© dpa

Peter Glaser: Zukunftsreich
07/21/2012

Das Knopfdrückgefühl

Überall Knöpfe, die Momente des Übergangs symbolisieren. Drückbare Dramen auf dem Weg nach dem technischen Fortschritt hin. Die Welt auf Knopfdruck – so sah die Zukunft in der Nachkriegszeit aus. Heute verschwinden die Knöpfe. Was bleibt?

Die neue Windows-Version mit der Nummer 8 wird keinen Start-Knopf mehr haben, so ist zu erfahren. Untersuchungen haben ergeben, dass die Nutzer den Button verschmähen (und einen Stop-Knopf gibt es ohnehin nicht). Ein anderer Knopf wird auf den ersten Blick gerade gestärkt. Um Online-Konsumenten vor Abzocke und Abofallen zu schützen, wird in Deutschland die Gestaltung der Bestell-Buttons demnächst vorgeschrieben. Künftig sollen die Kaufen-Knöpfe am Bildschirm in "verständlicher und hervorgehobener Weise" beschriftet sein. Beides aber sind bereits Knöpfe, die gar keine Knöpfe mehr sind. Es sind Buttons. Scheinknöpfe. Es sind die digitalen Zeichen des Abschieds vom Knopf.

Ein analoger Knopfdruck war noch wie ein Handschlag
Wir lassen die Schaltknöpfe eine kleine Geschichte der modernen Welt erzählen. In den fünfziger Jahren bauten Männer wie Daniel Düsentrieb Elektronengehirne, deren Konsolen mit jenen Hebelkippschaltern bestückt waren, die aussehen wie stählerne Steinschleudern. Es war die Zeit riesiger Radioapparate, an denen einen ein Magisches Auge grün anglühte. Der Drehknopf an der Frequenzskala war stufig wie eine winzige Hochzeitstorte und am Rand gerillt wie eine Münze. Die Schaltknöpfe der Radios waren gelb wie Raucherzähne und groß wie Nougatwürfel. Wer einen solchen Knopf drücken wollte, hatte sich einer mit Absicht widerspenstigen Mechanik entgegenzustemmen. Um einen Knopf zu drücken, war eine gewisse Anstrengung nötig. Man bekräftigte durch den Knopfdruck die Absicht, das Gerät zu frequentieren.

Mit den Jahren ging die Berührung sachter vonstatten. An butterglatt skalierbaren Drehknöpfen stellte sich erstmals etwas wie ein Zartgefühl den Maschinen gegenüber ein. Der Widerstand, den man von einem Knopf gewohnt war, wurde raffinierter. Es gab Drehknöpfe aus Metall, groß wie Hockeypucks, die einem beim Drehen ein flüssiges Gefühl ihres Gewichts gaben. Andere Knöpfe leisteten winzige Widerstände in der Art eines Tresorschlosses: Der Drehregler bewegt sich nicht im freien Lauf, sondern Tick für Tick.

Knöpfe, weich wie Fleisch
Die Knöpfe wurden immer kleiner, flacher und weich wie Fleisch. Sie tauchten ab in Folientastaturen und vandalismusresistente Drückfelder an öffentlichen Geräten wie Fahrkartenautomaten oder Bankomaten. Mit dem Siegeszug des Computers begann der endgültige Abschied vom Knopf. Heute bedienen wir nur noch scheinbare Knöpfe unter der gläsernen Haut der Bildschirme. Klickbuttons sind sentimentale Repliken auf den richtigen, echten Knopf wie Gott ihn einst schuf.

Die letzte Verfeinerung des Knopfs, der keiner mehr ist, kommt von Volkswagen. Von der amerikanischen Firma Immersion hat VW eine Technologie erworben, mit der sich virtuelle Knöpfe auf einem Touchscreen fühlbar machen lassen. Man spürt an der Fingerspitze zwar wieder sowas wie einen Knopf. Aber es ist nur noch das schöne, nützliche, wirkungswunderkleine Knopfgefühl, das bei uns bleiben möchte.

Ausschalten – ein Menschenrecht
Der Hauptgrund für das Schwinden des Knopfs: Der Zwang zum Ansein nimmt stetig zu. Ich kann meinen Desktop-Rechner nur noch scheinbar vom Netz nehmen, indem ich „Ausschalten" anklicke. Um ihn richtig auszuschalten, muß ich nach hinten unten zu einem kleinen Schalter kriechen oder den Stecker ziehen. Standby steht für eine Welt, aus der Aus-Knöpfe sich tendenziell verabschiedet haben. Rotglühende Leuchtdioden zeigen an, dass ständig ein stehendes Heer an Geräten rund um uns herum lagert und auf den Marschbefehl wartet.

Ich bin der Meinung, dass der Ausschaltknopf als ein bedeutendes Menschenrecht gewahrt bleiben muß. Wie sehr uns dieser Knopf bereits ausgetrieben worden ist, zeigt beispielhaft das Mobiltelefon. Zwar verfügt es noch über einen regulären Ausschaltknopf. Aber die psychische Belastung, die das Ausschalten mit sich bringt angesichts der Möglichkeiten, was man alles versäumen könnte, ist immens.

Der Kommunikationsmönch und die blanke Gegenwart
Der Held, der noch in der Lage ist, sein Smartphone auszuschalten, zeigt uns, dass es sich mitten im globalen Glitzern der Mobilkommunikation mönchisch einfach leben läßt, allem weltlichen Wellensalat abhold. Ohne Verbindung ins Netz steht er da, umfriedet von blanker Gegenwart wie von Klostermauern. Kein bißchen Fernrufbereitschaft erleichtert sein schieres Hiersein. Nichts als Unferne ist rund um ihn rum.

Manche empfinden bereits das Drücken des Tastatursperre-Knopfs als den schaurigen ersten Schritt in den eisigen Schatten des Nichtkommunizierens. Ich schätze, die Arbeit von Psychologen wird sich in ein paar Jahren darauf beschränken, den Menschen beizubringen, wie man Geräte wieder abschaltet. Bald werden wir Maschinen nicht mehr mit einem Ein- und Aus-Knopf zu kaufen bekommen, sondern nur noch mit einer Reißleine, die zum Start gezogen wird. Dann läuft der Apparat bis an sein Ende.

Mehr zum Thema

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.