Meinung
09.08.2016

Esoterik gegen Bomben

Wünschelruten helfen nicht gegen Sprengstoffanschläge. Unsere merkwürdigen Flughafenchecks allerdings auch nicht.

Ein wahres Wundergerät sollte es sein, das ADE 651, geeignet zum Aufspüren von Sprengstoff, Drogen oder auch von Trüffeln. Hauptsächlich wurde es bei Straßenkontrollen im Nahen Osten verwendet, um Bombenattentäter zu überführen. Die irakische Regierung gab Millionen Dollar dafür aus, im Libanon setzt man es bis heute ein.

Das Problem daran ist nur: Das Ding ist vollkommen wirkungslos. ADE 651 ist kein Sprengstoffsuchgerät, sondern eine billige Attrappe. Im Wesentlichen besteht es aus einem metallischen Zauberstab, der auf einem pistolenartigen Plastikgriff befestigt ist. Für Kindergeburtstage ist das praktisch: Es passt zum Harry Potter-Outfit genauso wie zum Cowboykostüm. Aber das war’s dann auch schon, für mehr ist es nicht zu gebrauchen.

Papierschnitzel als Softwarekarte

Ursprünglich wurde das Gerät in den 1990erjahren in den USA erfunden, um verlorene Golfbälle aufzuspüren. Später behaupteten die Hersteller, dass man es mit speziellen „Carbo-kristallisierten Softwarekarten“ auf ganz unterschiedliche Substanzen programmieren kann. Die Produktion dieser „Softwarekarten“ war recht einfach: Ein Polaroid-Foto der gesuchten Objekte wurde kopiert, zerschnipselt und in das Gerät gesteckt - das genügte. Daraufhin sollte der Zauberstab angeblich in Richtung der gesuchten Objekte weisen, durch mystische Schwingungen und „molekulare Frequenzen“.

Es dauerte nicht lange, bis sich die US-Justiz einschaltete und dem unsinnigen Treiben ein Ende bereitete. Das hinderte den Briten Jim McGormick allerdings nicht daran, den Apparat einige Jahre später erneut auf den Markt zu bringen, als Sprengstoff- und Bombensuchgerät für Sicherheitskräfte auf der ganzen Welt. Als ein Kollege entsetzt herausfand, dass McGormicks Gerät in Wirklichkeit überhaupt keine Funktion hat und die Firma damit das Leben gutgläubiger Menschen riskiert, soll McGormick geantwortet haben: „Es macht genau was es soll – es bringt Geld!“

Und so kam es, dass völlig sinnlose Wünschelruten mit Plastikgriff um tausende Dollar pro Stück verkauft wurden, in zwanzig verschiedene Länder. An irakischen Checkpoints richteten Polizisten das ADE 651 auf verdächtige Fahrzeuge und winkten sie durch. Wie viele Terroranschläge verhindert worden wären, wenn man anstatt der wirkungslosen Zauberrituale echte Kontrollen durchgeführt hätte, weiß niemand.

Sicherheitsesoterik am Flughafen

Wer nun über die technisch ungebildeten Leute lacht, die sich von kreativen Scharlatanen mit absurden Behauptungen übertölpeln lassen, sollte allerdings noch einmal scharf nachdenken. Wie sieht es denn mit unseren eigenen Sicherheitsmaßnahmen aus? Manche der merkwürdigen Rituale, die wir heute weltweit auf Flughäfen zelebrieren, sind rational betrachtet auch nicht viel besser als die ADE 651-Wünschelrute.

Große Flüssigkeitsbehälter sind gefährlich, erklärt man uns, daher müssen wir unsere Wasserflaschen wegwerfen. Zahnpasta und Kosmetikartikel in großen Behältern gelten als potenzielle terroristische Bedrohung, in Form kleiner Fläschchen mit weniger als hundert Milliliter Inhalt sind sie aber angeblich ungefährlich – wir können eine beliebige Anzahl kleiner Fläschchen mit ins Flugzeug nehmen, ohne dass jemand Einspruch erheben wird. Wenn ich eine Flasche Brennspiritus einpacke, bekomme ich ernste Schwierigkeiten. Wenn ich mir im Duty-Free-Shop noch schnell eine Flasche Wodka besorge, bekomme ich ein hübsches Tragtäschchen dazu.

Computer und Tablets müssen vor dem Sicherheitscheck aus dem Handgepäck entfernt werden. Andere elektronische Geräte aber nicht – beliebig monströse Digitalkameras sind erlaubt. Man redet uns ein, dass die Terrorgefahr verringert wird, wenn wir uns am Flughafen widerspruchslos von fremden Menschen befummeln lassen. Dass ähnlich effektive Terrorziele wie Bahnhöfe, Demonstrationen oder Popkonzerte weitgehend überwachungsfrei bleiben, stört uns nicht.

Placebo-Maßnahmen

Viele Sicherheitsmaßnahmen dienen nicht wirklich der Vermeidung von Anschlägen, sondern bloß dem kollektiven Sicherheitsgefühl. Es sind Placebo-Maßnahmen. Das ist nicht unbedingt schlecht: Manchmal kann es durchaus sinnvoll sein, symbolische Handlungen zu setzen um die Nerven zu beruhigen. Doch unser Sicherheitstheater an den Flughäfen scheint insgesamt die Ängste eher zu schüren als abzubauen.

Wie könnte ein wissenschaftlich-rationaler Zugang dazu aussehen? Einerseits müssen wir uns wohl damit abfinden, dass es absolute Sicherheit nicht gibt. Wir sollten versuchen, uns weniger zu fürchten, denn manchmal ist die Angst vor einer Gefahr schlimmer als die Gefahr selbst. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Autounfall zu sterben ist viel größer, doch seltsamerweise kommt niemand auf die Idee, vom Taxifahrer vor dem Einsteigen einen Fahrzeugcheck zu verlangen.

Andererseits muss man natürlich darüber nachdenken, wie man die Gefahr möglichst klein hält, auch wenn wir das Risiko niemals ganz auf null reduzieren können. Vielleicht sollten wir uns ein paar gute Ideen bei israelischen Sicherheitsexperten holen: Dort verlässt man sich nicht auf Durchleuchtungsapparate und merkwürdige Regeln über Flüssigkeiten im Handgepäck, man trainiert das Personal darauf, verdächtiges Verhalten zu erkennen. Ein paar inhaltlich belanglose Fragen werden gestellt, wer darauf spontan und natürlich reagiert, darf rascher weiter, wer gestresst und konfus wirkt, muss vielleicht noch genauer untersucht werden.

Das liefert natürlich auch keine völlige Sicherheit, ist aber zumindest vernünftiger als das Aufteilen von Flüssigkeit in kleine Fläschchen oder das Herumwedeln mit molekular programmierten Wünschelruten.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.