© Stephan Boroviczeny, Kurier

Peter Glaser: Zukunftsreich
11/22/2011

Die Zukunft des Feuers

Was ist ein Bildschirm anderes als die technische Fortführung des Ofenlochs? Eine kleine Geschichte von Feuer und Licht - bis hin zum weltwumspannenden Funkeln der Pixel.

Licht, so wie es vom Computerbildschirm leuchtet, ist eine Quintessenz. Aus ihm strahlt immer noch auf phantastische Weise das urzeitliche Feuer - ein Feuer, das später unter anderem eingefangen wurde in den Glanz von Gold, und noch später in das Chromblitzen der Chefsessel und das immaterielle, lichtschnelle Fließen elektronisch illuminierter Information. Die Lichter der Großstadt haben sich mit dem Netz in die Lichter der Welt verwandelt.

Elektrisches Licht - nicht der Computer - war das erste universelle Medium. Licht selbst ist reine Information. Da das Licht auch die Fluchträume ausleuchtet, in die sich zuvor immer die Müdigkeit zurückgezogen hatte, bildete sichx mit der Ausbreitung des elektrischen Lichts eine neuzeitliche Form der Erschöpfung aus; damals war das auch die Geburtsstunde des jugendlichen Nachtlebens, das seither lärmend und irrlichternd rund um den Globus flackert.

Nach der Einführung des künstlichen Lichts wurde erst wieder in der künstlichen Dunkelheit des Kinosaals jene Art der mythischen Gemeinschaftlichkeit hergestellt, die Fremde veranlaßt, Schulter an Schulter tiefe Empfindungen miteinander zu teilen. Übrigens waren, wie bei jeder neuen Technologie, so auch bei der Einführung des elektrischen Lichts erst noch Skepsis und Sorge verbreitet. 1882 hatte mit Edisons Glühbirnen im New Yorker Kraftwerk Pearl Street am Broadway die künstliche Beleuchtung Einzug in die USA gehalten – mit Strom für 400 Lampen bei 85 Kunden. In Paris gingen die Damen damals nachts mit Schirmen durch die Straßen, da sie Angst vor dem stechenden Licht hatten.

Elektronisches Lagerfeuer
Auch heute haben wir Schirme vor uns, Bildschirme diesmal. Mit der Beherrschung des Feuers hat die menschliche Kultur ihren Anfang genommen, und von der archaischen Feuerstelle führt ein erstaunlicher und geheimnisvoller Bogen zum Bildschirm als dem elektronischen Lagerfeuer unserer Zeit.

Dass er die kreatürliche Angst vor dem Feuer überwunden hat, wurde dem Menschen der Vorzeit gelohnt mit einer unvergleichlichen Art von Geborgenheit. Das Feuer wurde zu einer machtvoll schützenden, wärmenden, göttlich unberührbaren Urmutter. Jedes andere Lebewesen flieht das Feuer, nur der Mensch konnte im Schutzschirm der Flammen zum ersten Mal zur Ruhe kommen und in eine tiefe Traumverlorenheit geraten. Es muß vor diesen frühen Feuern ein fundamentales Erlebnis von Frieden gegeben haben, von dem die Mythen heute noch erzählen: das Paradies. Das Feuer erzählt seit Jahrhunderttausenden die Geschichte der Welt.

Die Botschaft des Lichts ist Erkenntnis
Da er es nun vor sich hatte, begann der Feuermensch auch das beunruhigende Flackern von Empfindungen in seinem Inneren in Vorstellungen zu fassen. Das Bewußtsein begann hervorzuleuchten. Die Botschaft des Lichts ist Erkenntnis. Im Schutz des Feuers gelang dieses Erwachen aus dem animalischen Handlungsfortlauf von Jagd, Schlaf und Erhaltung, den wir heute Bewußtsein nennen.

Jeder weiß, wie faszinierend es ist, ins Feuer zu schauen. Die magische Ferne, aus der Bilder und Bilder aufsteigen; die hypnotische Besänftigung; das Funkenglitzern der Inspiration. Und ein jeder erkennt dieses uralte Behagen intuitiv wieder, wenn er vor seinem Rechner sitzt und auf den Bildschirm schaut.

Das gehütete, in einem Behältnis umschlossene Feuer ist der Archetyp des Televisonären. Was ist ein Bildschirm denn anderes als die technische Fortführung des Ofenlochs? Der weitere Fortschritt hat Licht und Hitze voneinander abgetrennt (Lampe und Herd), schließlich wurde das Feuer mit der Entdeckung des elektrischen Stroms in unsichtbaren Wellen verflüssigbar, über beliebige Entfernungen leitbar - Militärs kennen den Begriff der „Feuerleitung" - und nach Wunsch als Licht, Hitze oder Kraft rückformbar. Zauberei!

"Weltenspiegel"
Zu den Vorläufern des Bildschirms gehört der Karfunkelstein der Alchemisten, von dem es heißt, er würde aus eigener Kraft im Dunkeln leuchten. Dazu gehört auch der „Weltenspiegel" Alexanders des Großen, eine Art frühes, vernetztes Überwachungssystem „worin er mit einem Blicke alle Geheimnisse und Pläne seiner Feinde durchschaute". Heute sitzen die Nachfahren der alten Magier vor ihren Monitorkristallkugeln und lassen, wie seit Jahrtausenden in der Zauberei üblich, mit Hilfe eines undurchsichtigen Brimboriums aus Beschwörungsformeln - den Programmiersprachen - die neuesten Visionen auf der Glasfläche erscheinen. Folgerichtig zeigen die computererzeugten Effekte etwa in dem Film „ Terminator” nicht mehr die Verwandlung von Quecksilber in Gold, sondern die Vewandlung von flüssigem Gold in ein übermenschliches Geschöpf.

Der leuchtende Bildschirm zeigt uns, zu welcher Vollkommenheit wir die Beherrschung des Feuers gebracht haben. Bildpunkt für Bildpunkt, Fünkchen für Fünkchen können wir das Feuer inzwischen handhaben. Ein kaltes, kontrolliertes Feuer.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

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