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Peter Glaser: Zukunftsreich
01/28/2012

Die Internet-Zeitmaschine

Ob Mumifizierung oder De Lorean mit Flux-Kompensator – Zeitreisen waren immer anstrengend. Nun kommen Vergangenheit und Zukunft mit digitaler Hilfe zu uns.

Seit dem Beginn der Kulturgeschichte versuchen Menschen, durch die Zeit zu reisen, über Spannen hinweg, die weit über ein Lebensalter hinausreichen. Die alten Ägypter haben ihre Könige mumifiziert, um deren Körper durch die Jahrtausende zu transportieren, und sie bauten Pyramiden für Reisen nach der Ewigkeit hin. Science Fiction-Autoren haben Geräte erdacht, mit denen sich der Zeitstrom befahren läßt, von H. G. Wells viktorianischer Zeitmaschine bis zum DeLorean-Sportwagen mit eingebautem Flux-Kompenator aus der Filmtrilogie "Zurück in die Zukunft”. In der klassischen Vorstellung einer Zeitreise bewegte sich ein Mensch durch die Zeit, mit den Fortschritten der Computertechnik und der weltweiten Vernetzung muß nun aber niemand mehr die Unbequemlichkeit einer Fernreise auf sich nehmen – Vergangenheit und Zukunft kommen mit digitaler Hilfe zu uns.

Per Schieberegler durch die Epochen
Für viele sind bereits die zahllosen alten Amateuraufnahmen aus dem Alltag vergangener Jahrzehnte, die sich auf den großen Videoportalen sammeln, filmische Zeitmaschinen. Bei Google werden seit acht Jahren historische Aufnahmen aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und in Google Earth integriert. Dort kann man sich nun per Schieberegler in die Vergangenheit bewegen, um zu sehen, wie es früher an einem Ort ausgesehen hat – seien es schrumpfende Eisflächen in der Antarktis oder die Bauarbeiten am Olympiastadion in Peking. Bei MSN gibt es zur Schlacht um England im 2. Weltkrieg einen "Interactive Guide”, in dem man sich, ebenfalls über Schieberegler, durch diverse Zeitverläufe bewegen kann.

Aus immer mehr solcher Teile setzt sich die digitale Zeitmaschine zusammen. Nathan Myhrvold, ehemals Vordenker bei Microsoft, ist in seiner Freizeit Dinosaurierforscher. Seine Theorie, dass die gewaltigen Brontosaurier durch das Peitschenknallen ihrer langen Schwänze miteinander kommuniziert haben, ließ Myhrvold mit aufwendigen Computersimulationen überprüfen, deren Ergebnis eine kleine Sounddatei mit dem mutmaßlichen Geräusch ist. Nun wissen wir also auch, wie es sich angehört hat, damals vor 150 Millionen Jahren.

Gefangen in Google Street View
Dass der scheinbar gewaltige neue Erinnerungsraum auch ziemlich trostlos erscheinen kann, weiß jeder, der in den visuellem Straßenfluchten von Google Street View einen bestimmten Ort schon mehrmals besucht hat. Schlimmer noch als in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier", in dem jemand in immer dem selben Tag gefangen bleibt, sieht man sich in Street View in immer dem selben Moment gefangen, in dem die Aufnahme der Umgebung gemacht wurde. Nur alle paar Monate gibt es eine Aktualisierung, tickt die Uhr eine Sekunde weiter. Ein Freund, den ich neulich besucht habe, wohnt in einem Haus, von dem bei Google Earth immer noch nicht mehr als die Fundamente zu sehen sind. Ist das nun schon erlebte digitale Archäologie oder vieleicht doch ein Beleg dafür, dass die Vielfalt der in zahllosen Realitäten verlaufenden Wirklichkeit und der Echos, die sie in sechs Milliarden bewußter Geister auslöst, nicht maschinell einzuholen ist und der Versuch eher eine Last ist als eine Lösung?

Alle sammeln Daten wie verrückt
Da wir in einem Zeitalter des Speicherwahns leben, kommt die Kunst des Vergessens neue Bedeutung zu. Heute können die Hersteller von Speichermedien gar nicht mehr so schnell liefern, wie der Platz auch schon wieder vollgestopft ist. Die forcierte Neigung, nichts mehr zu löschen und auch sämtliche verwackelten Fotos aus dem Urlaub aufzubewahren, führt zu einer gefährlichen kulturellen Transformation. Denn nicht nur Individuen sammeln Daten wie verrückt, auch Unternehmen und Behörden. Und Computer, vor allem in vernetzter Form, vergessen nicht.

Was man jemals ins Netz geschrieben hat, bleibt – zumeist – unverändert erhalten. Es hält, sofern es eine Person betrifft, starr und statisch einen Zustand einer Persönlichkeit fest, die sich längst weiterentwickelt hat. Das Internet zeigt sich so als ein gewaltiger Apparat, der Konservativismus produziert. Zugeich gibt es Vorgänge, die Naturkatatstrophen in der wirklichen Welt ähneln, als etwa die erst 2005 gegründete Plattform Google Video bereits sechs Jahre später eingestellt wurde und die Uploader von Millionen von Filmen und Kommentaren aufgefordert wurden, sich für ihr Material eine andere Unterkunft zu suchen, andernfalls es dem digitalen Nirwana anheimfalle.

Menschen, die sich zu gut erinnern, leiden darunter
Die zahllosen Einzelheiten, die ständig unsere Aufmerksamkeit durchrauschen, wären eine furchtbare Last, würden wir sie uns alle merken müssen. Menschen, die über ein sogenanntes fotografisches Gedächtnis verfügen, leiden darunter. Im Gegensatz zu den digitalen Maschinen kann der Mensch jedoch vergessen. Es ist ein abgestufter und vieldimensionaler Vorgang – beileibe kein simples, binäres Löschen. Erinnerungen treten zurück, sie verblassen oder verwandeln sich und werden überdeckt von anderen Sedimenten des Gedächtnisses; manche tauchen nach Jahrzehnten wieder aus den Tiefenschichten der Erinnerung auf.

Die veredelten Formen des Vergessen gehören zu den hohen Werten einer Zivilisation: Resozialisierung oder Vergebung wären ohne beabsichtigtes Vergessen nicht möglich. Wenn einem Menschen ein Elefantengedächtnis nachgesagt wird, verheißt das nichts Gutes. Man empfindet so jemanden als nachtragend. Auch an diesem Vergessensmangel merken wir, wie neu die ganze digitale Technologie noch ist. Erst wenn künftige Betriebssysteme Dateien altern lassen werden wie Laub, werden die digitalen Maschinen nicht nur ein technischer Fortschritt sein, sondern auch ein kultureller.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.