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Wissenschaft & Blödsinn Die böse Chemie.

 
  - Foto: AP/Seth Wenig
Natürliches ist gesund, Künstliches ist giftig: Die Diskussion über Chemikalien wie Glyphosat hat mehr mit Esoterik zu tun als mit Wissenschaft.

„Chemikalien sind gefährlich, vor allem solche mit kompliziertem Namen“, meint Vani Hari, eine amerikanische Bestsellerautorin, die unter dem Namen „Food Babe“ reich und berühmt geworden ist. Ihre Faustregel lautet: Was man nicht aussprechen kann, soll man nicht essen. „Seveso-Gift“ ist nach dieser Logik also unbedenklich – das geht leicht über die Lippen. Erst wenn man dieselbe Substanz „Tetrachlordibenzodioxin“ nennt, sollte man misstrauisch werden. Und lassen Sie sich um Himmels Willen nicht einreden, Dihydrogenmonoxid sei ungefährlich, nur weil es manche Leute Wasser nennen!

Ein halbes Kilo Prana, bitte!

„Die Dosis macht das Gift“, sagen Toxikologen gerne, doch "Food Babe" weiß es besser: „Es gibt einfach keine akzeptable Menge irgendeiner Chemikalie, die man einnehmen kann, niemals!“ Das macht die Nahrungsaufnahme natürlich etwas schwierig. Wenn wir auf alle Chemikalien verzichten wollen, dann können wir uns eigentlich nur noch von Licht oder göttlichem Prana ernähren. Und erklären Sie das mal dem Würstelbudenbesitzer, wenn Sie nachts noch Hunger haben!

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Vani Hari, auch bekannt als 'Food Babe' - Foto: AP
Doch es ist zu einfach, sich bloß über die naive Unwissenschaftlichkeit solcher Aussagen lustig zu machen. Hinter Food Babe’s sprachlichen Verirrungen steckt ein weitverbreiteter Gedanke, über den man durchaus diskutieren kann: Vor künstlich hergestellten Substanzen haben viele Leute Angst – manchmal durchaus zu Recht. Stoffen, die aus der Natur kommen, wird mehr Vertrauen entgegengebracht. Hat uns die Evolution nicht seit vielen Millionen Jahren auf den Umgang mit Naturstoffen vorbereitet? Muss das Natürliche daher nicht logischerweise ungefährlich sein?

Das mag einleuchtend klingen, ist aber ein Fehlschluss. Viele der giftigsten Substanzen, die wir heute kennen, stammen aus der Natur. Vieles, was unsere Chemiefabriken in Kanistern mit kompliziert klingender Aufschrift verlässt, ist hingegen völlig harmlos. Künstliches als gefährlich und Natürliches als gesund zu betrachten ist wissenschaftlich unhaltbar – so einfach ist es nicht. Es gibt nun mal keine simple Regel, die uns sagt, welche Substanzen für wen in welcher Konzentration schädlich oder nützlich sind. Das muss man mit aufwändigen Studien in jedem einzelnen Fall austesten. Alles andere ist bloß ein Ratespiel.

Das böse Glyphosat

Sehr emotional wird derzeit über Glyphosat diskutiert – es ist der Wirkstoff des Unkrautvernichtungsmittels Roundup, das von der Firma Monsanto entwickelt wurde. Umweltschutzorganisationen fordern einen Zulassungsstopp, es gibt Unterschriftenlisten für ein Verbot, manche Politiker schließen sich an.

Tatsächlich ist es klug, vorsichtig mit einer Substanz umzugehen, die dafür hergestellt wird, irgendetwas umzubringen. Aber für ein wissenschaftliches Urteil muss man sich die Sache schon genauer ansehen. Der Wirkmechanismus von Glyphosat ist bekannt: Es blockiert ein bestimmtes Enzym, das die Pflanzen zum Überleben brauchen. Wir Menschen haben dieses Enzym aber gar nicht – daher bringt Glyphosat das Unkraut um, lässt uns aber weitgehend in Ruhe.

