Rob Nail ist der CEO der Singularity University am Moffet Federal Airfield im Silicon Valley. Hier wird Start-ups und Unternehmern gelehrt, das Unmögliche für möglich zu halten.

© Gerald Reischl

Singularity University
07/21/2014

Wo aus Science Fiction Realität wird

An der Singularity University wird Start-ups beigebracht, das Undenkbare zu realisieren und die großen Probleme der Menschheit zu lösen. Uni-Chef Rob Nail im Interview.

Der Hangar One sticht einem in Auge, sobald man das Moffet Federal Airfield zwischen Mountain View und Sunnyvale, südlich von San Francisco, erreicht. Das Areal, auf dem der ehemalige Zeppelin-Hangar steht, der nicht nur bei „Star Trek“, sondern regelmäßig auch bei „Mythbusters“-Folgen als Kulisse verwendet wird, wird vom Ames Research Center der NASA betrieben - jeder Zutritt auf das Gelände wird streng kontrolliert.

Hier ist nicht nur Lockheed Martin Space Systems stationiert, sondern von hier heben auch die Google-Chefs ab, lassen sie doch in einem der Hangar auf dem Flugfeld ihre Firmenflugzeug-Flotte parken. Das Moffet Field ist aber auch die Adresse einer der wohl ausgefallensten Universitäten, die es gibt – obwohl es sich um keine Universität im herkömmlichen Sinn handelt: Auf der Singularity University wird Studenten, Firmenchefs, Start-ups und Visionären beigebracht, grenzenlos zu denken, das scheinbar Unmögliche für möglich zu halten, vor allem aber sich um die echten Probleme dieser Welt Gedanken zu machen, und dafür Lösungen zu finden.

Disruptive Ideen gesucht

„Wir suchen disruptive Ideen“, sagt Rob Nail, CEO der Singularity University im futurezone-Interview. „Ideen, die bestehende Technologien vollständig verdrängen und die die echten Probleme dieser Welt lösen.“ An dem, was es schon gibt, hat keiner Interesse im Silicon Valley. Die Welt braucht kein neues Facebook, keine neue Musik- oder Videosharing-Plattform oder Dienste und Services, die es schon gibt. „Damit wird man die Probleme der Welt nicht retten“, so Nail, der vor seiner Zeit als Chef der ausgefallensten Universität der Welt und nach seinem Uni-Abschluss in Stanford, selbst unternehmerisch tätig war, so etwa Roboter für die Krebsforschung und für die Pharmaindustrie entwickelt hat und Angel-Investor war.

10-Wochen-Intensiv-Kurse

Spannend ist das zehnwöchige Graduate Studies Programm, bei dem (angehende) Startups ihre Ideen weiterentwickeln. Sind die Ideen besonders spannend, werden sie ins Singularity Accelerator-Programm aufgenommen – derzeit sind das 29 Start-ups. Darunter sind u.a. die Mathematik-Lernplattform Solvy, das Krebs-Erkennungssystem Miroculus, die Schwebebahn der Zukunft, Swifttram, das Ozean-Roboter-Start-up Aquatico oder MadeinSpace - eine Firma, die 3D-Printer ins All schicken will. „Disruption wird aus den verschiedensten Bereichen kommen“, sagt Nail, „von der Robotik über Gen-Technologie bis hin zu Kommunikationsnetzwerken.“

Acht Kernbereiche

Grundsätzlich geh es um die Frage: „Wie kann die Menschheit eine Welt managen, in der 10, 12 oder gar 15 Milliarden Menschen leben?“, sagt Nail. Die Universität hat acht Kernbereiche ausgemacht, auf die sich die Teilnehmer konzentrieren sollen, sprich, in diesen Bereichen sind Ideen gesucht: Energie/Verkehr, Umwelt, Wasser, Globale Gesundheit, Ernährung, Erziehung, Sicherheit und Armut.

