Meinung
08.09.2012

Jetzt sofort alles!

Computer werden immer langsamer. Nun fängt auch noch das Licht an, energiesparend zu bremsen. Aber der Mensch ist ein duldsames, anpassungsfähiges Wesen.

In den zurückliegenden Jahrzehnten war man davon ausgegangen, dass sich bestimmte technisch bedingte Übergänge verkürzen werden oder dass sie ganz verschwinden. Bei Eurovisions-Übertragungen im Fernsehen wurde die Zuschauerschaft in den Sechziger- und Siebzigerjahren auf Schrifttafeln am Bildschirm auf den stattfindenden Übergang hingewiesen: "Wir schalten um!". Auch die Geräte selbst hatten eine gewisse Latenzzeit. Radios ließen sich Zeit, ehe das grüne magische Auge über den Frequenzwahlknöpfen vollständig erglommen war und sich der Ton aus dem Lautsprecher bequemte. Fernsehbildröhren räkelten sich erst einmal mit vernehmlichem Knistern, ehe sie nach ein paar Sekunden wach und bereit waren, ein Bild zu zeigen.

In einem rätselhaften Irgendwo und Nirgendwo
Im Lauf der Zeit wurden Geräte und zuliefernde Dienste zunehmend soforter. Mit der Digitalisierung verschwand beispielsweise das Satelliten-Delay aus Ferngesprächen, das früher zur Folge hatte, dass man darauf achten mußte, sich beim Telefonieren nicht selber ins Wort zu fallen. Auch die Anschaltvorgänge bei Fernverbindungen, bei denen man zuhören konnte, wie es knackend und knisternd von einer Schaltstelle zur nächsten ging und man manchmal in einem rätselhaften Irgendwo und Nirgendwo hängenblieb, in dem es weder Freizeichen noch Besetztzeichen gab, nur ein leises Rauschen virtueller Gegenwärtigkeit...

Delays wurden künstlich eingebaut, etwa um im amerikanischen Fernsehen Unsittlichkeiten verhindern zu können: durch eine kleine Verzögerung bei sogenannten Live-Sendungen lassen sich unerwünsche Vokabeln oder verrutsche Oberteile noch schnell auspiepen oder ausblenden, ehe sie auf Sendung gehen.

Früher waren Rechner sofort da – heute dauert es
Zu einem frühen Zeitpunkt der PC-Revolution, als kleine Rechner noch Homecomputer hießen, hatten die digitalen Maschinen den Sofortzustand erreicht, jedenfall was die Inbetriebnahme angeht. Man konnte einen Commodore C-64 einschalten, und er war da. Kein komplexes Betriebssystem, keine überlappenden Fenster oder hunderte geöffneter Tabs hinderten ihn, umstandslos bekanntzugeben 38911 BASIC BYTES FREE | READY – und los ging`s.

Heute erscheint eine solche Vorstellung utopisch. Jeder Rechner braucht eine bis ein paar Minuten, bis er endlich hinten hochgekommen ist oder, wie der Lateiner sagt, gebootet hat. Bei mechanischen Maschinen, wenn sie sehr groß und schwer sind, etwa Turbinen, nimmt man hin, dass sie erst nach einer Weile auf Touren kommen. Als elektrischer Strom in die Maschinen gefahren war, tauchte zum ersten Mal eine Erwartung von Sofortheit auf. Einschalten und los. Dann kam die Elektronik, und mit ihr die Verheissung schierer, unmittelbarer Geschwindigkeit.

Nachlassende Lichtgeschwindigkeit
Eigentlich geht es aber rückwärts. Es dauert immer länger, bis Computer und elektronische Gerätschaft betriebsbereit sind. In den Anfangsjahren der digitalen Revolution wurden Rechner mit denselben Argumenten beworben, mit denen noch heute Karottenreiben in Fernsehverkaufsshows angepriesen werden: Zeitersparnis. Wann erbarmt man sich endlich tatsächlich der Abermillionen Gerätenutzer, die neben ihren Apparaturen von einem Fuß auf den anderen treten und sich die Finger langziehen, bis es endlich losgehen kann? Verschiedene Hersteller arbeiten angeblich an Speichertechnologien mit Namen wie Magnetic Random Acces Memory (MRAM), die es ermöglichen sollen, einen Computer wie eine Lampe einzuschalten. Plink, an. Was sage ich, Lampe? Jetzt kommen, nach den kriechenden Computern, die Leuchtmittel mit der nachlassenden Lichtgeschwindigkeit. Energiesparlampen brauchen zum Teil zwei Minuten, um ihre maximale Helligkeit zu erreichen.

Wir wollen fortschrittliche Wartebeseitigungstechnologie!

Stehen für den Fortschritt
Damals, als ich gerade meinen ersten C-64 hatte, fuhr mein Mitbewohner einen alten Citroen DS. Er war ziemlich billig gewesen, dafür funktionierte der Starter nicht, man mußte ihn anschieben. Gelegentlich sprang der Motor an, wenn wir gerade auf einer Straßenbahnkreuzung um die Ecke angelangt waren. Man mußte dann warten, bis die Hydraulik den Wagen hochgefahren hatte, das dauerte. Manchmal kam eine Straßenbahn und konnte nicht weiter, weil wir da standen. Die Fahrgäste sahen ein Auto mit laufendem Motor auf den Schienen stehen, darin zwei junge Männer, die keine Anstalten machten, wegzufahren. Ich habe früh begonnen, mich für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu stählen.

Mehr zum Thema

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.