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Digital Life
04/19/2019

Wie die Luftfahrt klimafreundlicher werden könnte

Technische Verbesserungen sind ein Weg, um den CO2-Ausstoß von Flugzeugen zu reduzieren - persönliche Einschränkung ein anderer.

von David Kotrba

Ein Flugzeug zu nehmen, um von Wien nach London zu kommen, ist für Reisende ziemlich komfortabel und praktisch. Der Flug dauert 2:20 Stunden, während man mit dem Auto mindestens 16 Stunden, mit dem Zug rund 20 Stunden unterwegs wäre. Das Flugzeug ist also ziemlich effizient, was die Reisezeit anbelangt. Wenn man jedoch die Kohlendioxid-Emissionen betrachtet, sieht die Sache etwas anders aus. Ein Zugreisender kommt auf der 1230 Kilometer langen Strecke auf rund 20 Kilogramm CO2, ein Autofahrer (in einem Auto mit vier Passagieren) auf 70 Kilogramm CO2, ein Flugreisender auf 125 Kilogramm CO2.

Starkes Wachstum

Ein Flugzeug produziert mehr Kohlendioxid pro zurückgelegtem Kilometer pro Person als jedes andere Verkehrsmittel. Es gibt ja auch viel weniger davon, könnte man da argumentieren. Die Gesamtanzahl aller betriebsbereiten Flugzeuge auf der Welt liegt laut unterschiedlichen Schätzungen zwischen 23.000 und 39.000 Stück. Zum Vergleich: Die Gesamtanzahl aller Kraftfahrzeuge auf der Welt wird auf rund 1,3 Milliarden geschätzt. Der Anteil des gesamten Luftfahrtsektors an den globalen CO2-Emissionen beträgt etwas mehr als zwei Prozent - das entspricht rund einem Zehntel der CO2-Emissionen des gesamten Transportsektors.

Der Haken dabei: Fliegen wird weltweit immer beliebter. Die Anzahl der Flugpassagiere steigt jedes Jahr um durchschnittlich 3,5 Prozent. Günstige Ticketpreise und wachsender Wohlstand in bevölkerungsreichen Staaten tragen einen großen Teil dazu bei. Laut aktuellen Statistiken sind lediglich drei Prozent der Weltbevölkerung im Jahr mit dem Flugzeug unterwegs. Der Anteil wird  rasant steigen, sollte sich der Trend der vergangenen Jahre wie prognostiziert fortsetzen.

Klimaschutzziele

Die Herausforderung liegt nun darin, den Flugverkehr trotz steigenden Volumens deutlich sauberer zu machen. Im Oktober 2016 haben nämlich 191 Staaten innerhalb der internationalen Luftfahrtorganisation (ICAO) der UNO beschlossen, dass das Emissionslevel von 2020 bis 2035 nicht überstiegen werden darf. Bis 2050 müssen die CO2-Emissionen der zivilen Luftfahrt auf den Stand von 2005 gesenkt werden. Die EU hat sich noch ehrgeizigere Ziele gesetzt. Sie will die Treibhausgasemissionen des gesamten Verkehrssektors bis 2050 um 60 Prozent gegenüber den Werten von 1990 reduzieren.

Wie sollen diese Ziele erreicht werden? Laut dem internationalen Fluglinien-Vergband IATA gibt es vier Wege zur CO2-Reduktion: Effizientere Treibstoffe, effizientere Flugzeuge, effizientere Flugplanung und Kompensation. Aber auch andere Strategien könnten die Luftfahrt sauberer machen.

Sauberere Treibstoffe

Da Passagierflugzeuge auf absehbare Zeit mit Kerosin oder anderen kohlenwasserstoffbasierten Flüssigtreibstoffen auskommen müssen, arbeiten Forscher intensiv an der Entwicklung von alternativen Kraftstoffen. Ein Ansatz dabei ist die Beimengung von Biokraftstoffen. Mehrere Fluglinien haben dazu bereits Versuche durchgeführt. Die Verwendung von Biokraftstoffen ruft aber auch Kritiker auf den Plan. Sie beurteilen die Verwendung immer größerer Anbauflächen für die Treibstoffproduktion als wenig nachhaltig.

Als aussichtsreiche Alternative erscheint die Verwendung synthetischer Kraftstoffe, die durch den Ausbau erneuerbarer Energiequellen gewonnen werden. Im 2016 gestarteten EU-Forschungsprojekt "Sun to Liquid" wird etwa die thermochemische Umwandlung von Luft und Wasser in Treibstoffe untersucht. Ziel ist es, eine praxistaugliche Produktionsanlage zur Herstellung von so genannten "Solar Fuels" zu erschaffen. Voraussetzung für eine ökonologisch und ökonomisch sinnvolle Verbreitung von Solartreibstoffen ist der weitere Ausbau von Wind-, Solar- und Wasserkraft.

Sparsamere Flugzeuge

Während es im Straßenverkehr in den vergangenen Jahren große technologische Fortschritte gegeben hat und die zunehmende Elektrifizierung von Antrieben unter Fahrzeugherstellern ausgemachte Sache ist, sind alternative Antriebe im Luftfahrtbereich nicht in Griffweite. Auch Flugzeughersteller experimentieren zwar mit Hybrid- oder Elektroantrieben. Airbus hat etwa zuletzt das Konzeptflugzeug E-Fan X gezeigt, das gemeinsam mit Rolls-Royce und Siemens entwickelt wurde. Das rein elektrisch betriebene Flugzeug Solar Impulse 2 hat die Welt umrundet. Die Geschwindigkeit, Transportkapazität und Reichweite von Flugzeugen mit herkömmlichen Gasturbinen wird jedoch von Alternativen bei Weitem nicht erreicht.

