Meinung
29.05.2018

Ein Gehirn ist genug

Die linke Gehirnhälfte denkt streng logisch, die rechte ist unzähmbar kreativ? Dieser Glaube ist erstaunlich weit verbreitet – aber völlig falsch.

Wer nicht an Einhörner, Wünschelruten und Wunderheiler glaubt, denkt nur mit der linken Gehirnhälfte – das ist ein Vorwurf, den man aus Esoterik-Kreisen oft zu hören bekommt. In der linken Hälfte des Gehirns soll angeblich das logische, analytische Denken zu Hause sein, dort wird gerechnet und mit logischen Fakten hantiert. Auf der rechten Seite hingegen sollen Gefühle und Kreativität entstehen, dort wohnen Phantasie und Intuition.

Längst hat sich diese merkwürdige Rechts-Links-Hypothese weit über die Grenzen der Esoterik-Szene hinaus verbreitet. Bücher erklären uns, dass wir unsere Gehirnhälften in Einklang bringen müssen, Hirnhälften-Verknüpfungsübungen werden für den Schulunterricht empfohlen, man kann sogar Wirtschafts-Trainer buchen, die dann Menschen in Rechts-Denker und Links-Denker einteilen und behaupten, das seien topmoderne „Methoden aus den Neurowissenschaften“.

Völlig absurde Vergleiche mit Computern werden gezogen: Die rechte Gehirnhälfte sei so etwas wie ein Parallelrechner, die linke Gehirnhälfte arbeite hingegen wie ein serieller Rechner. Das ist natürlich purer Unfug. Der Mythos von den angeblich so unterschiedlich arbeitenden Gehirnhälften ist wissenschaftlich nicht haltbar. Und ganz egal, ob wir lieber analytisch oder intuitiv arbeiten – wir alle nutzen beide Hälften unseres Gehirns, ganz ohne spezielles Training.

Patienten mit zwei getrennten Gehirnen

Es stimmt allerdings, dass unser Gehirn nicht völlig symmetrisch ist. Besonders auffällig ist das bei der Sprache – hier spielt bei den meisten Menschen bestimmte Areale der linken Gehirnhälfte eine wichtigere Rolle als die entsprechenden Hirnregionen auf der rechten Seite. Das bedeutet freilich nicht, dass die rechte Gehirnhälfte am Sprechprozess völlig unbeteiligt ist. Unsere beiden Gehirnhälften arbeiten normalerweise recht gut zusammen.

Doch das lässt sich ändern: Ganz selten kommt es vor, dass Patienten von häufigen, schweren epileptischen Anfällen geplagt werden und als letzter Ausweg nur noch die Möglichkeit bleibt, die beiden Gehirnhälften chirurgisch zu trennen. Das Corpus Callosum, die Verbindung zwischen den beiden Großhirnhälften wird durchschnitten. Die Patienten haben dann zwei halbe Großhirne, die praktisch unabhängig voneinander arbeiten und nicht miteinander kommunizieren. Erstaunlicherweise hat das im Alltag kaum spürbare Auswirkungen. Die Patienten fühlen sich nicht anders als zuvor. Selbst in einem solchen Extremfall schaffen es die beiden Gehirnhälften, effizient zusammenzuarbeiten und gemeinsam Ziele zu erreichen.

Allerdings lässt sich ein solches zweigeteiltes Gehirn auf faszinierende Weise überlisten. Unsere beiden Gehirnhälften sind jeweils mit einer Hälfte des Körpers verbunden – die linke Gehirnhälfte steuert die rechte Seite des Körpers, die rechte Gehirnhälfte steuert die linke. Unsere Augen teilen das gesehene Bild auf: Die rechte Bildhälfte wird an die linke Gehirnhälfte gesendet und umgekehrt. Bei Patienten mit chirurgisch geteiltem Gehirn kann man daher gezielt Bilder an nur eine Hälfte des Gehirns schicken. Der Patient muss sich auf einen Punkt in der Mitte des Bildschirms konzentrieren. Wenn man dann für kurze Zeit rechts davon ein geschriebenes Wort oder ein Bild einblendet, kommt diese Botschaft nur im linken Großhirn an. Nachdem die Sprache hauptsächlich links produziert wird, hat der Patient kein Problem zu benennen, was er gesehen hat. Schickt man die Botschaft an das rechte Großhirn, gelingt ihm das nicht. Wenn man ihn aber auffordert, mit der linken Hand das gesehene Bild nachzuzeichnen, hat er kein Problem – denn die linke Hand wird vom rechten Großhirn gesteuert, in dem die Botschaft angekommen ist.

