Meinung
03.12.2011

Das Traumbild einer neuen Welt

Erst wurde, das Unvorstellbare erfunden, danach die Zukunft. Dann drohte die Automatisation der Automatisation und die Flucht in den leeren Raum. Das digitale Zeitalter beginnt ruhiger – scheinbar jedenfalls.

Die maßgebliche Leistung des klassischen Kapitalismus war nicht ökonomischer, sondern sozialer Natur. Seine Fähigkeit, für jeden individuellen Arbeiter oder Angestellten Zeiteinteilung und Aufenthaltsort auf die Minute festzusetzen, gab es zu keiner Zeit zuvor in der menschlichen Kultur. Die Macht des Kapitalismus, hunderte Millionen Menschen den speziellen und temporären Anforderungen privater Unternehmen folgen zu lassen, ist einzigartig in der Geschichte. Mit dem Aufkommen der Fabriken im industriellen Zeitalter nahm die Zentralisierung der Produktionsmittel zu. Menschen fluteten vom Land in die Städte, und ihr Zeitmaß veränderte sich von der Saison zur Sekunde. Der auf Manufaktur basierende Kapitalismus brachte die Produktionsmittel (Fabriken) und die Vertriebsmittel ( Schiffe, Züge, Autos, Flugzeuge) in die Hand einer Elite.

Jetzt, während wir uns ins dritte Jahrtausend bewegen, beginnt die ökonomische Weltsicht des digitalen Zeitalters die herkömmlichen Strukturen zu unterminieren. Die Wirtschaft bewegt sich weg von den Abhängigkeiten zentralisierter Herstellung hin zur Produktion, Verarbeitung und Distribution von verteilter, dezentraler Information. Das digitale Zeitalter hat mit der Einsicht begonnen, dass nun die maßgebliche Ware des westlichen Kapitalismus Informationen und Ideen sind. Diese ökonomische Umformung vollzieht sich gleichzeitig mit einem strukturellen Wandel des Charakters von Information. In der alten Ökonomie war Information papiergetragen, zentralisiert und isoliert. In der neuen Ökonomie basiert Information auf digitalen Medien, auf Netzen und auf Dezentralisierung.

Die Erfindung der Zukunft
Es war in der Renaissance, als die Zukunft erfunden wurde – als ein utopisches Bild des Morgen. Zum ersten Mal erschien das Hinkünftige damals attraktiver als die Vergangenheit. Das Experimentelle, Neuartige erhielt Vorrang vor dem Erprobten und Traditionellen. Das Traumbild einer Neuen Welt, das nach dem 15. Jahrhundert in vielen Formen vom westlichen Menschen Besitz ergriffen hat, war ein Versuch, der Zeit und ihren Aggregationswirkungen - Tradition und Geschichte - zu entkommen. Man wollte sie gehen unbesiedelten Raum eintauschen. Schließlich nahm die neue Welt revolutionäre Form an: als ein Versuch, die Lebensweise, die Gewohnheiten und die Ziele ganzer Bevölkerungen umzuformen. All die neuen, vorwärtsgerichteten Fluchtarten sollten in einem einzigen Komplex verbunden werden - einem neuen Himmel auf Erden, der entstehen würde, sobald Königtum, Feudalismus, Kirche und Kapitalismus verschwunden wären. Das Prinzip wiederholt sich nun mit der Ausbreitung des Internet.

Die geographischen Entdeckungen hatten damals die räumlichen Bindungen an einen bestimmten Herkunftsort und eine bestimmte Kultur gelockert. Es löste sich auch die Bindung an die unmittelbare Gegenwart. Zum ersten Mal begann der menschliche Geist, sich frei in Vergangenheit und Zukunft zu bewegen, zu wählen und auszusuchen, zu antizipieren und projizieren, befreit von der Herrschaft eines tyrannischen Hier und Jetzt. All die Kräfte, die durch die Erforschung unseres eigenen Planeten in Bewegung gesetzt worden sind, wurden später, ohne an Schwung zu verlieren und ohne die Methoden und Ziele erheblich zu ändern, auf die Erforschung des Weltraums übertragen - begleitet von den gleichen Fehlern: von demselben maßlosen Stolz, derselben Aggressivität, derselben Mißachtung wichtiger menschlicher Bedürfnisse und demselben Beharren auf technischen Entdeckungen und rasche Fortbewegung als vermeintliches Hauptziel des Menschen.

Undurchführbar und unvorstellbar
Im 19. Jahrhundert hatten wissenschaftliche Experimente von Physikern wie Volta, Galvani, Ohm und Faraday beinahe innerhalb einer einzigen Generation zu Erfindungen geführt, die kaum etwas aus einer früheren Technologie übernahmen: Telegraphie, Dynamo und Elektromotor. Sie waren neu im tiefen Sinn. Innerhalb von zwei Generationen wurden das elektrische Licht, das Telefon, die drahtlose Telegraphie und die Röntgenstrahlen erfunden. Alle diese Erfindungen waren zuvor nicht nur undurchführbar, sondern auch technisch unvorstellbar gewesen, ehe die reine wissenschaftliche Forschung sie zu realen Möglichkeiten machte. Dieser Art von Wirklichkeit war die utopische Phantasie nicht gewachsen.

Das Online-Universum ist demgegenüber bescheiden. Alles in ihm ist nur anscheinend. Im Gegensatz zu den düsteren Utopien, in denen alles beherrschende Automaten im Zentrum stehen, bildet sich das Inernet nun als ein weltumspannender Ort neuer Gemeinschaftlichkeit aus. Die Automation der Automation wurde von Derek John de Solla Price (er hat die Scientometrie erfunden, mit der man Wissenschaft quantitativ messen kann) mit spitzer Feder als Irrationalität aufgespießt: Price errechnete, dass bei der gegenwärtigen Wachstumsrate der wissenschaftlichen Produktivität in ein paar Jahrhunderten auf jeden Mann, jede Frau, jedes Kind und jeden Hund auf unserer Erde Dutzende Wissenschaftler kommen würden.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.