Im Flugzeugbau gibt es immerhin Fortschritte. Neue Fertigungstechniken und der vermehrte Einsatz von Kunststoffen verbessern die Aerodynamik und bringen Gewichtseinsparungen. Welchen Aufwand Fluglinien betreiben, um Gewicht einzusparen, erkennt man an folgenden Beispielen der Austrian Airlines: So werden etwa Teppiche und Schwimmwesten an Bord gegen leichtere Modelle getauscht oder schwere Kaffeemaschinen ausgebaut.

Effizientere Flugplanung

Verbesserungspotenzial bietet auch die Flugplanung. "Im Grunde ist die Flugverkehrskontrolle (Air Traffic Control) sehr ineffizient", zitiert DW etwa IATA-Sprecher Chris Goater. "Sie verursacht unnötigen Treibstoffverbrauch. Ein effizienterer Umgang würde die Emissionen um zehn Prozent reduzieren." Künstliche Intelligenz könnte dabei helfen. Durch bessere Vernetzung könnten Sitzplatzkapazitäten von Flugzeugen besser ausgenutzt werden, wodurch auch mehr Platz im Luftraum frei würde.

Eine Idee, wie man den CO2-Ausstoß von Flugzeugen senken könnte, ist der Einsatz von so genannten "Electromagnetic Aircraft Launch Systems" (EMALS). Sie sollen Flugzeuge während der Phasen ihres größten Treibstoffverbrauchs unterstützen. Wie auf einem Flugzeugträger könnten Flugzeuge künftig mittels elektromagnetischer Katapulte auf der Startbahn beschleunigt werden. Der Einsatz von EMALS würde freilich große Investitionen in die Infrastruktur von Flughäfen verlangen.

CO2-Kompensation

Wenn man schon die Luftfahrt selbst nicht in ausreichendem Maße sauberer machen kann, sollte man zumindest Kompensationsmaßnahmen setzen, schlagen Experten vor. Im Luftfahrt-Slang werden derartige Bemühungen unter dem Begriff "Offsetting" zusammengefasst. Wer eine Flugreise antritt, soll so sein grünes Gewissen beruhigen können. Mehrere Fluglinien bieten bereits bei der Buchung die Möglichkeit an, je nach errechnetem CO2-Fußabdruck Spenden an Umweltschutzorganisationen zu spenden.

Auch die Austrian Airlines bieten diese Möglichkeit. Am Ende eines Ticket-Buchungsvorganges wird man auf das Projekt Climate Austria hingewiesen. Auf dessen Webseite kann man auch ohne vorhergehende Buchung den eigenen CO2-Verbrauch bei einem Flug berechnen lassen und zur Kompensation einen Geldbetrag sofort an Klimaschutzprojekte überweisen. Der Flug soll so CO2-neutral werden. Für einen einfachen Flug von Wien nach London sind zum Beispiel sieben Euro fällig.

Flugscham

Auf persönlicher Ebene sollte sich jeder Reisende fragen, ob er seine Flugreise wirklich antreten muss. Weniger oft zu fliegen ist der wohl effektivste Weg, um seinen eigenen CO2-Fußabdruck zu reduzieren, wie die New York Times berichtet. Wie man unter anderem durch den CO2-Fußabdruck-Rechner des WWF erfährt, kann sich eine umweltbewusste Person vegan ernähren, mit Solarenergie heizen und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren - wenn sie dennoch hie und da mit dem Flugzeug reist, ist ihr CO2-Verbrauch enorm.

In Schweden, den Niederlanden, aber auch im deutschsprachigen Raum wird deshalb die so genannte "Flugscham" beschworen. Menschen sollen dadurch ein Bewusstsein dafür entwickeln, welchen ökologischen Schaden sie durch Flugreisen anrichten. Eine 2019 gestartete schwedische Initiative bewirbt ein "flugfreies Jahr", schreibt der Guardian. Zumindest ein Jahr lang sollen Teilnehmer versuchen, ohne Flugreise auszukommen. Selbstgestecktes Ziel ist es, 100.000 Personen für diese Idee zu begeistern und damit politische Entscheidungsträger dazu zu motivieren, den Flugverkehr strenger zu regulieren.

Komfortzone

Steuererleichterungen von Kerosin sollten laut Kritikern beendet werden, Vielfliegerprogramme sind ihnen ebenfalls ein Dorn im Auge. Als größtes Übel empfinden sie aber die Förderung einer ignoranten Einstellung zum Fliegen. Wirtschaftswissenschaftler Stefan Gössling meint laut DW: "Müssen wir wirklich so viel fliegen, wie wir es tun, oder wird uns das von der Industrie vermittelt? Werbekampagnen von Fluglinien vermitteln das Bild von jungen, urbanen Vielfliegern, die alle paar Wochen zu sehr niedrigen Kosten eine andere Stadt besuchen."

Neben den vermeintlich jungen und hippen Anhängern von Städteurlauben sind es gerade Geschäftsreisende, die ein Ansteigen des Flugverkehrs bewirken. The Conversation spricht von einer internationalen "Meeting Mania", von der selbst jene Wissenschaftler betroffen sind, die vor den Folgen des rasch voranschreitenden Klimawandels warnen. "Ein isolierter Forscher ist ein verlorener Forscher", laute ein Sprichwort, dem viele Akademiker folgen. Die Verbesserung von Technologien für Videokonferenzen sei eine Möglichkeit, um diesem Trend entgegenzuwirken. Ansonsten solle man nicht gänzlich auf den persönlichen Austausch mit weit entfernt lebenden Kollegen bei Konferenzen verzichten - nur möglicherweise weniger davon besuchen.