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Netzwerke
01/24/2012

Communities to go prägen Wirtschaft von morgen

Die digitalen Nomaden wandern von einer Oase (soziale Netze) zur nächsten und bauen dabei eine neue Ökonomie der Nähe auf. Geobasierte Geschäftsmodelle, pop-up-Ökonomie, Crowd Sourcing – was heute Pioniergeist hat, ist morgen in der Wirtschaft State of the Art. Der Zukunftsforscher Andreas Reiter analysiert anlässlich der DLD aktuelle Strömungen im Netz.

Die Welt dreht sich immer schneller, die Volatilität auf den Märkten und die Unsicherheiten nehmen zu. Wer heute 2-Jahrespläne macht, hat offensichtlich ein DDR-Gen abbekommen. Nachhaltige Strategien? Ein Masterplan für die beschleunigte Zukunft?

Je volatiler die Veränderungs-Kultur, desto mehr ist strategische Elastizität gefragt. Dennoch brauchen wir, aller Anpassungsgeschwindigkeit zum Trotz, so etwas wie Leitplanken, die Kollisionen mit Gefahrenzonen vermeiden helfen. Ein Frühwarnsystem, das mit seinem Radar den nebulösen Horizont sondiert. Was kommt, was bleibt?

Fact ist, das Betriebssystem der Marktwirtschaft wird gerade neu konfiguriert. Die rein quantitative Wachstums-Spirale (höher, schneller, weiter) ist zu Ende. Die neuen Passwörter für die „flüssige Moderne“ (Zygmunt Bauman) heißen: Ökonomie der Nähe (mobile Communities), kooperative Netzwerk-Kultur, nachhaltiges, ressourceneffizientes Wachstum.

Technologien als Spiegel
Es versteht sich von selbst, dass smarte, energieeffiziente und mobile Technologien diese Entwicklungen verstärken. Technologien sind dabei nie Ursache eines Systemwechsels, sie spiegeln vielmehr latent darunter liegende Werte und Bedürfnisse, also die sozio-kulturelle Grundmelodie. Und diese klingt eindeutig nach: mobil, sozial, glocal (global & lokal).

So stoßen z.B. die boomenden mobilen Kommunikations-Tools wie Tablets, Smart-Phone u.a. – 2015 soll bereits weltweit jedes zweite verkaufte Handy ein Smart Phone sein, in Westeuropa sind es, laut Gartner, sogar 95 Prozent – das Tor zum „Evernet“, in dem wir künftig leben, weiter auf. Eine augmented reality, in der alles mit allem und jeder mit jedem permanent vernetzt ist, nicht nur wir Menschen untereinander, sondern auch die Umgebung, die Produkte (via Apps und Smart Tags etc.). Sucht man beispielsweise eine Wohnung, findet man diese in naher Zukunft, indem man mit seiner Handy-Kamera die Häuserfassaden rundum scannt, freistehende Wohnungen erscheinen dann auf dem Display, mit Grundriss, Preisangabe etc.

Aufmerksamkeit als Leitwährung
Immer online, immer connected. Der vernetzte Nomade wird zur Leitfigur unserer digitalen Netzwerk-Gesellschaft. Er muss – um zu Überleben - kooperieren, soziales Kapital aufbauen und teilen - in den sozialen Netzen ist die stärkste Leitwährung unsere wechselseitige Aufmerksamkeit. Nur der gewinnt, der individuellen Profit mit kollektivem Nutzen zu verbinden weiß. Anthropologen wie Lionel Tiger sehen in dieser sozialen Kontaktpflege eine Parallele zu den Affen, die sich durch wechselseitiges Lausen ihrer Zuneigung versichern. Und dies geht bekanntlich nur im kleinen, überschaubaren Rahmen: Internetnutzer sind im Schnitt in 2,4 sozialen Netzwerken angemeldet und haben dort 133 Kontakte.

Wandernde Netzwerk-Stämme
In der mobilen Netzwerk-Kultur von morgen definieren sich Menschen mehr denn je über ihre soziale Beziehung (über ihren Peer-Index, Community Dax), sie teilen Gefühle, Werte, Informationen und Güter miteinander. Wir alle sind Teil sich permanent verändernder Netzwerk-Stämme, Communities to go – diese wandern von einer Oase (soziale Netze) zur nächsten und bauen dabei (über semivirtuelle Kommunikation) eine Ökonomie der Nähe auf. Diese ist durch einen pragmatischen, bedarfsorientierten Zugang zu Ressourcen gekennzeichnet. On demand-Business-Modelle wachsen daher rasant, wie das Cloud Computing etwa, bei dem an den aktuellen Bedarf angepasste Datenräume genutzt werden.

Alles wird sozial
Eine geobasierte Nachbarschafts-Ökonomie gedeiht, über mobile Kommunikations-Tools und lokale Bedürfnisse werden laufend neue Geschäftsmodelle generiert. Schon heute treibt diese pop-up-Ökonomie exotische Blüten wie lokales Car-Sharing (z.B. Take my car), fluide Businesses wie Guerilla Bakery, Guerilla Kitchen, Crowd-Funding (schon heute werden Kinofilme von Peer-Mitgliedern finanziert), Recycling-Fashion wie die Berliner Designer schmidttakahashi, die gebrauchte Kleidung stylisch „wiederbeleben“ etc. Jüngst ließ die Airline KLM mit der Idee des „Social Seating“ aufhorchen - sie bringt Passagiere mit ähnlichen Lifestyle-Interessen über einen Abgleich ihrer Facebook- und LinkedIn-Profile – zusammen.

Positionen im Wandel
Was heute Vorreiter betreiben – Open Innovation, Crowd Sourcing, bei dem die Intelligenz der Nutzer angezapft wird, um nutzerfreundliche Innovationen hervorzubringen, das wird morgen in der Wirtschaft State of the Art. Die Grenzen sind fließend, der Konsument wird zum Produzenten, der Käufer zum Verkäufer – und alle sind aufeinander angewiesen. Noch nie war das oberste Gebot der uralten Internet-Bibel (Cluetrain Manifesto) so wahr wie heute: Märkte sind Gespräche.

Der digitale Nomade braucht aber nicht nur Oasen und Communities, er braucht auf seinem Weg durch die Informations-Wüste insbesondere auch Orientierungs-Tools (wie Siri und ihre flüsternden Nachkommen). Auch wenn er die wachsende Komplexität über Algorithmen reduziert - der Mensch greift letztlich immer auf das Wichtigste zurück: auf den anderen Menschen.

Andreas Reiter:
Zukunftsforscher. Geboren 1958. Berät mit seinem ZTB Zukunftsbüro (Wien) renommierte Unternehmen, Kommunen, Destinationen und Öffentliche Institutionen im deutschsprachigen Raum in strategischen Zukunftsfragen, in Produktentwicklung und strategischer Positionierung.