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16.07.2016

Pokemon Go im Test: Gemeingefährlicher Beziehungskiller

Auch die futurezone-Redaktion spielt bereits eifrig Pokémon Go. Der Suchtfaktor ist groß, doch jedem Redakteur stellt sich im Test ein anderes Hindernis in den Weg.

Pokémon Go hat sich, wie auch einst das Original für den Gameboy, binnen kurzer Zeit zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Bereits in aller Welt werden Pokémon gejagt - sei es nun im irakischen Mossul, in einem Kajak auf dem Pazifik oder mitten in Wien in der futurezone-Redaktion. Und das, obwohl das Smartphone-Spiel offiziell erst seit knapp einer Woche und vorerst nur in wenigen Ländern offiziell verfügbar ist. Auch in der futurezone wird seit dem Release der ersten Version eifrig gespielt (und gemeinsam für Team Intuition gekämpft).

Die Auswirkungen sind schwerwiegend: Plötzlich möchte jeder in der Mittagspause mit zum Supermarkt gehen, für den Rückweg ins Büro braucht nun so mancher Kollege verdächtig lange und immer wieder wird auf den Smartphone-Bildschirm gestarrt, aus Angst, man könnte ein Pokémon verpassen. Der Hype hat die Redaktion voll erfasst, doch jeder erlebt das Pokémon-Revival anders. Daher fassen wir hier unsere Erlebnisse mit dem Niantic-Titel zusammen, geben euch Tipps und erzählen Kurioses aus dem Alltag eines Pokémon-Trainers.

Die futurezone wird zur Pokézone: Alle News, Infos und Tipps zu Pokémon Go findet ihr hier.
Was ist euch schon auf der Jagd nach Pokémon passiert? Erzählt uns eure besten Pokemon-Go-Geschichten in den Kommentaren.

PokeStop-Dürre und Psycho-Plage

Meine Karriere als Pokémon-Trainer begann relativ früh. Als ich vergangenen Mittwoch um sieben Uhr meinen Frühdienst begann, konnte ich mich vor Aufregung kaum zurückhalten und musste die App gleich herunterladen. Da musste auch die offizielle Meldung, dass das Spiel jetzt verfügbar ist, kurz warten. Glücklicherweise hatte es da ein aufmerksamer Nutzer bereits auf APKMirror hochgeladen. Trotz Startvorteil überholten mich meine Kollegen rasch, mittlerweile stehe ich bei Level zwölf. Das liegt auch an der PokéStop-Dürre in meiner Nachbarschaft. Doch ich will mich nicht beschweren, bei meinem nächsten Heimat-Besuch in der Steiermark droht mir mit Sicherheit Schlimmeres.

Am Enthusiasmus mangelt es nicht. Aus “kurz mit dem Hund vor die Türe gehen” wurde plötzlich ein mehr als eine Stunde langer Spaziergang durch die Nachbarschaft. Der Hund war irritiert, als wir bereits zum dritten Mal um den Block liefen, die Ausbeute an Pokémon und Erfahrungspunkten machten sich aber bezahlt. Ein Tipp: Strömender Regen ist kein Vorteil. Am Dienstag machte ich eine kurze Runde durch die Nachbarschaft und eroberte klatschnass eine Arena. Hier hab ich mir Hilfe vom Poké Assistant geholt, der berechnen kann, mit welchem Pokémon am Besten angreifen sollte. Die Freude über den Sieg wähnte aber nur kurz, bereits fünf Minuten später hatte es sich ein anderer Pokémon-Trainer dort bequem gemacht. Ohnedies macht mir meine Nachbarschaft Angst. Es heißt ja, dass die Art der Pokémon von der Region abhängt. Warum sich bei mir fast ausschließlich Psycho-Pokémon wie Hypno, Rossana und Traumato tummeln, ist mir schleierhaft.

Beziehungsprobleme durch Pokemon-Yoga

Pokémon hat das Zeug zum Beziehungskiller. Meine Frau hat angeboten, nach einem 2-tätigen, nicht gänzlich freiwilligen Schwiegerelternbesuch einen Spaziergang durch Schönbrunn zu machen. Ich dachte sie plagt das schlechte Gewissen, weil sie mich am ersten Pokémon-Go-Wochenende in eine Pokémon-freie Zone in Oberösterreich geschleppt hat. Sie wollte aber wahrscheinlich nur das schlechte Gewissen loswerden, dass sie zwei Tage nicht trainiert hat und so ihre LISS-Session nachholen. Ich wollte Pokémon fangen. Sie wollte Yoga vor der Gloriette machen.

Die Lage spitzte sich zu, als ich 50 Meter vom Ziel abwich um ein paar Sekunden (laut ihr Minuten) in der prallen Sonne bei 34 Grad zu verweilen, um eine Arena zu erobern. Hat eh nicht geklappt, weil die Server Crap waren. Bei der Gloriette wollte ich gerade ein Pokémon fangen, während sie mich fragte, wo man am besten die Yoga-Pose fotografieren könnte. Als ich mit einem “jetzt nicht” antwortete, wurde ich mit dem bösen Blick gestraft.

