Digital Life
06/16/2013

Wie der #Hashtag das Internet aufmischt

Die Geschichte der Hashtags, also von Schlagwörtern („tags“), die mit einem Rautezeichen („hash“) versehen sind, ist so alt wie das Internet selbst. Im legendären Chatprotokoll IRC sind die Marker bereits seit 25 Jahren zum Ordnen von Diskussionsgruppen und Themenfeldern in Verwendung. Heute sind Hashtags auf Twitter, Google+, Tumblr, Instagram und nun auch auf Facebook etabliert. Die futurezone hat nachgefragt, was die Faszination der Doppelkreuz-Wort-Kombination ausmacht.

Hashtags sind deshalb so populär, weil man mit ihnen auf ökonomischste Weise etwas zum Ausdruck bringen kann. Dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn Leute den Hashtag gleich in einem Satz integrieren und nicht wie früher hintanstellen“, erklärt der auf digitale Medien spezialisierte Sprachwissenschaftler Torsten Siever im Gespräch mit der futurezone. „Darüber hinaus erfüllen sie auch eine wichtige Funktion, weil Beiträge so leichter gefunden werden können – wie wir das im Grunde auch von Schlagwort-Katalogen in Bibliotheken kennen.“

Schwarmintelligenz

Der Unterschied zur Verschlagwortung in der analogen Welt bestehe darin, dass die Nutzer selbst Begriffe vergeben würden. Welches Thema die größte Aufmerksamkeit nach sich ziehe, bestimme die Intelligenz der Masse, die sogenannte Schwarmintelligenz. Twitter, Google und Co haben das Phänomen längst erkannt und speisen ihre aktuellen Trending-Topic-Listen unter anderem aus den am meisten genutzten Hashtags. Wiederholt fungierten Hashtags in den vergangenen Jahren als wichtiger Motor im Netz für politische Protestbewegungen, welche die ganze Welt aufrüttelten – wie zuletzt #gezipark oder #occupygezi in der Türkei.

„Das Bedürfnis nach Kontextualisierung, also wie ein Beitrag einzuordnen ist, war gerade auf Twitter immer sehr stark. Danach kamen Live-Events, TV-Sendungen, Shitstorms, Diskurse und schließlich Kampagnen, die sich alle Hashtags zunutze machten“, sagt Social-Media-Expertin Judith Denkmayr gegenüber der futurezone. „Nicht zuletzt aufgrund von Twitter wird der Hashtag bald jedem Webuser so geläufig sein, wie das @-Zeichen“, ist Denkmayr überzeugt.

An der Massentauglichkeit der Hashtags hatte tatsächlich Twitter den größten Anteil, welches die Raute-Wortkombination 2007 auf Vorschlag eines Users zu einem fixen Bestandteil seines Dienstes machte. Nach Instagram, Tumblr, Google+, Pinterest, Linkedin und anderen Plattformen zieht nun auch Facebook nach. Hashtags können fortan in Beiträgen angeklickt werden, um weitere Postings zu einem bestimmten Thema gesammelt verfolgen zu können. Hashtags sollen ab sofort auch über die Suchfunktion aufgespürt werden können.

Facebook fischt im Twitter-Teich
Dass Facebook nun ebenfalls auf Hashtags setze, ist laut Denkmayr ein logischer Schritt: „Das Konzept hat sich auf Twitter bewährt, da kann eigentlich nichts schiefgehen.“ Was sich ändern werde, ist, dass Debatten zukünftig stärker über den privaten Facebook-Freundeskreis hinaus geführt werden. Zu jedem Thema eine eigene Facebook-Seite anzulegen sei nun nicht mehr notwendig. „Das schafft auch das Problem aus der Welt, dass viele Themen einfach zu kurzlebig sind, als dass es sich lohnen würde, jedes Mal eine neue Page zu erstellen“, sagt Denkmayr.

Marketingtechnisch wertet Denkmayr Facebooks Entscheidung hingegen als Frontalangriff auf Twitter im Bereich Social TV. Denn während Twitter gerade die auf Social-TV-Analysen spezialisierten Bluefin Labs gekauft habe, schlage Facebook mit dem Vorstoß nun zurück. „Jeden Abend gibt es allein in den USA 80 bis 100 Millionen Kommentare zu Fernsehsendungen, die bisher versteckt und nicht auf öffentlichen Pages zu finden waren. In Zusammenhang mit kürzlich eingeführten Emoticons, die zusätzlich mit dem Begriff „watching“ verknüpft werden, schafft man hier für Programm-Macher und TV-Sender einen gezielt bespielbaren Werbemarkt“, so Denkmayr.

Kein Sprachverfall
Die nicht zuletzt auch durch Hashtags kultivierte Sprachverknappung auf Plattformen wie Twitter, Google+ und Co fasziniert aber auch Sprachwissenschaftler Siever. Im Gegensatz zu so manchem Kulturpessimisten fürchtet Siever angesichts der neuen digitalen Kommunikationsformen aber keineswegs um die deutsche Sprache. „Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde so viel kommuniziert wie heute. Die Sprache mag sich dadurch vielleicht schneller ändern als früher, von Sprachverfall zu sprechen ist aber unsinnig“, so Siever.

Wenn man heute einen Text aus dem 12. Jahrhundert lese, sei man ja auch froh, dass sich die Sprache weiterentwickelt habe. Aufgrund von Rechtschreibfehlern und anderen grammatischen Abweichungen automatisch auf eine abnehmende Sprachfertigkeit zu schließen, sei ebenfalls vermessen. Dass Schüler und Studierende aufgrund der digitalen Medien Aufsätze völlig anders verfassen als früher, ist laut Siever wissenschaftlich jedenfalls noch nicht bestätigt worden.

„Der Mensch ist in der Lage, verschiedene Register zu verwenden. Gerade in Chats, aber auch auf Facebook verschriften wir, was wir normalerweise mündlich formulieren würden. Dass beim schnellen Tippen Fehler passieren, liegt auf der Hand. Blogs hingegen sind viel stärker schriftsprachlich orientiert, hier könnte man bei einer Häufung von Fehlern eher auf mangelnde Orthografie-Kenntnisse schließen“, sagt Siever.

Auch Ältere kürzen ab

Dass die neuen Kommunikationsformen auf die Standardsprache wirken, bestreitet der Sprachwissenschaftler nicht. Das sei schon immer so gewesen, sei es durch den Einfluss der Pop-Kultur vor einigen Jahrzehnten oder kleinere Phänomene wie die Manga-Kultur. „Die Annahme, dass Veränderungen in erster Linie von den jungen Generationen ausgehen, ist einerseits richtig. Andererseits nutzen aktuell gerade auch ältere Generationen den SMS-Versand. Studien zufolge kürzt die Generation 70+ sogar am stärksten in der Kommunikation über neue Medien ab, auch weil sie glaubt, so müsste man heute schreiben“, erklärt Siever.

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