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Datenschleuder Wie Smart-TVs Daten ohne Wissen der Nutzer übertragen.

Untersuchungen zeigen: Smart-TVs übertragen Daten ohne Zutun und Wissen des Nutzers an Firmen wie Google, Microsoft oder Amazon.
Untersuchungen zeigen: Smart-TVs übertragen Daten ohne Zutun und Wissen des Nutzers an Firmen wie Google, Microsoft oder Amazon. - Foto: Thomas Peter/Reuters
Die neuen Fernsehgeräte mit Internetverbindung übertragen viele Infos automatisch, ohne dass die Besitzer etwas davon wissen - auch an Google, Microsoft oder TV-Sender.

Nutzer von Smart-TVs mit Internetanschluss sind nach Erkenntnissen von Datenschützern und Nachrichtentechnikern nicht davor sicher, beim Fernsehen sowohl von Geräteherstellern als auch von Google und Sendern ausgeforscht zu werden. Dies beweist einmal mehr die jüngste Untersuchung von Reiner Müller, Bereichsleiter Technik der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. Der Nachrichtentechniker hat vergangene Woche in einem Versuch den Datenverkehr seines Samsung-TV-Geräts über einen externen Computer gespiegelt und die Ergebnisse beim Symposium „Internet of Things“ des Vereins IT-Law in Wien präsentiert.

Datenverkehrsanalyse

Bei seinem Versuch wurden alle ein- und ausgehenden Datenpakete aufgezeichnet und analysiert. In Folge glich Müller den Datenverkehr mit den Nutzeraktivitäten ab und stellte Folgendes fest: „Es ist völlig unklar, welche Daten wann, von wem und wohin übertragen werden.“ Die Datenübertragung beginnt laut Müller direkt nach dem Einschalten eines mit dem Internet verbundenen Smart-TVs und zwar ohne, dass ein Programm aus dem Internet aufgerufen wird oder der Sender gewechselt wird.

Übertragen wurden laut Müller sehr viele unverschlüsselte, aber mehrheitlich verschlüsselte Verbindungen zu einer Seite mit koreanischer Endung, die auf Samsung registriert ist. Wer seinen Samsung-TV mit dem Internet verbunden hat, sendet also schon nach dem ersten Einschalten Informationen an Server des Elektronik-Konzerns. Die Interpretation des Forschers: „Samsung sammelt Nutzerdaten.“

Samsung selbst sieht dies durch seine Datenschutzrichtlinie und AGB gedeckt. Diese werde im Rahmen der erstmaligen Verbindung des Geräts mit dem Internet auf das TV-Gerät heruntergeladen. Der Nutzer müsse aktiv zustimmen, sagt Samsung auf KURIER-Anfrage. Datenerhebungen würden nur im Rahmen der Nutzung von internetgestützten Diensten erfolgen, wenn Nutzer ihre Einwilligung dafür hergeben, so der Konzern.

Viele Verbindungen

Doch die Verbindung des Geräts mit koreanischen Servern ist bei weitem nicht die einzige, die Müller festgestellt hat. Es erfolgten auch zahlreiche Verbindungen zu Servern von Microsoft, Google und Yahoo – und zwar gänzlich ohne Nutzeraktivität. Die Abrufe sind unregelmäßig und verändern sich. „Was geht Google an, dass mein TV-Gerät ans Internet angeschlossen ist“, wundert sich der Nachrichtentechniker. „Mein PC sendet diese Informationen nicht automatisch ohne Verbindung und ohne mein Zutun.“ Müllers Interpretation zufolge lädt der von ihm noch nie benutzte Browser des Smart-TV die Startseite bei jedem Start vor.

Sehr häufig wurden von Müller auch verschlüsselte Verbindungen zu Servern des Cloud-Dienstes Amazon Web Services  registriert. Dies geschah ebenfalls ohne erkennbaren Zusammenhang mit Nutzeraktivitäten am TV-Gerät. „Was hat Amazon mit meinem TV-Gerät zu tun?“, fragt sich Müller.

