Claudia Zettel, Chefredakteurin von futurezone.at

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Meinung

Lehrer per App bewerten? Eine schlechte Idee

Sollen sich Lehrerinnen und Lehrer für ihre Arbeit verantworten müssen? Unbedingt, ja. Sollen Lehrerinnen und Lehrer kritisches Feedback erhalten? Auf jeden Fall. Soll es Konsequenzen für jene geben, die ihren Job als Lehrkraft missbrauchen oder negativen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben? Keine Frage, ja. Ob allerdings eine Bewertungs-App per Sterneprinzip der richtige Weg dafür ist, muss äußerst kritisch betrachtet werden. 

Schulbildung und Unterricht sind nicht vergleichbar mit einer Taxifahrt oder einer Pizzabestellung. Lehrerinnen und Lehrer befinden sich in einer weitaus komplexeren Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern. Und sie sind keine Dienstleister, die ein zuvor beauftragtes und bezahltes Produkt ausliefern. Schülerinnen und Schüler sind nicht in der Rolle eine Bestellung aufzugeben und diese dann nach “Zustellung” zu bewerten. 

Eine App, wie die gerade vorgestellte Lernsieg, mag eine gutgemeinte Idee sein, doch in der Realität birgt sie Gefahren und Missbrauchspotenzial. Es stellen sich Datenschutzfragen, es besteht die Gefahr von Mobbing, falschen Angaben und Eingriffen in Persönlichkeitsrechte. Wie und wann beurteilen Schülerinnen und Schüler in der App - ausgeschlossen sind folgende Szenarien jedenfalls nicht: Wenn sie gerade eine schlechte Note oder schlechtes Feedback erhalten haben, wenn ihnen jemand einfach nicht sympathisch ist oder wenn eine Gruppe Jugendlicher beschließt, jemandem “eins auszuwischen”? Mit all dem muss man zumindest rechnen. 

Wie sinnvoll kann also eine solche App sein und wie kann sichergestellt werden, dass die Bewertungen überhaupt den Tatsachen entsprechen - eine Überprüfung scheint geradezu unmöglich (man kennt die Problematik von Fake-Bewertungen auch aus anderen Bereichen). Vor wem muss sich das Lehrpersonal dann verantworten und welche Folgen würde das in der Praxis haben? 

Konstruktives Feedback

Dass sich Lehrkräfte auch einer gewissen “Qualitätskontrolle” unterziehen, gerade da sie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und hier sehr viel in der Entwicklung eines Menschen mitprägen, steht außer Streit. Doch sinnvoller wären Feedbacksysteme, die sich auf einen bestimmten Kreis Involvierter beschränken, die sich aus konstruktiver (durchaus auch anonymer) Kritik und Evaluierung zusammensetzen - nicht einfach einen, zwei oder fünf Sterne in eine öffentliche App zu klicken. 

Die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ist ohnehin oft gespannt genug, es besteht die Gefahr, dass durch eher schlicht gestaltete Bewertungs-Apps noch mehr Druck und auch Unmut auf beiden Seiten entsteht. Schülerinnen und Schüler mit Ziffernnote zu beurteilen ist schon keine allzu gute Idee, da wird es nicht besser, wenn man den Spieß umdreht und dem Lehrpersonal per Sternchen ausrichtet, ob jemand qualifiziert ist. Die Methode scheint dafür schlichtweg ungeeignet und greift zu kurz. 

Alles muss ein Rating bekommen

Wir haben uns natürlich mittlerweile daran gewöhnt, sehr vieles im Leben mit ein paar Klicks zu bewerten und in ein Ranking zu setzen. Bewertungsplattformen gibt es in vielen Branchen und Bereichen. In manchen machen sie mehr Sinn als in anderen und vermutlich kann und will sich dem auch niemand mehr so ganz entziehen. Wer bucht schon gerne ein Hotel, das nur einen Stern bekommen hat?

Doch gleichzeitig sollten wir uns zwischendurch schon fragen, ob sich wirklich alles im Leben in ein so simples Schema pressen lässt - gerade wenn es auch um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Wir sollten uns fragen, wo eine bequeme App nützlich ist und uns den Alltag erleichtern kann und wo vielleicht einfach die Grenzen erreicht sind und es mehr bedarf als einmal Like und einmal Sternchen zu drücken. 

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Claudia Zettel

ClaudiaZettel

futurezone-Chefredakteurin, Feministin, Musik-Liebhaberin und Katzen-Verehrerin. Im Zweifel für den Zweifel.

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