Natürlich kann Glyphosat darüber hinaus auch noch andere Wirkungen haben, und das muss man sorgfältig untersuchen – mit Zellkulturen, mit Tierversuchen, mit langfristig angelegten Studien. Dabei zeigt sich, dass Glyphosat im Experiment durchaus Schäden hervorrufen kann, aber erst bei sehr hohen Konzentrationen, die bei gewöhnlichem Umgang mit Glyphosat in der Landwirtschaft nicht auftreten. Niemand würde sich gerne Glyphosat ins Frühstücksmüsli streuen, doch insgesamt gilt Glyphosat als ein Herbizid mit geringer Toxizität gegenüber Tieren. Außerdem ist es im Boden nicht sehr mobil, es breitet sich kaum aus, auch das ist ein Vorteil.

Um auszudrücken, wie giftig eine Substanz ist, gibt man oft die letale Dosis LD50 an. Das ist jene Menge der Substanz, die man Tieren oder Menschen pro Kilogramm ihres Körpergewichts zuführen muss, sodass die Hälfte von ihnen stirbt. In Versuchen mit Ratten braucht man dafür 5,6 Gramm Glyphosat pro Kilogramm Rattengewicht – das ist ziemlich viel. Glyphosat ist also nicht besonders giftig, die akute Toxizität von Kochsalz ist höher als die von Glyphosat.

Auch Pflanzenschutzmittel, die als natürlich angepriesen werden, bringen Ratten im Tierversuch bereits in geringeren Mengen um als Glyphosat: Die letale Dosis von Kupfersulphat, das in der Bio-Landwirtschaft verwendet werden darf, ist deutlich geringer als die des gefürchteten Unkrautvernichtungsmittels von Monsanto. Dasselbe gilt für die völlig natürlichen Pyrethrine, die man aus der Chrysantheme gewinnt: Die Ratten werden mit einem reinen Naturprodukt gefüttert, mit Bio-Gütesiegel - aber das nützt ihnen wenig, am Ende sind sie trotzdem tot.

Wer also ein Glyphosat-Verbot verlangt, der muss auch ganz klar sagen, was er stattdessen verwenden möchte. Aus Angst vor Glyphosat auf andere, schädlichere Substanzen umzusteigen, nur weil man auf sie ein Bio-Etikett kleben kann, ist Unfug. Umweltschutz heißt, die umweltfreundlichsten Substanzen zu verwenden, und gefährliche Stoffe zu vermeiden. Ob diese Stoffe künstlich hergestellt oder natürlich erzeugt wurden, sollte keine Rolle spielen.

Manche Umweltaktivisten wollen sich aber auf wissenschaftliche Ergebnisse und LD50-Dosisangaben gar nicht einlassen. Wenn etwas schädlich ist, so behaupten Leute wie Food Babe, dann ist die einzig akzeptable Dosis null. Kein Molekül dieser Chemikalie soll uns in die Quere kommen. Doch das ist einfach unmöglich: Alles findet man überall, wenn man genau genug misst. Der gesündeste Bio-Apfel enthält winzige Spuren vieler verschiedener Gifte. Im durch und durch natürlichen Mammut-Steak, das unsere Vorfahren gegrillt haben, befand sich höchstwahrscheinlich erbgutschädigendes Acrylamid. Wenn ich abends an einer Bar vorbeispaziere, nehme ich unzählige Ethanol-Moleküle auf. Sollte mir das Sorgen machen?

Wenn man irgendeine schädliche Chemikalie in der Muttermilch, im Frischgemüse oder in meinem Daumennagel findet, dann ist das zunächst kein Grund zur Beunruhigung, sondern möglicherweise bloß ein Beweis für die bewundernswerte Messgenauigkeit der analytischen Chemie. Die Dosis macht das Gift. Wir müssen fragen:  Wie hoch sind die gesetzlichen Grenzwerte? Sind diese Grenzwerte vorsichtig genug angesetzt? Wurden die Grenzwerte überschritten? Jeder skandalverliebte Zeitungsartikel, der diese Fragen nicht beantwortet, sollte gleich zum Altpapier wandern.

Welche Stoffe für uns und für die Umwelt gefährlich sind, ist eine wichtige Frage, die wir sehr sorgfältig untersuchen müssen. Die simple Faustregel „natürlich ist gesund, künstlich ist schlecht“ hilft uns dabei ganz sicher nicht weiter.

Vielen Dank an Bio-Expertin Elisabeth Hewson für fachliche Tipps.
Zum Weiterlesen eignen sich wie immer die Artikel von Medizin Transparent

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 17.05.2016, 10:39

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