Man kann sogar beiden Gehirnhälften unterschiedliche Bilder präsentieren. Die rechte Gehirnhälfte lässt dann die linke Hand ein Bild nachzeichnen, und die linke Gehirnhälfte wundert sich über das Ergebnis, weil sie etwas ganz anderes zu sehen bekommen hat. Der amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga erregte mit solchen verblüffenden Experimenten großes Aufsehen.

Vereinzelt gab es sogar Fälle, in denen man Kindern wegen schwerer epileptischer Anfälle eine Großhirnhälfte entfernen musste. Diesen Kindern ging es später oft erstaunlich gut. Die verbliebene Gehirnhälfte kann viele Aufgaben auch alleine lösen, der Eingriff scheint keine schweren Auswirkungen auf Gedächtnisleistung oder die Persönlichkeit zu haben.

Der Rechts-Links-Mythos ist wissenschaftlich widerlegt

Würde die Theorie von der rationalen und der emotionalen Gehirnhälfte stimmen, ließe sich das neuropsychologisch leicht testen: Patienten mit geteiltem Gehirn müssten sich völlig zerrissen fühlen, zwischen einer Körperhälfte, die sich kreativ ausleben möchte, und einer, die nur logisch-rational denken kann. Kinder mit entfernter Gehirnhälfte müssten entweder zu völlig irrationalen Gefühlsmenschen oder zu Spock-artigen Radikal-Rationalisten werden.

Vor allem aber müsste man bei besonders intuitiven oder besonders logisch denkenden Menschen eindeutige Asymmetrien messen können – in der Gehirnaktivität oder in der neuronalen Struktur. Das ist aber noch nie gelungen. Mit modernen bildgebenden Verfahren kann man zeigen, dass sowohl bei logischen als auch bei kreativen Leistungen beide Gehirnhälften aktiv sind.

Wir Menschen teilen uns einfach gerne in Kategorien ein. So wie manche Leute Freude daran haben, sich je nach Geburtstag einem Sternzeichen zuzuordnen, finden manche eben Gefallen daran, sich anhand irgendwelcher zweifelhafter Psycho-Tests den Rechts-Denkern oder den Links-Denkern zuzuordnen. Beide Kategorisierungen haben keinerlei wissenschaftliche Basis.

Doch auch wenn ihre Aussagen mit echter Neurowissenschaft nichts zu tun haben – in einem Punkt liegen die Gehirnhälften-Coaches schon richtig: Rationales Denken und Intuition lassen sich verknüpfen, diese beiden Pole schließen einander nicht aus. Es gibt viele Menschen mit ausgeprägten logisch-rationalen Talenten, die gleichzeitig höchst intuitiv und kreativ arbeiten können.

Der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman liebte Jazz und war ein begeisterter Bongo-Spieler. Die Mathematikerin und Fields-Medaillen-Gewinnerin Maryam Mirzakhani rechnete oft nicht mit Gleichungen und Formeln, sondern überzog große Blätter Papier mit kleinen Zeichnungen. Albert Einstein brachte nicht nur Höchstleistungen im Jonglieren mit mathematischen Ausdrücken, er spielte auch gerne Geige – und gerade sein Intuitives Bauchgefühl half ihm, die Physik zu revolutionieren. Sowohl intuitive Kreativität und rationale Logik gehören zum Menschsein dazu. Und das ist gut so. Aber mit „rechtem“ und „linkem“ Gehirn hat das nichts zu tun.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.