Meinung
24.11.2015

Hinter der großen, chinesischen Firewall

Internetsperren in China mittels Virtual Private Networks (VPN) zu umgehen, funktioniert, ist aber durchaus mühsam. Ein Erfahrungsbericht.

Als ich mit dem Auto über die chinesische Grenze fuhr und den obligatorischen „Fieberthermometer-Check“ hinter mich gebracht hatte, war das erste, was mir in den Sinn kam: Ab jetzt bin ich abgeschnitten vom Rest der Welt. Im Land mit der größten, effektivsten Internet-Zensur weltweit. Hinter der großen Firewall.

Facebook, Twitter, Gmail, Google, YouTube und WhatsApp lassen sich aus China nicht aufrufen. Doch wie gut funktioniert die Internet-Zensur wirklich? Und wie fühlt man sich hinter der großen Firewall?

VPN-Dienste mit Problemen

Anfang des Jahres war vermehrt darüber berichtet worden, dass es in China jetzt auch sogenannten Virtual Private Networks (VPN)-Diensten an den Kragen geht, die bisher für viele die einzige Zuflucht waren, die in China auf Informationen via Twitter oder Google zugreifen möchten. In China selbst tun das rund ein bis drei Prozent aller Internet-Nutzer, wie eine aktuelle Studie des Berkman Center for Internet and Society auf der Harvard Universität zeigt.

Große Anbieter von VPN-Diensten wie Astrill oder Golden Frog erklärten vor einigen Monaten, dass ihre Server aus China teilweise nicht mehr erreichbar seien und die Übertragungsprotokolle beim mobilen Apple-Betriebssystem iOS „schwer geblockt“ werden würden. iPhones liegen in China an erster Stelle der verkauften Smartphones.

Twitter zwecks Information

Welche VPN-Anbieter also in China zu welchem Zeitpunkt funktionieren, lässt sich schwer vorhersagen. Im Vorfeld meiner Reise war daher nicht gesichert, welcher VPN-Dienst mir in China wirklich den Zugriff aufs offene Internet ermöglichen wird. Ich installierte vorsorglich mehrere und kaufte billig Datenvolumen, denn ich konnte mir eine Woche ohne offenes Internet nicht vorstellen.

Als Journalistin nutze ich vor allem Twitter als Informationsquelle. Gerade im Anbetracht der Ereignisse in Paris, empfand ich es als unumgänglich, mich mit den neuesten Entwicklungen am Laufenden zu halten. Meine Twitter-Timeline garantiert mir in der Regel, dass ich nichts von dem, was mir wichtig ist, verpasse. Als ich den ersten VPN-Dienst in China aufdrehte und eine Verbindung hergestellt werden konnte, seufzte ich vor Erleichterung. Ich fühlte mich wieder verbunden mit dem Rest der Internet-Welt. Ich fühlte mich "zu Hause".

"Disconnected"

Doch die VPN-Verbindung hielt nicht lange durch. Innerhalb von wenigen Minuten war ich „disconnected“. Ich versuchte es mit einer Verbindung in einem anderen Land. Ich loggte mich abwechselnd in Singapur, Deutschland, Kalifornien, New York, Großbritannien und den Niederlanden ein. Das führte dazu, dass Twitter relativ rasch meinen Account sperrte. Dem Microblogging-Dienst waren „ungewöhnliche Aktivitäten“ aufgefallen.

Ich fragte mich: Wie muss sich das für einen Menschen anfühlen, der wirklich auf VPN-Dienste angewiesen ist, um frei kommunizieren zu können, oder sich seine eigene Meinung zu bilden? Ich war froh, in einem Land zu leben, in dem ich genau dies tun kann. Ob die VPN-Dienste, die ich benutzt habe, in China jetzt tatsächlich von der großen Firewall blockiert worden sind, oder ob sie einfach instabil waren, lässt sich schwer sagen. Tatsache war: Keiner hielt in China länger als fünf Minuten auf Dauer durch. Dass Twitter meinen Account gesperrt hatte nach so vielen „Ortswechseln“, war auch kein Wunder. Das „Entsperren“ ging relativ einfach.

Blockade der Mobilfunkverbindung

Zuletzt war auch bekannt geworden, dass China in Xinjiang begonnen hat, Menschen, die Online-Inhalte außerhalb der großen Firewall mittels VPN-Diensten aufrufen, den Mobilfunkzugang komplett blockiert hat. Sie bekommen Nachrichten von der „Cyberpolizei“, dass ihre mobilen Dienste für die nächsten Stunden nicht zugänglich sind. Als Begründung müssen dabei die jüngsten Terroranschläge in Paris herhalten. In der Provinz leben besonders viele Muslime. Doch wer sagt eigentlich, dass dieser Block-Zustand, wenn er denn mal eingeführt ist, nicht zum Dauerzustand wird?

Auch meine Internet-Verbindung funktionierte am letzten Tag meiner Reise nicht mehr. Doch bei mir gab es wohl, anders als bei den Betroffenen in Xinjiang, einen einfacheren Grund: Mein Datenguthaben war nach fünf Tagen Reise erschöpft. Was blieb, war ein flaues Gefühl im Magen.

Für 97 Prozent der chinesischen Bevölkerung mag es zwar keinen großen Unterschied machen, denn sie brauchen kein Google oder WhatsApp – sie haben Weibo und WeChat mit mehr als 600 Millionen monatlich aktiven Nutzern. Aber für die wenigen, die auf ein offenes Internet nicht verzichten können und mögen – sei es aus politischen, aktivistischen, journalistischen Gründen oder einfach, um weltoffen zu leben - werden die Bestrebungen Chinas, die Internet-Zensur zur Perfektion zu treiben, wohl eines Tages zum echten Problem.