch eine alternative Zeitrechnung zum Einsatz. Beim Gengō-System wird das Jahr ab der Thronbesteigung eines neuen Kaisers gezählt. Beim Beginn und Anfang eines Jahres orientiert man sich aber weiterhin am gregorianischen Kalender. Besteigt ein neuer Kaiser Anfang März den Thron, beginnt das zweite Jahr seiner Ära dennoch mit dem 1. Jänner.

Neues Zeitalter könnte ignoriert werden

Dieses komplexe und veraltete System ist in Japan nach wie vor weit verbreitet – auch in Computersystemen. Da der derzeit amtierende Kaiser Akihito fast das gesamte moderne PC-Zeitalter hindurch auf dem Thron saß, gab es auch nie eine Veranlassung, die Zählweise in der Software anzupassen. Mit dem Beginn jedes gregorianischen Jahres beginnt auch das nächste Jahr der Heisei-Ära. 

Doch nun endet die Heisei-Ära und unzählige Software-Entwickler, Kalender-Hersteller und internationale Standardisierungs-Komitees fürchten bereits den Aufwand, den der Wechsel mit sich bringen wird. Das derzeit größte Problem: Es ist noch unklar, wie die Ära des neuen Kaisers heißen wird. Dementsprechend können selbst fleißige Entwickler derzeit das Problem noch nicht beheben. Einige Behörden, wie das Finanzministerium, haben bereits angekündigt, dass sie, auch nachdem die neue Ära begonnen hat, möglicherweise vorläufig weiter in Heisei-Jahren zählen würde. Das soll insbesondere Verwirrung bei Steuererklärungen vorbeugen.

Vergleichbar mit Y2K-Bug

Microsoft hat dennoch mit den Vorbereitungen begonnen und im April ein Software-Update veröffentlicht, mit dem Entwickler die Anpassung bereits testen können. In einem Blogeintrag weist der US-Konzern auf mögliche Probleme hin, die man bei der Umstellung beachten sollte. So könnten Einträge mit einem Datum in der Zukunft gespeichert sein, die auf das neue Format umgestellt werden müssten. Aber auch das Zählen von Jahren könnte Probleme bescheren, da – zumindest für die Software – erstmals in einem gregorianischen Kalenderjahr zwei Teiljahre stattfinden.

„Die Auswirkungen dieses Ereignisses auf Computersysteme, die den japanischen Kalender verwenden, sind vergleichbar mit dem Y2K-Problem und dem gregorianischen Kalender“, schreibt Shawn Steele, ein Microsoft-Mitarbeiter, in einem MSDN-Blogeintrag. Beim berühmt-berüchtigten Jahr-2000-Problem musste die Zählweise von Millionen Computersystemen angepasst werden. Um Speicher zu sparen, zählten Computer im 20. Jahrhundert lediglich die letzten beiden Stellen der Jahreszahl. Mit dem Übergang in das neue Jahrtausend wären die Kalender somit im 20. Jahrhundert steckengeblieben und hätten 1900 statt 2000 ausgewiesen. Kritiker fürchteten schwere Ausfälle, dank koordinierter Maßnahmen konnte das Problem aber rechtzeitig behoben werden.

Panik bei Unicode

Das japanische Y2K-Problem fordert nun auch das Unicode-Konsortium, das für die Standardisierung von Schriftzeichen, Symbolen und Emojis zuständig ist. Dieses muss ein Zeichen für die Ära definieren, deren Name aber wohl frühestens im Februar 2019 bekannt gegeben wird. Dieses Zeichen muss somit binnen nur zwei Monaten standardisiert und von den Herstellern in ihre Software implementiert werden – ein nahezu unmöglicher Zeitrahmen. Die Standardisierung wird zusätzlich erschwert, da im März Unicode 12 erscheinen soll. Womöglich könnte kurz darauf eine aktualisierte Version 12.1 erscheinen, die das neue Schriftzeichen für die Ära enthält.

Kurioserweise wäre Japan auch mit der Integration der neuen Ära noch nicht gerettet. Zahlreiche ältere Computer, die vor 1989 in Betrieb genommen wurden, zählen weiterhin in der Shōwa-Ära, die eigentlich mit Shōwa 64 endete. Da die Zählweise lediglich auf zweistellige Jahreszahlen ausgelegt ist, könnte nach Shōwa 99 – im Jahr 2025 – ein weiteres Y2K-Problem drohen.