Digital Life
01.12.2012

Zeitreise zu den Minicomputern

Microsoft-Mitbegründer Paul Allen hat seine Lagerhalle mit alten Computern ausgeräumt und ein Museum eröffnet. Die Rechner im Seattler Living Computer Museum sind alle in Betrieb, Besucher können sie ausprobieren.

Vor vier Wochen, erzählt Steve Jones, ging etwas schief. Ein paar Tage nach Eröffnung des Living Computer Museum habe jemand ein paar Befehle in den DEC PDP-7 eingegeben, woraufhin der Rechner eine dreiviertel Stunde lang Lochstreifen in sich aufsaugte, so lange, bis es verdächtig nach heißem Öl roch und Jones, der als einer von sechs Restaurierungsingenieuren des Museums die alten Computer instand setzt, den Stecker zog.

1964, als der DEC PDP-7 auf den Markt kam, galt der Computer um 65.000 Dollar beinahe als Schnäppchen. Viele Unternehmen mieteten seinerzeit IBM-Rechner, die Kosten dafür betrugen monatlich mitunter 20.000 Dollar und mehr. 120 Stück stellte DEC vom Modell PDP-7 her, auf dem in den Bell Labs Ende der 1960er die Entwicklung von Unix begann. Vier Geräte hätten bis heute überlebt, so Jones, das Modell in Seattle, das vom Institut für Atomphysik an der University of Oregon stammt, ist als einziges noch in Betrieb. Um die Software zu demonstrieren, legt er ein Stück Cäsium in den angeschlossenen Partikeldetektor, und am Bildschirm wird eine Darstellung des Zerfallsprozesses sichtbar.

Ära der Minicomputer
Seit dem Lochstreifen-Zwischenfall – das Papier ist heute nur noch schwierig aufzutreiben – ist die Türe zur Eingabekonsole mit einem Transparent verstellt und Besucher können auf der 1400 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche in dem ehemaligen Lagerhaus, südlich des Mariner-Stadiums, eben nur noch „fast jeden“ Computer ausprobieren. In anderen Museen, sagt Jones, dürfen die Geräte oft nicht einmal angegriffen werden. Die Rechner, die alle aus Paul Allens Privatsammlung stammen, sollen Meilensteine der Computergeschichte dokumentieren und den Besuchern verdeutlichen, in welchem technologischen Umfeld Allen und Bill Gates Microsoft gründeten. Die Auswahl reicht vom Großrechner IBM System/360 (Modell 91), von dem sich nur die bunt blinkende Konsole im Ausstellungsraum unterbringen ließ, bis hin zu den den ersten PCs und PDAs.

Living Computer Museum

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DEC PDP-8-e

DEC PDP-12 - Steve Jones

DEC PDP 12

DEC DPD 10

Flip Chip eines DEC PDP-10

Altair 8800

Xerox Alto

IBM PCjr

IBM System 360

IBM System 360

IBM System 360 Detail

Xerox Sigma 9

Interaktion erwünscht

Interaktion Macintosh

"Kauf zwei, nimm einen mit nach Hause"
Den wichtigsten Teil der Sammlung machen Geräte von DEC aus. Das Werbeplakat neben dem DEC  PDP-8/e, der Anfang der 1970er auf den Markt kam und den Trend der Minicomputer einleitete, zeigt den Rechner, der etwa so groß wie ein Kühlschrank ist, am Rücksitz eines Cabriolets verstaut. Der Schriftzug daneben: „Kauf zwei, nimm einen mit nach Hause.“ Der Preis von 5000 Dollar, in etwa so viel damals eine Corvette kostete, war tatsächlich günstig genug, damit sich Labors mehrere Geräte anschaffen konnten. Entsprechend gingen die Verkaufszahlen des PDP-8/e in die Zehntausende.

Einen Umbruch markiert der Minicomputer Xerox Alto, der erste Rechner mit grafischem Interface, und damit zumindest äußerlich bereits ein Personal Computer. Das 1973 im Forschungszentrum PARC entwickelte System stellte zum ersten Mal den Benutzer in den Mittelpunkt: der Bildschirm kann ein Blatt Papier im Hochformat (Letter) darstellen, zur Navigation zwischen Icons, Fenstern und Menü ist eine Maus angeschlossen. Apple nahm beim Bau des Macintosh ebenso bei den Innovationen des Alto Anleihe, wie Allen und Bill Gates bei der Entwicklung von Windows.

Herausfordernde Instandsetzung
Jones Job als Restaurierungsingenieur ist kein alltäglicher. Für die Probleme, die er zu lösen versucht, findet er nicht immer Dokumentationen. So auch, als er sich des DEC PDP-12 annimmt, einer Art „mythischen“ Rechners, wie er formuliert, den nur wenige Leute zu Gesicht bekommen hatten. Jones beschreibt den Computer als „Cadillac“, zumal jeder Funktion ein eigenes Lämpchen auf der Konsole zugeordnet ist.

Als er mit der Arbeit beginnt, ist die Stromversorgung des Geräts defekt und das ursprüngliche Betriebssystem nicht verfügbar. Drei Monate dauert es, bis er den Bildschirm in Gang bringt. Als er den PDP-12 schließlich zum ersten Mal einschaltet, beginnt sofort eine Platine zu rauchen, Jones zieht wieder den Stecker. Erst Wochen später stößt er im Web auf eine Dokumentation, die jemand gescannt hatte, und kommt der Ursache auf die Spur: wenn der Elektronenstrahl des Bildschirms länger als sechs Sekunden lang falsch abgelenkt wurde, kommt es zu Fehlfunktionen im Rechner, darunter überhitzten Leiterplatten.

Andrang herrscht nach der Museumsführung bei den Computern der 80er-Jahre: Commodore 64, Atari 400, Apple Macintosh, Radio Shack TRS-80. Die Besucher, im Alter von etwa zehn bis 65 Jahren, vertiefen sich unter anderen in Lunar Lander und Pin Ball. Der Platz vor dem Microsoft Surface, dem einzigen modernen Computer in der Ausstellung, bleibt frei.