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Wissenschaft & Blödsinn
06/02/2015

Fernheilung: Zu Hause ist es doch am schönsten

„Ich bin nicht da, aber fangen Sie schon mal an, mich zu behandeln!“ - Fernheilungen können verdammt praktisch sein.

von Florian Aigner

Krankheiten sind schon unangenehm genug – warum muss das Gesundwerden auch immer noch so mühsam sein? Man schleppt sich zum Arzt, langweilt sich in überfüllten Wartezimmern, und wenn es ganz besonders schlimm kommt, erhält man den Befehl Sport zu machen oder gar seine Ernährung umzustellen. Zum Glück gibt es aber eine Alternative, die all diese Probleme löst: Fernheilung – die Gesundheitsstrategie für esoterische Couch-Potatoes.

Fernheilung kann man sich vorstellen wie eine direkte Funkverbindung zur Gesundheit. Gewöhnliche Medizin verhält sich zur Fernheilung so ähnlich wie ein gewöhnlicher Brief zu E-Mails an ein rosa Einhorn. Patient und Heiler können problemlos tausende Kilometer voneinander entfernt sein, die heilsame Information wird auf geistigem Weg übermittelt. Der Heiler braucht bloß ein bisschen Information, damit er sich spirituell beim richtigen Patienten einloggen kann – Name, Wohnort und Geburtstag reichen normalerweise aus. (Sie sollten aber vorsichtig mit diesen Daten umgehen, man kann nie wissen, ob nicht ein fremder Geheimdienst mithört und Ihnen dann aus politischen Gründen eines Tages das Chi im Wurzelchakra ins Negative umpolt. Ich habe Sie gewarnt!)

Bei manchen Fernheilern muss man sich zu einem vereinbarten Zeitpunkt entspannt hinlegen, während er anderswo die Heilung durchführt, bei anderen spielt das keine Rolle, da werden Sie gesund, ohne das Fernsehprogramm unterbrechen zu müssen. In jedem Fall bezahlen danach die Behandlungskosten – auch das funktioniert ja heute kabellos und ohne persönlichen Kontakt. Man spart nicht nur Zeit, sondern unter Umständen auch lange Anfahrten. Hat schon mal jemand berechnet, wie viel CO2-Ausstoß man dadurch sparen kann? Aus ökologischer Sicht ist eine Fernheilung der gewöhnlichen Auramassage auf jeden Fall vorzuziehen.

Ein Physiker wird ferngeheilt

Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich kürzlich von einem äußerst sympathischen Fernheiler aus Tirol kontaktiert wurde. Er scheint ein kluger, gebildeter Mensch zu sein, der durch Zufall zur Alternativmedizin gefunden hat und sich heute mit Chakren und Lebensenergien, mit Entgiftungen und Elektrosmog bestens auskennt.

Er bot mir eine Gratis-Fernheilung an – das konnte ich natürlich nicht ungenutzt lassen, auch wenn ich eigentlich keine gesundheitlichen Probleme hatte. Irgendetwas lässt sich immer verbessern. Ich verriet ihm also meine Daten, und er machte sich mit seinem Pendel ans Werk. Schon am nächsten Tag bekam ich eine ausführliche E-Mail mit einer detaillierten Analyse meines Gesundheitszustandes. Insgesamt, sagte der Befund, bin ich eigentlich recht gesund. Doch meine ersten drei Chakren waren irgendwie verbogen, die konnten glücklicherweise beim Pendeln aber gleich wieder eingerichtet werden. Auch meine neutralen Meridiane und mein Bovis-Wert waren verbesserungswürdig, ganz übel sah es mit meiner allgemeinen Leistungsfähigkeit aus, die konnte durch den Fernheilungseingriff von jämmerlichen 30 Prozent auf 200 Prozent hochgeschraubt werden – wovon ich allerdings leider nichts spürte.

Es folgten noch viele weitere Zahlen und Werte, doch leider war für mich nichts davon wirklich nachvollziehbar. Für einen wissenschaftlichen Test des Fernheilens müsste man die ausgependelten Erkenntnisse ja irgendwie mit objektiven Fakten vergleichen können, und ich fürchte, meine Hausärztin ist für das saubere Ausmessen von Chakrenqualität oder Sanjeevini-Energien nicht ausgerüstet.

Ich stellte daher eine Liste von eindeutig beantwortbaren Fragen zusammen: Bin ich Vegetarier? Auf welchem Auge sehe ich besser? Hatte ich als Kind eine Kopfverletzung – und wenn ja, wo? Der tiroler Fernheiler war tatsächlich so nett, sich ein zweites Mal ans Werk zu machen, und meine Fragen mit dem Pendel zu beantworten. Noch am selben Tag bekam ich die nächste E-Mail mit eindeutigen Ja/Nein-Ergebnissen. Leider waren die meisten von ihnen falsch. Mit bloßem Raten wären mehr Treffer zu erwarten gewesen als das Pendel produziert hatte. Das ist natürlich etwas enttäuschend.

Esoteriker sind nicht dumm

Wieder einmal bestätigt sich eine Erfahrung, die ich immer wieder mache: Esoterische Abenteuerlichkeiten wie die Fernheilung sind nichts für dumme, bildungsferne Menschen. Manche Skeptiker meinen, Esoterik-Anhänger seien eben wissenschaftlich ungebildet, oder auf bösartige Weise geldgierig. Das ist völlig falsch. Man muss schon etwas im Kopf haben, um überhaupt auf die Idee zu kommen, sich mit neuartigen, sonderbaren Dingen zu befassen.

Mein Fernheiler aus Tirol hat eben Erfahrungen gemacht, die ihn an eine recht merkwürge Theorie glauben lassen, daran ist nichts verwerflich. Er versucht, die Welt zu verstehen, genau wie ein Wissenschaftler. Er versucht sogar, anderen Leuten gratis zu helfen, in diesem Punkt hat er den meisten Wissenschaftlern moralisch sogar einiges voraus. Das einzige Problem ist: Am Ende funktioniert es nicht. Wie so oft tappt man eben auch beim Fernheilen sehr leicht in die Falle der selektiven Wahrnehmung, mit der die eigene Theorie immer weiter verfestigt wird, während man Gegenargumente immer stärker ausblendet. Echte Wissenschaft beginnt erst dort, wo man es mit sauberen Methoden schafft, unsere ganz normalen Selbsttäuschungen auszuschalten.

Eine wissenschaftlich saubere Widerlegung des Fernheilens war mein Experiment natürlich nicht – dafür hätte man mit einer viel größeren Zahl von Testpersonen arbeiten müssen. Aber ich glaube, ich werde in Zukunft doch weiterhin persönlich zum Arzt gehen, mich über volle Wartezimmer ärgern und danach in der Apotheke ganz klassische Medikamente abholen. Solange ich mich vom Sport fernhalten darf, soll mir das alles recht sein.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.
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