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Wissenschaft & Blödsinn Die Politik der Magensäfte.

 
  - Foto: REUTERS/CARLO ALLEGRI
Fakten waren gestern. Heute ist man flexibler: Wissenschaftlich Widerlegtes und frech Erlogenes scheint in der Politik plötzlich erlaubt zu sein.

Sind jetzt alle verrückt geworden? Gelogen wurde in der Politik wohl immer schon. Aber wenn man ertappt wurde, fand man das zumindest irgendwie peinlich. Nun aber ist ein neuer Trend zu beobachten: Politische Bewegungen, die sich nicht mehr um Fakten scheren und sich stattdessen ganz auf das Erregen von Bauchgefühlen spezialisieren, ähnlich wie Durchfallbakterien. Was sich hier ausbreitet, ist das genaue Gegenteil des aufgeklärten, wissenschaftlichen Denkens, auf dem unsere moderne Demokratie beruht – und das ist gefährlich.

Post-Truth Politics

Donald Trump ist das vielleicht beeindruckendste Beispiel dieser neuen Taktik, die in den USA als „post-truth-politics“ bezeichnet wird. Die Wirklichkeit passt nicht zum Wahlprogramm? Egal, dann sucht man sich eben eine bessere: Obama hat den IS gegründet, der Klimawandel ist eine sozialistische Lüge und Mexiko wird eine Grenzmauer bezahlen, die alle Probleme löst. Fleißige Journalisten verbringen dann viel Zeit damit, auf klugen Webseiten die einzelnen Behauptungen aufzudröseln und gewissenhaft zu widerlegen. Das ist auch gut so, aber es nützt wenig.

Trumps Parteikollege Newt Gingrich beklagt sich über die hohe Kriminalitätsrate. Die Fakten sagen, dass die Kriminalitätsrate sinkt, erklärt man ihm. Das macht nichts, antwortet Gingrich, denn die Leute haben den Eindruck, dass die Kriminalität steigt, und darauf kommt es schließlich an. Wer mit den Ängsten der Mehrheit spielt, hat automatisch Recht. Das Bauchgefühl ist wichtiger als die Wahrheit. Das Gehirn macht Pause, es regiert die Politik der Magensäfte.

In Österreich wird die Bundespräsidentenwahl wegen formaler Fehler aufgehoben. Am Wahlergebnis besteht kein Zweifel, das Gericht findet keine Hinweise auf Betrug, auch sorgfältige statistische Untersuchungen kommen zum selben Ergebnis. Aber man schürt Gerüchte über Wahlmanipulationen, das kribbelt so schön im Bauch.

Man hält den Volkszorn am Köcheln, indem man Schauergeschichten verbreitet, über verzweifelte Senioren, die aus ihren Altersheimen vertrieben werden, um Platz für kulturfremde Asylanten zu machen. Das ist natürlich falsch, unsinnig und gelogen, aber es klingt aufregend. Eine durch freche Lügen gewonnene Wählerstimme zählt genauso viel wie eine, die man durch mühsame politische Arbeit errungen hat.

Die EU-Kritiker in Großbritannien fordern, die EU-Beitragszahlungen in das Gesundheitssystem umleiten. Damit gewinnen sie das EU-Austritts-Referendum und schon am nächsten Tag ist ihr Versprechen nichts mehr wert: Alles gar nicht wahr, das wird so nicht geschehen. Führt das zu Empörung und Entsetzen unter ihren Wählern? Nein, man nimmt das hin, man empfindet glatte Lügen nicht einmal mehr als Tabubruch sondern als Teil des politischen Spiels.

Antiwissenschaftlicher Unfug

Genau darin besteht die große Gefahr: Der Konsens, dass sich politische Argumente an Fakten halten müssen, beginnt zu bröckeln. Lügen und Halbwahrheiten kann unsere Demokratie verkraften. Aber sie wird nicht überleben, wenn angezweifelt wird, dass sich Politik grundsätzlich an der Wahrheit orientieren muss, dass man zu seinen Versprechen stehen soll, dass es historische, mathematische und naturwissenschaftliche Tatsachen gibt, die auch dann gelten, wenn sie uns nicht gefallen.

Wer das nicht einsieht, benimmt sich wie ein Fußballspieler, der seine Gegner mit dem Baseballschläger umnietet, den Ball ins Tor legt und dann den Schiedsrichter zwingt, seine rote Karte aufzuessen: Oberflächlich betrachtet hat man damit vielleicht Erfolg, aber so funktioniert das Spiel nicht. Ein konstruktives Ergebnis ist auf diese Weise nicht möglich.

Das ist auch der Grund, warum es so wichtig ist, laut gegen Leute aufzutreten, die antiwissenschaftlichen Unfug erzählen: Chemtrail-Gläubige, Wunderheiler,  Impfgegner – sie alle wurden durch Fakten längst widerlegt, verbreiten ihre wirren Theorien aber noch immer. Wer nachweisbar Falsches behauptet und trotz aller Gegenbeweise öffentlich bei seiner Meinung bleibt, hat sich als Diskussionspartner disqualifiziert.

Nicht jede Meinung ist gleich viel wert. Wenn jemand wissenschaftlich erhobene Zahlen vorlegt und sein Gegner entgegenhält, dass seine Astrologin das anders sieht, weil der Saturn im zweiten Haus steht, dann diskutieren die beiden nicht auf gleichem Niveau. Wir müssen uns gemeinsam darauf einigen, welche Sorte von Argumenten wir in der politischen Diskussion akzeptieren und welche nicht. Und dabei können wir uns nur an der Wissenschaftlichkeit orientieren. Wissenschaftlich denken heißt nicht immer Recht haben. Aber es heißt, mit sinnvollen Methoden nach der Wahrheit zu suchen, sich auf dem Weg dorthin gegebenenfalls korrigieren zu lassen und falsche Meinungen zu verwerfen.

Wenn wir erlauben, dass dieses Mindestmaß an aufgeklärter Rationalität über Bord geworfen wird, dann wählen wir die Bundesregierung vielleicht irgendwann mit Tarot-Karten, Kristallkugeln oder Ziegeneingeweide-Orakeln. Und das wäre nicht einmal die irrationalste unter den politischen Ideen, die wir derzeit zu hören bekommen.

 

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 06.09.2016, 06:00

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