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Peter Glaser: Zukunftsreich
04/14/2012

Neusehen statt Fernsehen

Zwischen zusätzlichen Realitätsebenen via Googlebrille und virtuellen Museumsführungen formiert sich ein neuer Medien-Blick auf die Welt

Die Zeiten ändern sich. Manchmal beginnt der Fortschritt nun an Orten, die der Vergangenheit gehören. So bietet das Museum aan de Stroom im belgischen Antwerpen eine Weltneuheit: Hier kann man über das Web eine „phygitale Tour" buchen (zusammengesetzt aus den Begriffen „physisch"und „digital"). Dabei verabredet man sich mit einem real in dem Gebäude anwesenden Führer, der mit einer Videokamera ausgerüstet ist und kann ihn danach zwei Minuten lang durch einen individuell ausgewählten Teil der vielfältigen Sammlung lenken.

Wir alle sollen nun endlich Max Headrooms werden
Die Zugänge zu den Schätzen der Menschheit öffnen sich im globalen Dorf – und dahinter stehen nun auch im Netz, erfreulich, auch wieder richtige Menschen, nicht bloß algorithmisch kuratierte Jpegs. Und es sollen noch viel mehr werden – Abermillionen. Wir alle sollen nun endlich Max Headrooms werden, stets sendebereite Video Jockeys. Die Augen der Welt. Als die Leute von Google neulich wieder einmal einen PR-Coup landeten und

an die Öffentlichkeit brachten – das Konzept einer Brille mit Head-up-Display, mit der sich neue Realitätsebenen ins Blickfeld schichten lassen –, fiel mir ein Stück aus einem Vortrag ein, den ich 1999 vor einem Saal voller Internet-Anzugmenschen in München gehalten hatte.

Die Demokratisierung von CNN - jeder ist ein Reporter
„Was wird passieren, wenn wir Bandbreite zum Schweinefüttern haben und sich das Netz drahtlos in die Straßen und Gassen der Welt hinein ausbreitet? Stellen Sie sich eine Weltkarte auf ihrem Computerbildschirm vor - oder am Fernseher. Über die ganze Welt verstreut sehen sie grüne, rote und blaue Punkte auf der Karte. Jeder grüne Punkt bedeutet: Da ist jemand mit einer Brille, in die eine kleine drahtlose Kamera eingebaut ist, die ihren Videostream ins Netz speist. Und wenn Sie möchten, können sie bei ihm mit durch die Brille sehen.

Sie liegen auf ihrem Sofa und gehen in der South Bronx spazieren. Sie können als Gegengeschäft einen Abend bei sich zu Hause anbieten. Jeder gelbe Punkt auf der Karte bedeutet: Hier können sie nicht nur mitschauen, sondern auch Fragen stellen. Die roten Punkte auf der Karte sind Ereignisse. Es ist die Demokratisierung von CNN - jeder ist ein Reporter, der gerade zufällig dabei ist, wenn etwas passiert. Wenn nicht kleine Jungs sofort damit Unfug treiben würden, könnte man sich auch vorstellen, fahrbare oder fliegende Drohnen zu mieten, auf denen Kameraaugen montiert sind. Die Nachrichten kommen nicht mehr zu uns wie bei der Tagesschau, sondern wir suchen die Nachrichten auf."

Google ist heutzutage für Zauberei zuständig
Das, was sie in Antwerpen machen, ist also bereits der nächste Schritt. Denn so wahnsinnig innovativ ist das auch wieder nicht, was sie da bei Google konzipieren. (Sie könnten sowas aber sehr schnell weltweit auf den Markt bringen und massentauglich machen – daran sieht man, das Google heutzutage für Zauberei zuständig ist, das heißt, für die Umsetzung von Wünschen in Echtzeit).

Museen im Netz glänzen im übrigen nicht nur mit Schätzen der Vergangenheit. Längst sind viele der großen Sammelstätten der Menschheitskultur auch mit spektakulären Online-Angeboten vertreten. So lassen sich etwa Teile der Museumsinsel in Berlin in einem eindrucksvollen Architektur-Rundgang am Bildschirm durch Panoramaansichten der Räumlichkeiten hindurch frei begehen, dazu kann man noch den Architekten David Chipperfield interaktiv befragen. Ähnlich beachtlich sind die Augenweiden des Smithsonian National Museum of Natural History in Washington. Auch das British Museum hält ein Füllhorn an Online-Touren durch seine Sammlungen bereit, die die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit umfassen; desgleichen der Louvre in Paris.

Ein Renaissance-Schmuckstück saust in die digitale Welt
Auch kleinere Stätten bieten raffinierte Modernität – das Palazzo Medici Riccardi in Florenz etwa, ein Inbild italienischer Renaissance-Architektur. Im 15. Jahrhundert wurde er von dem Architekten Michelozzo im Auftrag der Medici erbaut. Schmuckstück des Hauses ist die Kapelle der Heiligen drei Könige, die 1459 von Benozzo Gozzoli mit Fresken von berückender Schönheit bemalt wurde. In den abgebildeten Figuren sind viele Persönlichkeiten der Zeit zu erkennen (besonders fallen die Mitglieder der Familie Medici ins Auge). Jedenfalls, wenn man die Möglichkeit hat, genau hinzusehen.

Es scheint schwierig, in einem Museum alle wünschenswerten Informationen mit technischer Hilfe anzubieten. Die bisherigen Lösungen sind nicht besonders elegant. Die kleinen Player mit Kommentaren zu den Kunstwerken, mit denen man eine individuelle Führung machen kann, verlagern die Aufmerksamkeit. Der Museumsbesuch als soziales Erlebnis verschwindet. Die Leute stehen einzeln herum und hören auf die Stimme im Kopfhörer.

Hightech Im Schlafzimmer von Lorenzo dem Prächtigen
Wenn man auf ein Fresko zeigt, erwartet man eigentlich nicht, sich dadurch in das Bild reinzoomen zu können. Aber genau das passiert im Palazzo Medici Riccardi. Alessandro Valli von der Universität Florenz ist ein Liebhaber der Künste und wollte mehr über die Bilder in den Galerien seiner Heimatstadt wissen. Außerdem ist er Pionier auf dem Gebiet der sogenannten natürlichen Interaktion. Er und seine Mitarbeiter haben die Gozzoli-Fresken fotografiert, dann haben Kunsthistoriker interessante Bereiche ausgesucht und dazu Kommentare aufgezeichnet. Einige dieser Bereiche kann man mit freiem Auge kaum ausmachen.

Kein Problem: Die Bilder werden im Schlafzimmer von Lorenzo dem Prächtigen, einem der früheren Bewohner des Palazzo, auf einen Großbildschirm projiziert. Was aussieht wie eine gewöhnliche Projektion, erweist sich als Technikzauberei, wenn man davor steht. Zeigt man auf einen Bereich, der einen interessiert, wird er vergrößert und ein zugehöriger Kommentar eingespielt. Das System reagiert auf Gesten.

Das Internet muß die Welt retten
Von dem Vortrag mit der Brille und den bunten Punkten erinnere ich mich übrigens an noch etwas. Auf eine fundamentale Anmerkung zum Internet hatte ich zumindest vermischtes Gelächter erwartet: „Eine unglaubliche Dynamik hat die ganze westliche Zivilisation erfaßt. Und das Bemerkenswerteste daran ist, dass in Wirklichkeit niemand weiß, was man mit Computern und dem Internet eigentlich anfangen soll. Das Dumme ist: Es ist zu spät, das zuzugeben. Der Zug ist abgefahren. Das Internet muß die Welt retten." Aber niemand hat gelacht. Komisch.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.