Meinung
15.11.2016

Die Kamikaze-Wähler

Menschen treffen Wahlentscheidungen, die ihnen selbst schaden. Das ist aber gar nicht so unverständlich, wie man auf den ersten Blick glauben könnte.

Jetzt sind alle verrückt geworden – das ist die durchaus naheliegende Diagnose, die man nach Wahlen mit merkwürdigem Ergebnis oft liest. Irgendein grimmiger Wüterich verspricht, die gewohnten Spielregeln zu brechen und die etablierten Eliten wegzupusten, und er wird dafür bejubelt – oft von Leuten, die dabei persönlich überhaupt nichts zu gewinnen haben. Viele Menschen, die soziale Absicherung, höhere Mindestlöhne und allgemeine Gesundheitsvorsorge eigentlich gut brauchen könnten, stimmen für einen Multimillionär, der all das ablehnt. Ist dieses Verhalten irrational?

Teilweise schon – manche Leute wählen mit völlig unrealistischen Zukunftshoffnungen im Bauch. Teilweise aber auch nicht – denn vielen Leuten ist völlig klar, dass sich ihre persönliche Lage gar nicht verbessern wird, wenn ihr Lieblingskandidat gewinnt. Sie wählen, um andere zu ärgern. Manchmal ist das Ansporn genug. Die Bedeutung dieses Wahlmotivs wird oft unterschätzt.

Das Ultimatumspiel

Das erinnert an ein interessantes Experiment aus der Spieltheorie, das sogenannte Ultimatumspiel. Ein Spieler bekommt hundert Euro und darf sie beliebig zwischen sich und seinem Mitspieler aufteilen. Wenn der Mitspieler mit der Aufteilung einverstanden ist, dann bekommen beide ihren Anteil des Geldes, wenn er die Aufteilung allerdings ablehnt, gehen beide leer aus.

Naiv betrachtet könnte man annehmen, dass der erste Spieler nur einen minimalen Geldbetrag anbieten muss: Auch wenn er 99 Euro für sich behält und seinem Partner bloß einen Euro anbietet, ist dieser damit immer noch besser bedient als mit einem geplatzten Deal, bei dem er völlig leer ausgeht. Wer die Wahl zwischen einem Euro und null Euro hat, sollte sich doch eigentlich immer für den einen Euro entscheiden. Doch Experimente zeigen, dass die meisten Menschen anders denken: Die Mehrheit der Spieler bietet ihrem Gegenüber 40-50% des Gesamtbetrags an, Aufteilungen mit einer Ungleichheit von 30:70 werden in etwa der Hälfte der Fälle abgelehnt.

Ist dieses Verhalten irrational und dumm? Nein, keineswegs. Viele Ökonomen und Spieltheoretiker haben sich darüber Gedanken gemacht und Erklärungsmodelle entwickelt. Wir verhalten uns so, dass uns das Ergebnis möglichst großen Nutzen bringt, aber dieser Nutzen liegt nicht ausschließlich im Geld, das wir bekommen. Nutzen kann auch darin bestehen, einen immateriellen Wert verteidigt zu haben, sich einfach moralisch überlegen zu fühlen, oder auch sich an der Niederlage des anderen zu erfreuen. So wird die Ablehnung einer radikalen Ungleichheit rational sinnvoll: Ich schade mir damit zwar selbst, aber es macht mich glücklicher, meinen unfairen Gegenspieler leiden zu sehen, als den jämmerlichen Euro anzunehmen, die er mir anbietet.

Ich will euch doch nur ärgern!

Manche Wahlergebnisse muss man wohl genau auf diese Weise verstehen: Es geht nicht darum, das oberflächlich betrachtet beste Ergebnis für sich selbst zu erreichen. Mehr Freude als der eigene Vorteil bringt manchmal der Frust, den man anderen verursachen kann. Wer das Gefühl hat, ungerecht behandelt zu werden, schadet sich gerne ganz bewusst selbst, wenn er die Hoffnung hat, dem verhassten Establishment damit noch mehr zu schaden. Das Verhalten ist nicht irrational – nur eben destruktiv.

Populisten, die sich in unserem komplexen demokratischen System bewegen wie ein pubertäres Rhinozeros im liebevoll zurechtgezupften Orchideenbeet, wird man daher niemals besiegen, indem man ihren Anhängern ein paar gut gemeinte, rational sinnvolle Angebote macht. Sie wollen keine zukunftsweisende Wirtschaftspolitik, die uns ein paar zusätzliche Prozent Wachstum beschert. Sie wollen kein sicheres soziales Netz, das sie vor dem drohenden Absturz bewahrt. Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen. Wie Kamikaze-Piloten stürzen sie sich ins Unglück, mit der inneren Befriedigung, anderen noch mehr geschadet zu haben.

Für die persönliche Unzufriedenheit ist nicht unbedingt die eigene Situation ausschlaggebend, sondern der gefühlte Unterschied zwischen der eigenen Situation und der Situation der anderen. Wenn die Führungsschicht als abgehobene Elite wahrgenommen wird, die ihre Regeln im Hinterzimmer diskutiert, den eigenen Reichtum vermehrt und sich auf Themen konzentriert, die dem Durchschnittswähler völlig egal sind, dann kommen beim übrigen Volk Kamikaze-Reflexe ans Licht – und zwar ganz unabhängig davon, ob diese Eliten Böses im Schilde führen oder ob sie eigentlich grundanständige, vernünftige Politik machen. Das wird man akzeptieren müssen. Wer Politik nicht als gemeinsame Suche nach guten Lösungen begreift, sondern als Konkurrenzkampf rivalisierender Gruppen – links gegen rechts, Stadt gegen Land, politisch korrekt gegen politisch inkorrekt – der wird immer wieder solche Kamikaze-Reflexe auslösen.

Kurios ist freilich, wenn in den USA eine vermeintlich abgehobene Elite bestraft wird, indem man einen Multimillionär an die Machthebel bugsiert, der sich selbst noch viel elitärer fühlt. Ob er es schafft, dauerhaft als Stimme des Volkes wahrgenommen zu werden? Was passiert, wenn der Stinkefinger, den man dem Establishment zeigen möchte, selbst zum Establishment wird? Es ist nicht ausgeschlossen, dass er bald genau an denselben psychologischen Reflexen scheitert, die ihn nun an die Macht gespült haben.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.