Digital Life 01.12.2014

"Wir brauchen eine sichere digitale Identität"

© Bild: Gilbert Novy, Kurier

In Nigeria reicht ein Google-Konto für Visa-Anmeldungen. Lukas Praml, Chef der Österreichischen Staatsdruckerei, warnt davor, die Identitätsverwaltung Privaten zu überlassen.

Mit der Facebook-ID einen neuen Reisepass ordern? Mit dem Google-Account einen Führerschein beantragen oder mit dem iTunes-Passwort einen Dauerauftrag autorisieren? Solche Szenarien könnten schon bald Realität werden, denn vor allem US-Konzerne versuchen, in neue Metiers vorzudringen und die Kernkompetenz von Staaten zu untergraben. „Eine sichere Identität ist eine Daseinsvorsorge der Republik in einer digitalen Gesellschaft“, sagt der CEO der Österreichischen Staatsdruckerei (OeSD), Lukas Praml, im futurezone-Interview. Europa müsse im Bereich der Identitäts-Verwaltung eine Vorreiterrolle übernehmen und sich dieses Themas annehmen. „Und innerhalb Europas hat vor allem Österreich gute Karten, internationales Vorbild zu sein“, sagt Praml.

Österreich habe über die vergangenen Jahrzehnte mit seinen Registern – vom Zentralen Melderegister (ZMR) bis zum Zentralen Personenstandsregister (ZPR) - Vorzeigemodelle entwickelt, „um die uns andere Staaten beneiden“, so Praml. In Österreich kann man etwa zu jeder Bezirkshauptmannschaft gehen und einen Reisepass ordern, weil es eben diese zentralen Register gibt. „Was für uns eine Selbstverständlichkeit ist, gibt es weder in vielen anderen europäischen Staaten, noch in den USA, Australien oder in Afrika.“

Stromrechnung als ID-Nachweis

In den USA wird die so genannte „Credit History“ herangezogen. Diese Credit History kann mit einer „Akte“ verglichen werden, in der dokumentiert ist, wie viel Schulden ein Mensch hat, wie regelmäßig er diese zurückzahlt und wie es mit seinem Finanzmanagement aussieht. Diese Credit History reicht in den USA für einen Identitätsnachweis aus. In Australien reicht als ID-Nachweis Gas-, Stromrechnung und der Einzahlungsbeleg für Miete. In Großbritannien bauen gerade die Banken und ein Start-up eine zentrale Bürgerverwaltung auf. In Großbritannien hat dies übrigens auch einen Nebeneffekt – man weiß immer, wie es mit den Finanzen eines Bürgers aussieht.

Staaten verlieren Kompetenzen

Die ID-Verwaltung sei die Aufgabe des Staates und darf nicht in private Hände fallen bzw. von internationalen Konzernen ausgeübt werden. OeSD-Chef Praml sieht Entwicklungen, wie sie derzeit in Afrika zu beobachten sind, äußerst kritisch und als große Gefahr, dass Staaten ihrer Grundaufgaben beraubt werden und Kompetenzen verlieren. Beispiel Nigeria: Für das afrikanische Land wird (übrigens von der mittlerweile griechischen Firma Austria Card) nicht nur eine Kreditkarte mit Personalausweis produziert, sondern in Nigeria kann sich ein Bürger bei der Anmeldung für ein Visum mit einem Google-Account „ausweisen“.

„Es kann doch nicht so sein, dass Google, Facebook oder globale Kreditkartengesellschaften die Identität bzw. die Existenz eines Menschen verwalten und quasi über sein Sein oder Nicht-Sein entscheiden können“, so Praml. Beispiele wie Nigeria oder auch die britische miiCard zeigen, dass Private in das ID-Business wollen. Praml: „Das müssen Staaten verhindern. Es darf nie passieren, dass eine Facebook-ID als Existenz-Nachweis ausreicht und als Legitimation, einen Reisepass zu erhalten.“

Hinzu komme noch weitere Probleme, die vor allem Europäer zu interessieren habe und genau zur derzeit in der EU geführten Diskussion um die Dominanz von Google passt. „Einem Staat ist Datenschutz wichtig, daher hält sich ein Staat auch an Datenschutz-Richtlinien – jedenfalls in Zentraleuropa. Bei einem global tätigen Konzern kann man sich nicht so sicher sein“, so Praml. Im Nachsatz: „Fraglich ist in diesem Zusammenhang auch, wie langfristig, stabil und rechtssicher solche privaten ID-Systeme sind und was mit einem privaten Register passiert, wenn es einen Konzern einmal nicht mehr gibt.“

"Heißes" Thema

Wie „heiß“ das Thema der ID-Verwaltung und wie wichtig es ist, bei der digitalen ID rasch zu handeln, sei ApplePay – mit dem Bezahlsystem von Apple, das die Geldbörse und Plastikkarten abschaffen soll, schafft es der US-Konzern, quasi auf einen Schlag zur größten Bank der Welt zu werden. Da jeder Apple-Nutzer mit iPhone, iPad und iTunes an dieses Bezahlsystem angeschlossen wird, werden Banken und Kreditkartenkonzerne unsichtbar.

Europa muss raschest auf den Bedarf nach sicherer digitaler Identität reagieren und entsprechende Lösungen entwickeln“, so Praml. "Wir brauchen eine sichere digitale Identität." In einer digitalen Gesellschaft komme man ziemlich bald ohne einer digitalen Identität nicht über die Runden.

Ideen, wie eine digitale Identität aussieht, hat Praml bereits. „Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit daran, eine sichere digitale Identität auf dem Smartphone zu entwickeln.“ Wann eine solche in Österreich kommt, könne er nicht sagen, weil Projekte wie „digitale Ausweisesysteme“ Sache des Innenministeriums seien.

Passwort-Alternative

Tatsache sei, dass die Ideen, an denen die OeSD brütet, so spannend sind, dass bereits auch andere Staaten Interesse an der österreichischen Lösung bekundet haben. Die OesD ist - wie übrigens Google auch - Mitglied der FIDO-Allianz. Bei FIDO geht es darum, eine sichere Online-Authentifizierung und weltweit neue gültige Standards zu entwickeln. Als Alternative zum herkömmlichen Passwort, als heute als größter Unsicherheitsfaktor im Internet gilt. Praml: „Das wäre ein extrem wichtiger Beitrag für mehr Sicherheit in der digitalen Welt.“

Erstellt am 01.12.2014