Meinung
02.05.2018

Die Tyrannei des positiven Denkens

© Bild: Andrea Danti - Fotolia / Fotolia/Andrea Danti

Kann man Krebs durch positives Denken heilen? Machen negative Gefühle krank? Wissenschaftlich sind solche Thesen widerlegt. Verbreitet werden sie leider noch immer.

Du musst einfach positiv denken, dann wird alles wieder gut! - Solche Sprüche müssen sich Krebspatienten immer wieder anhören. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass Krebs eng mit der Psyche gekoppelt ist. Wer sich heftigem Stress aussetzt, wer seinen Ärger nicht nach außen lässt, wer Konflikte nicht aufarbeitet, der hat eine sogenannte „Krebspersönlichkeit“ und muss sich nicht wundern, wenn er irgendwann krank wird. Und dann muss man den Krebs eben als „persönliche Chance“ begreifen, muss positiv denken und optimistisch bleiben – dann wird man wieder gesund. Wer das nicht schafft, hat eben nicht positiv genug gedacht. Selber schuld, kein Mitleid!

Wissenschaftlich sind diese Thesen widerlegt. Das bedeutet nicht, dass positives Denken schlecht ist – aber daraus einen Zwang zu machen, und den Patienten auch noch ein schlechtes Gewissen einzureden, wenn es ihnen psychisch schlecht geht, ist ein abscheulicher Irrweg.

Krebs kommt nicht aus der Psyche

Dass es grundsätzlich Zusammenhänge zwischen Psyche, Lebensstil und körperlichen Krankheiten geben kann, ist unbestritten. Es ist daher durchaus sinnvoll, auch bei Krebs nach solchen Zusammenhängen zu suchen: Erhöht Depression vielleicht die Krebsgefahr? Entsteht Krebs besonders oft nach traumatischen Erlebnissen oder nach Verlust von Angehörigen? Können anhaltende Stressphasen Krebs auslösen?

Dazu hat man zahlreiche wissenschaftliche Studien durchgeführt – und ein Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und Krebserkrankungen konnte nicht festgestellt werden. Depressive Menschen erkranken genauso oft an Krebs wie glückliche Optimisten, persönliche Schicksalsschläge und Krebsdiagnosen haben statistisch nichts miteinander zu tun, und auch Stress dürfte keine direkte Auswirkung auf Krebs haben. Gestresste Menschen tendieren allerdings dazu, überdurchschnittlich viel zu rauchen, Alkohol zu trinken und Arztbesuche aufzuschieben, und diese Nebeneffekte können die Krebsgefahr erhöhen. Doch die These von der „Krebspersönlichkeit“, von einer psychischen Grundeinstellung, die besonders oft zu Krebs führt, gilt heute als widerlegt.

Der Optimismus ist kein Arzt

Der Krebs wird also nicht durch die Psyche ausgelöst – aber kann die Psyche helfen, den Krebs zu besiegen? Auch diese Vorstellung ist weit verbreitet: Positiv denken, dann wird man gesund! Die Krebszellen visualisieren und sie vor dem geistigen Auge zerquetschen! Bloß nicht traurig sein, denn Tränen sind Nahrung für den Tumor!

Solche Ratschläge mögen gut gemeint sein, aber eigentlich sind sie eine bodenlose Unverschämtheit. Man schreibt krebskranken Menschen auch noch vor, wie sie sich zu fühlen haben. Da muss jemand mit einer schwierigen Diagnose zurechtkommen, vielleicht bräuchte er dringend jemanden, bei dem er sich ausheulen kann, und dann sagt man ihm obendrein auch noch: Stelle deine negativen Gefühle ab, sonst bist du selbst dran Schuld, wenn du nicht gesund wirst! Jimmie Holland, die Begründerin der Psychoonkologie, kritisierte diese Sichtweise scharf und bezeichnete sie als „ Tyrannei des positiven Denkens“.

Die Heilungschancen lassen sich mit positivem Denken nicht erhöhen. Die Statistik zeigt: Resignative Pessimisten überleben ihren Krebs genauso oft wie kämpferische Optimisten. Jeder hat seinen eigenen Weg, mit einer schweren Krankheit umzugehen. Nach einer Krebsdiagnose hat man auch einmal das Recht, wütend zu werden, Angst zu haben, oder einfach mal traurig sein zu wollen. Natürlich ist das Ziel, dass Patienten positiv in die Zukunft blicken, dass sie ihre Wut, Trauer und Angst unter Kontrolle bekommen – genau dafür ist die Psychoonkologie da. Aber das gelingt nicht, indem man bestimmte Gefühle einfach für gesundheitsschädlich erklärt und verbietet.

Warum hat schlechte Laune so ein schlechtes Image?

Die Tyrannei des positiven Denkens trifft allerdings nicht nur Krebspatienten. Sie scheint heute allgegenwärtig zu sein. Gute Laune wird als zwingender Normalzustand gesehen, wie das blendend weiße Lächeln in der Zahnpastawerbung. Du hast deinen Job verloren? Du musst das positiv als Chance begreifen, und schon findest du einen neuen! Deine Beziehung ist zerbrochen? Nicht lange jammern, melde dich bei einer Online-Dating-Plattform an!

Warum dürfen wir nicht einfach mal eine Weile sauer sein? Gefühle kann man niemandem vorschreiben. Manchmal brauchen wir eben auch Zeit für schlechte Laune, Wut oder Trauer. Auch das ist in Ordnung. Wer mit einer schlechten Nachricht am besten fertig wird, indem er tagelang im Bett liegt und Schokoladeneis löffelt, darf das machen. Und wenn man solche Phasen dann überstanden hat, kommt das positive Denken hoffentlich ganz von selbst zurück. Ohne Zwang und schlechtes Gewissen.

Nähere Information dazu findet man beim deutschen Krebsforschungszentrum:

https://www.krebsinformationsdienst.de/aktuelles/2017/news72-psychische-faktoren-krebsursache.php

 

© Bild: Florian Aigner

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.