Fünf Minuten und ein paar Fotos später steuerte ich auf einen Pokéstop mit Lockmodul zu und warnte die Liebe meines Lebens (nein, nicht Pokémon Go, die Frau) vor, dass ich plane hier ein paar Minuten zu bleiben. Ich grüßte die zwei anderen Spieler freundlich, die schon in der Wiese saßen. Wir kamen schnell ins Gespräch, bis von der Seite ein “ich geh jetzt nachhause” an mein Ohr drang. Die nächsten 300 Meter wurde argumentiert, ob es nun 8 Minuten waren (bei der Pokémon Go App sieht man immer die Uhrzeit) oder “eine viertel Stunde”, die ich mit den anderen Spielern fachgesimpelt habe.

Fazit: An Arenen und Pokéstops findet man schnell Gleichgesinnte und Gesprächspartner, verliert aber möglicherweise den Beziehungspartner. Ich bin derzeit Level 19, Team Gelb und noch verheiratet.

Fast der erste Pokemon-Go-Unfall Österreichs

Nach rund einer Woche Pokémon Go lautet mein Fazit: Gemeingefährlich und süchtig machend. Gleich ein paar Stunden, nachdem ich mir das Spiel erstmals installiert habe, bin ich auf der Jagd nach einem Traumato (bevor ich gewusst habe, dass es in dieser Stadt circa 700.000 davon gibt) fast von einem Lkw auf der Nußdorfer Lände überfahren worden. Es folgte fast ein unfreiwilliger Ausflug in den Donaukanal (ja, ernsthaft wegen einem Karpador), eine wenig nette Begegnung mit einem Taxi in der Begegnungszone (Onix) sowie mehrere Beschimpfungen von anderen Radfahrern, weil ich plötzlich auf dem Radweg einen wackeligen Stopp hinlegt habe (u.a. Pikachu, der das aber wert war!).

Das Spiel selbst weist aktuell noch einen eher hohen Frustfaktor auf. Grund sind meist Bugs und lahme Server. Dennoch kann ich nicht damit aufhören. Die Kombi aus Kindheitserinnerungen, Sammelwahn und Konkurrenzdenken fesselt mich einfach. Mal sehen, wie lange es anhält.

So alt wie noch nie

Klar, Pokémon. Hmmm. Sind das eigentlich die japanischen Zeichentrickhelden aus der Zeit nach meiner Schulzeit? Oder doch die gelben Viecher? Selten hab ich mich (Jahrgang 1978) so alt gefühlt wie als die Berichterstattung losging und ich mich plötzlich damit beschäftigen musste. In der Zwischenzeit ist alles gut. Level 6 nach eineinhalb Spieltagen, Team rot gewählt - gelb waren die meisten Kollegen, aber eine schiache Farbe, rot immerhin die Chefin. Im Schweizer Garten eine erste Bekanntschaft mit einer unbekannten Spielerin geschlossen und artig abgewartet, bis der Quapsel auch auf ihrem Bildschirm zum Einfangen erschien. Sonst hätte es passieren können, dass er weggewesen wäre, sagte die Spiel-Genossin.

Und sonst. Ein Arena-Kampf, der ja bekanntlich erst ab Level 5 möglich ist, wurde durch dauernde Serverabstürze und die eiskalte Wiener Sommertemperatur zunichte gemacht. Dass nichts, aber rein gar nichts im Game erklärt wird, ist nervig, aber irgendwo auch cool. Aber man kann ja Kollegen und in Parks herumirrende SpielerInnen fragen. Die Musik ist absolut grottig, der Akku-Verbrauch ebenso. Der Hype fasziniert. Auch dass viele unterwegs sind, obwohl das Spiel in Österreich offiziell noch gar nicht veröffentlicht wurde. Ich gehöre vermutlich zu den wenigen iOS-Spielern in Wien - US-iTunes-Account sei Dank. Was noch kommt - ich bin gespannt. Radfahren mit dem iPhone in der Hand am Donaukanal entlang empfehle ich nicht. Würde ich auch nie machen. (Nur so als Hinweis, falls die Polizei mitliest).

Attraktiver dank Pokébällen

Pokémon Go ist für 12-Jährige und Weichbirnen, absolute Zeitverschwendung.” Das war meine Reaktion, als ich im Urlaub von durchdrehenden Freunden erstmals mit dem Smartphone-Game konfrontiert wurde. Wenige Tage später habe ich ein Telefonat mit meiner Lebensgefährtin beendet, weil mein Pokémon-Anlockrauch im Spiel zu versiegen drohte. Im Gegensatz zu meinem Kollegen belastet Pokémon meine Beziehung aber nicht.

Meine Frau spielt auch und findet mich mit Pokébällen sogar noch attraktiver. Ich sammle jetzt sogar schon beim Weg zur Arbeit fleißig Pokémon - und das obwohl ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Selbst dass ich schon in Hundescheiße getreten bin, öfters für einen Irren gehalten wurde und die Server ständig abschmieren kann meine Sucht derzeit nicht schmälern. Das kann sich zwar schnell wieder ändern, aber derzeit macht das Sammeln der virtuellen Kreaturen beinahe zu viel Spaß.