5. Der erste Tag am Set begann für Martin Freeman mit dem Dreh der Höhlen-Szene mit Gollum.
 

© Warner Bros

Filmkritik
12/13/2012

Hobbit in 48fps: Noch nie war Kino so flach

Mit Peter Jacksons Hobbit-Trilogie, deren erster Teil am Mittwoch in Österreich Premiere hatte, hält wieder einmal eine neue Technologie in den Kinosälen Einzug. 48 statt 24 Bilder pro Sekunde (fps) sollen im Zusammenhang mit 3D für ein völlig neues Kinoerlebnis sorgen. futurezone-Redakteur Martin Stepanek verließ den Kinosaal leider ratlos.

von Martin Stepanek

Eine objektive Kritik zur neuen Filmtechnologie zu verfassen, ist praktisch unmöglich. Das zeigen auch die völlig widersprüchlichen Meinungen, die seit der Premiere des neuen Peter-Jackson-Streifens durch die Medien und sozialen Netzwerke geistern. Dass die bewegten Kinobilder schärfer, klarer und auch in 3D farbintensiver und heller über die Leinwand kommen, darüber dürften sich noch alle einig sein. Spätestens dann wird die Diskussion aber hässlich.

Schon über 20...
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich schon zu den über 20-Jährigen zähle, was

schon einmal ein erhöhtes Risiko hinsichtlich der Akzeptanz der neuen Bildrate und 3D bedeutet. In der Tat hat sich mir der Sinn von 3D in Kinofilmen – mit Ausnahme von Avatar - bisher nie wirklich erschlossen. Die Brille drückt, das Bild leidet unter einem Grauschleier und je größer der 3D-Effekt, desto kleiner wirkt selbst eine riesige IMAX-Leinwand. Und: Bewegte Action-Szenen sind oftmals so unscharf, dass man sie gleich weglassen könnte.

Was sich aber dann bei der Premiere von „The Hobbit“ vor meinem Auge abspielte, ließ tatsächlich meinen Mund offenstehen. Statt der gewohnt epischen Bilder der ersten drei Teile, in denen Peter Jackson mithilfe altbewährter Kinotechnologien wie Miniatur-Modellen, gemalten Hintergründen, Bluescreens und computergenerierten Effekten (CGI) geschickt eine Illusion auf die Leinwand und folglich in den Kinosaal zauberte, begann der Film mit einem Drachenangriff auf die Zwergenstadt, der tatsächlich wie eine brasilianische Telenovela anmutete.

Hobbit meets Reich & Schön
In Kritiken war dieser Effekt bereits beschrieben worden, dass die neue Bildrate aber derart starke visuelle Auswirkungen hat, hat mich überrascht. Man muss es tatsächlich gesehen haben, um zu verstehen, was Kinogänger unter dem „Seifenopern“-Effekt verstehen. Die Figuren, aber auch Gegenstände sind scharf gezeichnet, heben sich dadurch aber wie ausgeschnittene Pappkartons oftmals vom Hintergrund ab. Statt der versprochenen Tiefe und des realistischen Bildes wirkt alles seltsamerweise flacher und künstlicher als jeder 2D-Film, den ich bisher gesehen habe.

Der Schlieren-Effekt, der bei bewegten Bildern im Kino sonst auftritt, ist tatsächlich Geschichte und lässt Gutes für die Zukunft erwarten. Beim Hobbit verstärkt allerdings auch dieser Umstand den Effekt, dass die Kamerabewegungen eher wie ein billiger Home-Videodreh daherkommen – was besonders in der halbstündigen Eröffnungssequenz in der Hobbit-Höhle von Bilbo Baggins auffällt.

Nicht alles schlecht
Das Potenzial der neuen Bildrate und 3D ist definitiv da, das beweist auch die gelungene Sequenz zwischen dem Hauptcharakter und der CGI-Schauspieler-Hybrid-Figur Gollum, die bereits in den ersten drei Teilen für Furore gesorgt hatte. Die Szene, in denen die Figuren in einem verzweigten Höhlensystem sich in einem Ratespiel matchen, profitiert von ihrer durchgängig düsteren Lichtgebung und der reduzierten Szenerie unter der Erde. Besondere Ironie: Die stark computeranimierte Figur wirkt in 3D und 48fps bisweilen realer als die tatsächlichen Schauspieler in anderen Szenen.

Dass der Einsatz von 48 Bildern pro Sekunde derart polarisiert, könnte allerdings nicht an der Technologie an sich liegen, sondern vielmehr an der Machart des Films. Denn ohne dem Making-of-Material der Produzenten vorgreifen zu wollen, deutet vieles darauf hin, dass Peter Jackson bei seiner Rückkehr zu Mittelerde auf bewährte Hilfsmittel und auf die Ästhetik der ersten Trilogie setzt.

Nicht aus einem Guss
Durch die besondere Schärfe werden die schon in den drei ersten Teilen eingesetzten Miniatur-Modelle noch stärker als solche entlarvt. Der Wechsel zwischen Schauspieler-Close-ups auf Filmsets und computergenerierten Hintergründen und Charakteren wirkt in vielen Szenen nicht wie aus einem Guss und erweist sich trotz der im Grunde augenschonenderen Bildprojektion erst wieder als rechenintensiver Prozess für das Gehirn. Das große gesamte Ganze, die epische Weltenillusion kann der Film so jedenfalls nicht erzeugen.

So verstörend diese Erkenntnis für mich als Peter-Jackson-Bewunderer ist, werde ich das Gefühl nicht los, dass die neue Bildtechnologie in einem Film wie Avatar, der ästhetisch und von der Machart gänzlich auf das Ausschöpfen neuartiger Kinotechnologie ausgelegt war, auch wirklich ein ungeahntes Kinoerlebnis erzeugen kann. Denn anders als Peter Jackson beim Hobbit ordnete Avatar-Regisseur James Cameron seine Hauptgeschichte kompromisslos einer comicartig verfremdeten Ästhetik unter, die in ihrer Künstlichkeit in 3D und zukünftig auch mit 48fps eine glaubhafte Illusion erzeugen konnte. Es bleibt daher abzuwarten, wie die geplante Avatar-Fortsetzung und andere Filme die neue Bildtechnologie zu ihrem Vorteil nutzen können.

#WTF?
Für eine noch größere Ratlosigkeit als das Filmerlebnis selber sorgte einige Stunden später übrigens ein Blick in meine Freundesliste auf Facebook. Mehrere Bekannte und Freunde hatten den Film ebenfalls am Mittwoch zur Premiere gesehen und schwärmten von einem noch nie dagewesenen 3D-Erlebnis, das erstmals „nicht mehr Kopfweh bereitet“ und einen „wirklich direkt nach Mittelerde bringt“. Diese Menschen sind übrigens auch schon über 20 Jahre alt...

Wer den Film in 48fps/3D gesehen hat, möge seine Eindrücke von der neuen Technologie gerne unter den Artikel posten!

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