Energie wird fast kostenlos sein

Rob Nail hält technisch Vieles für machbar, aber die Herausforderung werde sein, wie Innovationen und Ideen sich gesellschaftlich und sozial durchsetzen lassen. „Ich habe vor der sozialen Disruption am meisten Angst“ so Nail. Beispiel Energie. „Wir werden es noch erleben, dass Energietechnologien virtuell frei sein werden, dass Energie fast kostenlos sein wird“, sagt Nail. „Die Frage ist nur, wie die gegenwärtigen Machtstrukturen und auch die Politik auf eine solche Innovation reagieren und ob sie sie auch zulassen werden.“ Es werde eine lange Übergangszeit geben, die neuen Energiekonzepte lassen sich laut Nail nicht aufhalten, die Frage ist nur, werden diese Konzepte verworfen, weil sie aus regulatorischen Gründen verboten bzw. verhindert werden? „Die Krux an Innovation kann sein, dass sie ein soziales Dilemma auslösen können, dass die Gesellschaft zum Teil nicht weiß, wie man mit Innovation umgeht.“

Besser als der Arzt

Auch im Gesundheitsbereich würden solche gesellschaftliche Bedenken gelöst werden müssen. So entwickelt das Unternehmen des Singularity-University-Mitgründers Peter Diamandis das Diagnosegerät „Nanobiosym Health RADAR“, das künftig besser Auskunft über den Gesundheitszustand eines Menschen geben könne, als ein Arzt. Nail: „Die FDA (Food and Drug Administration, US-Gesundheitsbehörde, Anm.) hat uns gesagt, dass sie das Gerät sieben Jahre überprüfen wird, bevor sie es genehmigen wird.“

Fleisch wird im Labor entstehen

Ernährung ist ebenfalls eines der Singularity-Themen, wie die Nahrungskette in der Zukunft funktionieren wird. Wenn im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben muss man sich Gedanken um die Ernährung machen. „Wenn sie dann Fleisch essen wollen, werden sie auch Fleisch essen, aber das Fleisch wird nicht auf die gleiche Art und Weise entstehen wie wir es heute gewohnt sind“, sagt Nail und weist auf Unternehmen hin, das aus der Singularity-University entstanden ist – Modern Meadow. Das junge Unternehmen aus dem US-Bundesstaat Missouri hat eine Methode entwickelt, mit der Leder und Fleisch in vordefinierten Designs gezüchtet und aus einem 3D-Druck gedruckt werden können. „Die Qualität ist garantiert, denn man weiß genau, was drinnen ist. Das Fleisch hat halt nie gelebt“, so Nail. Spätestens 2020 werden man Steaks aus dem 3D-Drucker kaufen können. Damit sollen die negativen Effekte der Massentierhaltung umgangen werden. Nail: „Die Nahrung muss künftig wieder organisch, nachhaltig und lokal werden.“ Auch hierfür bedarf es Ideen und neuer Technologien. Der vegane Trend – es gibt im Silicon Valley zahlreiche vegane Restaurants – sei eine Vorstufe. Dort wird auf den Speisekarten bereits „vegan chicken“, „vegan beef“ etc, angeboten. Nail: „Genau das ist das Problem, die Leute müssen und wollen lesen, wonach es schmeckt.“

Das Unmögliche möglich machen

Die Singularity University wurde 2008 gegründet, vom griechisch-amerikanischen Physiker und Gründer der X Prize-Foundation, Peter Diamandis, und dem Futurologen und jetzigen Entwicklungschef bei Google, Ray Kurzweil („Wir werden 300 Jahre alt“). Es werden zwei Arten von Kursen angeboten:

Das zehnwöchige Graduate Studies Program (GSP) kostet 29.500 Dollar (etwa 22.000 Euro). 80 Teilnehmer sind zugelassen, die einen Bewerbungsprozess durchlaufen müssen. Es werden auch Stipendien vergeben, dabei übernehmen Partnerfirmen (Google, Cisco, Genentech, Autodesk etc.) die Studiengebühren.

Das Executive Program dauert eine Woche und kostet 12.000 Dollar (etwa 9000 Euro). Die Teilnehmer durchlaufen bei beiden Kursen ein Intensiv-Programm, unter den Vortragenden findet sich die Top-Riege der Technologie-Industrie.