Meinung
08.09.2013

Ein Museumsbesuch im Jahr 2050

Anlässlich der Neuerscheinung des Buches "Österreich 2050" blickt heute die Direktorin des Technischen Museums, Gabriele Zuna-Kratky, in einem Kommentar in die Zukunft.

Können wir den Museumsbesuch 2050 nicht gedanklich vorwegnehmen, quasi virtuell vor-konzipieren? So sehr sich gerade das Technische Museum Wien als Experimentierplattform der Zukunft versteht: Nein, das geht nicht oder nur sehr beschränkt, weil wir zwar die verschiedenen technischen Entwicklungen der Gegenwart beobachten und ihren weiteren Gang ungefähr vorhersagen – „hochrechnen“ – können, aber keinesfalls wissen, ob, wann und wo welche Entwicklung einen Sprung machen wird – oder umgekehrt an einem unvorhersehbaren Hindernis zum Stocken kommt. Von gänzlich neuen Entwicklungen ganz zu schweigen.

„Disruptive Ereignisse“

Ein wissenschaftlicher und/oder technologischer Durchbruch, eine wirtschaftliche und/oder politische Krise - treten ein, ohne sich um unsere „Hochrechnungen“ zu kümmern. Ein Beispiel dafür haben wir selbst erlebt. Die digitale Welt des Computers und des Internets hat kein Utopist ausgemalt, kein Zukunftsforscher angekündigt.

Heißt das, gar nichts über unser Technisches Museum der Zukunft aussagen zu können? Nun, mit der gerade gegebenen Einschränkung lassen sich schon einige technologische Entwicklungslinien erkennen, deren künftiger Verlauf einigermaßen klar vor Augen liegt und Schlüsse auf das Museum der Zukunft erlauben.

Museumsthema "Individualisierung"

Sehr wahrscheinlich wird unser Museum im Jahr 2050 über die großen Fortschritte bei der Individualisierung berichten können, also zum Beispiel, dass die Medizin immer feiner die körperlichen Gegebenheiten bestimmter Personen berücksichtigt. Die einst gängige Verschreibung „Erwachsene nehmen zwei Pillen, Kinder die Hälfte“ wird Erheiterung unter den Museumsbesuchern auslösen. Technische Geräte und Einrichtungen aller Art werden ebenfalls sehr viel maßgeschneiderter sein. Mein Auto und mein PC werden viel besser als ich selbst wissen, was ich will – ein Traum und Alptraum zugleich – wie im Grunde jede Zukunftsvision.

Dieses Maßschneidern wird vielleicht – hoffentlich! – auch den Umgang mit Energie betreffen – und dieser Ausdruck wäre politisch auch leichter zu verkaufen als etwas, das zwar sehr nottut, das auszusprechen man aber oft zögert: Sparen!

Dies inkludiert auch und besonders den Verkehr: Unbegrenzte virtuelle Mobilität in den Informationsnetzen, aber maßgeschneiderte Mobilität bei den dreidimensionalen Dingen – inklusive unserer selbst!

Ausstellungsthema Medizintechnik

Eine große Abteilung des Museums im Jahr 2050 wird der Medizintechnik gewidmet sein. Wir werden sie also ausstellen – all die intelligenten Produkte, die man in unsere Körper einpflanzen wird, um unsere Gesundheit ständig zu kontrollieren und gegebenenfalls zu verbessern. Wir werden die Geräte für die Altenpflege zeigen, wobei der Ausdruck „Gerät“ nur mangels eines passenderen gewählt wird: wahre Wunderwerke der Technik und Psychotechnik, betrachtet vom humblen Standpunkt des Jahres 2013!

Ein Hauptproblem für die Technikmuseen der Zukunft darf nicht verschwiegen werden: der künftige technische Fortschritt wird sich zum guten Teil in der „Software“ abspielen, im Virtuellen - und auch die „Hardware“ wird meist wenig aussagekräftig aussehen: Kisten mit hochkomplexen, aber wenig ansehnlichen Innereien. Schwer als „Museumsobjekte“ auszustellen!

Museumsobjekte & Musealgüter

Allerdings - in einer Welt, in der das Virtuelle – der Computer und das Internet mit seinen Inhalten – eine immer größere Rolle spielt, wird der Wert von Musealgut neu bestimmt – vielleicht in durchaus überraschender Weise. Gerade angesichts der immer wesentlicheren Rolle des Virtuellen in Arbeit und Alltag - im gesamten Leben - werden die historischen dreidimensionalen Objekte eines Museums wie des Technischen Museums an Bedeutung gewinnen. Freilich setzt dies voraus, dass ein virtueller Kontext für sie geschaffen wird, sonst besteht die Gefahr, dass sie von Bürgern der Zukunft nicht mehr wahrgenommen werden, denn wahrscheinlich wird die – paradoxe - Parole lauten: als real angesehen wird nur, was virtuell ist! Das heißt, das Objekt, die Sammlung, muss im Internet auf verschiedene Weise vertreten sein. Es müssen Abbildungen, Beschreibungen, Kommentare zu ihnen, Aufsätze über sie, Zitate, vorhanden sein. Sie müssen auch spielerisch zu finden sein.

In einer solchen virtuellen Fassung freilich wird die Perle des Museumsobjektes auch in Zukunft glänzen: Welch ein Labsal für einen Menschen 2050, endlich real vor ein Objekt treten zu dürfen, von dem er via Internet längst Kenntnis hatte. Endlich vor die großen Dampfmaschinen des Technischen Museums treten, am LD-Tiegel hinaufschauen, den Silberpfeil – leider hinter Glas - sehen.

Die viel beschworene Aura des Originals! Sie ist zukunftsfest.

Dr. Gabriele Zuna-Kratky

Gabriele Zuna-Kratky (56) ist seit 1. Jänner 2000 Direktorin des Technischen Museum Wien. Neben der Leitung und Organisation des Hauses zählen auch Fundraising und Kooperationen zu ihren Agenden. Zuna-Kratky promovierte 1988 zum Doktor der Philosophie und arbeitete im Bundesministerium für Unterricht und Kunst in der Abteilung Schulfernsehen/Schulfunk und Medienerziehung sowie in der Abteilung Medienservice. Im Oktober 1997 wurde Sie zur Direktorin der Österreichischen Phonothek bestellt und nach 3 Jahren, am 1. Jänner 2000, zur ersten weiblichen Geschäftsführerin eines Technik-Museums. Sie ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats im Deutschen Museum München, Stiftungsrätin im Berliner Technikmuseum, Mitglied im wiss. Beirat im Haus der Geschichte in Bonn, Unirätin an der Technischen Universität Wien und Vizepräsidentin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft.

Österreich 2050

Zwei Dutzend österreichischer Wissenschafter haben sich Gedanken gemacht, wie Österreich im Jahr 2050 aussehen könnte. Die Publikation „ Österreich 2050" beleuchtet unsere Zukunft aus unterschiedlichen Blickwinkeln, von Bildung über Forschung bis Innovation. Das Buch „Österreich 2050" ist im Holzhausen-Verlag erschienen und kostet 17.30 Euro.

10 signierte Bücher

Anlässlich der Veröffentlichung des Buches verlosen wir zehn signierte Exemplare von " Österreich 2050" unter futurezone-Lesern. Einfach ein Mail mit dem Betreff " Österreich 2050" an redaktion@futurezone.at senden. Bis Ende Oktober wird wöchentlich ein Gewinner ausgelost.