TV-Sender verbinden sich via HbbTV

Mit dem HbbTV-Standard ("Hybrid broadband broadcast TV") lassen sich von Nutzern Zusatzdienste zum TV-Programm ansehen. Doch auch dabei werden Verbindungen hergestellt, ohne dass der Nutzer etwas davon mitkriegt. Neben Google, Yahoo, Microsoft, Amazon Web Services und Samsung überträgt das smarte TV-Gerät laut dem Nachrichtentechniker nämlich auch noch Tracking-Daten via HbbTV an diverse, private TV-Sender wie z.B. Pro 7 - und zwar auch dann, wenn der Sender gerade gar nicht läuft.

Laut Müller werden von den Sendern Verbindungen im Minutentakt aufgebaut. "Wir messen kein Nutzerverhalten", heißt es dazu seitens Pro 7 in knappen Worten. Bei der Frage, was für Daten übertragen werden, wenn die Verbindungen hergestellt werden und zu welchem Zweck, verwies Pro 7 auf die VPRT-Leitlinien. Darin steht: "Die TV-Programmveranstalter tragen Sorge dafür, dass der Zuschauer auch weiterhin die Möglichkeit zur anonymisierten Fernsehnutzung hat, ohne dass personenbezogene Daten über ihn erhoben werden. Soweit bei einer HbbTV-Autostart-Funktion eine technische Messung erfolgt, werden keine personalisierbaren Daten wie Namen oder Adressen gespeichert. Die technischen Messdaten lassen bei den TV-Programmveranstaltern keinerlei Rückschlüsse auf einzelne Zuschauer oder deren TV-Nutzung zu."

Internet-Verbindung abdrehen

Bei der Art der Analyse, die der Experte durchgeführt hat, lässt sich leider nicht feststellen, was da eigentlich für Daten übertragen werden. „Die Ergebnisse betreffen aber nicht nur Samsung, sondern sind grundsätzlich  auch auf andere Smart-TVs übertragbar“, so Müller.

Samsung sagt dazu: „Wer keinerlei Interesse an Internetdiensten hat, kann selbstverständlich auch mit jedem Samsung Smart TV lediglich traditionelles Fernsehen und aufgenommenes Videomaterial nutzen, ohne dass das TV-Gerät mit einem Netzwerk verbunden werden muss.“ Damit würde aus einem smarten TV-Gerät allerdings wieder ein dummes, denn dadurch lassen sich auch die Internet-Angebote wie Mediatheken nicht mehr nutzen. 

Klage in Deutschland

Weil die Smart-TVs von Samsung ohne den Nutzer darauf hinzuweisen Daten automatisch übertragen, wird der Elektronikkonzern übrigens auch gerade von Verbraucherschützern der Verbraucherzentrale NRW verklagt. Ihre Kritik geht in dieselbe Richtung wie die von Müller: Nutzerdaten würden ungefragt abgegriffen, sobald das TV-Gerät ans Internet angeschlossen wird.

Beim Landgericht Frankfurt/Main ist dazu Anfang November eine Musterklage eingereicht worden. Konkreter Vorwurf der Verbraucherschützer: Schon bei bloßer Inbetriebnahme des Fernsehers soll über den Standard die IP-Adresse des Internet-Anschlussinhabers an Samsung-Server übermittelt werden.

Wiederholte Kritik

Es ist nicht das erste Mal, dass der südkoreanische Konzern wegen des Datenschutzes bei seinen Smart-TVs in der Kritik steht. Im Februar diesen Jahrs wurde Kritik laut, da in den Nutzungsbedingungen der TV-Geräte die Kunden darauf hingewiesen wurden, vor dem Fernseher nichts Privates zu sagen, weil die Spracherkennung das Gesagte aufzeichnen und an die Server von Drittanbietern schicken könnte, die für die Verarbeitung der Sprachbefehle verantwortlich sind. Einige Wochen später wurde Samsung erneut mit ähnlicher Kritik konfrontiert.

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(futurezone) Erstellt am 27.11.2015, 06:00

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