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Pro Facebook
01/26/2014

Beziehungsstatus: Gefällt mir

Aus Prinzip gegen Facebook zu sein bzw. sich dem sozialen Netzwerk zu verweigern, ist ungefähr so absurd, wie E-Mails oder das Internet abzulehnen.

von Martin Stepanek

Natürlich muss man nicht auf Facebook sein, um im digitalen Zeitalter ein erfülltes Leben zu führen. Natürlich könnte ich hier jetzt auch lang und breit anführen, warum Facebook manchmal wie die Hölle nervt, wie es unsere Privatleben für Werbung ausschlachtet und eine schizophrene Scheinrealität erzeugt, der man sich nur schwer entziehen kann. Die Wahrheit ist: Von den etablierten sozialen Plattformen ist mir Facebook immer noch am liebsten.

Wider der Provinzialität

Der Beginn meiner Facebook-Freundschaft war bezeichnend. Ein Freund aus Frankreich, mit dem ich in England studiert hatte, fügte mich Ende Juni 2007 zu der Plattform hinzu. Zwei Monate später – der besagte Freund hatte seinen Account ironischerweiser bereits wieder gelöscht – trat ich bei, etwa die Hälfte meiner zwei Dutzend Kontakte damals waren Bekannte und Freunde aus anderen europäischen Ländern und den USA. Auch heute noch empfinde ich es als großen Segen, mit diesen Menschen über Facebook unkompliziert in Kontakt bleiben und an deren Leben teilhaben zu können.

Andererseits: Will ich auf Facebook lesen, wessen Katze gerade Brechreiz hat oder mich mit Befindlichkeiten von Personen auseinandersetzen, die ihre Egomanie unbedingt mit der Welt teilen wollen? Sicher nicht jeden Tag. Und es passiert auch nicht jeden Tag. Das mag an meiner restriktiven Facebook-Freundschaftspolitik liegen. Die Anzahl der Kontakte ist mit knapp über 300 immer noch einigermaßen überschaubar. Hinzugefügt werden zudem nur Personen, zu denen ich eine persönliche Bindung aufgebaut habe. Menschen, die mir mit ihren Beiträgen völlig auf den Geist gehen, schalte ich in der Timeline einfach stumm.

Berührende Worte

Und dann gibt es diese Momente, in denen Menschen sich ein Herz fassen und ein wirklich persönliches Erlebnis teilen. Wie eine Freundin den Tod ihres zweitgeborenen Kindes auf Facebook kommunizierte, hat mich tief berührt, ebenso wie die ehrlich empfundene Empathie von Bekannten und Freunden. Dass eine würdevolle Auseinandersetzung mit so einem traumatischen Erlebnis auf Facebook überhaupt möglich sein kann, hat mich persönlich sprachlos gemacht, widerlegt es doch auch die irrige Annahme, dass eine Plattform wie Facebook nur oberflächliche Belanglosigkeiten produziert.

Hier spielt Facebook im Vergleich zu anderen Plattformen wie Twitter oder Instagram einen weiteren Vorteil aus. Wer von der Kommunikation her in die Tiefe gehen möchte und wie in dem Fall persönliche Worte an die bekannte Person richten möchte, kann dies über eine private Nachricht direkt über die Plattform tun. Natürlich könnte man auch eine E-Mail oder einen Brief verfassen. Dass Facebook diese Möglichkeit aber direkt über seine Plattform anbietet, macht einen Teil seines Erfolgs aus; ebenso wie der Umstand, dass Facebook längst auch zur gemeinsamen Bilderplattform und zum persönlichen Nachrichtenaggregator geworden ist.

Integrationsprojekt

Dass die Eltern- und Großelterngeneration der heutigen Jugend Facebook zunehmend mit Begeisterung verwenden, ist zudem ein Verdienst, der gar nicht hoch genug zu schätzen ist. Es zeigt, dass die technischen Barrieren von Computern und Smartphones zunehmend in den Hintergrund rücken und die Geräte von älteren Generationen mittlerweile vor allem als inhaltliche Bereicherung im Alltag genutzt werden. Facebook stellt für ältere Leute somit auch die Evolution vom E-Mailen und Google-Suchen dar und hilft den Respekt vor anderen Services und Plattformen abzubauen, die noch nicht so sehr im Mainstream angelangt sind.

Was die Mitgliederzahlen, aber auch die altersdemografische Durchsetzung betrifft, ist Facebook zumindest in der westlichen Welt einzigartig. Nicht wenige meiner Freunde und auch ich selber versuchten auf Google+ als Alternative auszuweichen. Google will ja mit zweifelhaften Zahlen glaubhaft machen, dass das eigene soziale Netzwerk Facebook auf den Fersen ist. Aber irgendwo angemeldet sein und den Dienst auch tatsächlich nutzen, sind nun einmal zwei Paar Schuhe. Mangels fehlender Interaktionsmöglichkeiten sind die meisten meiner experimentierfreudigen Freunde wieder reumütig zu Facebook zurückgekehrt.

Nicht cool

Die Zeiten, in denen man Facebook innovativ oder cool finden konnte, sind definitiv vorbei. Im Grunde handelt es sich dabei lediglich um die funktional aufgewertete Weiterentwicklung der E-Mail als wichtigstes Kommunikationsmedium unserer Zeit. Facebook bildet zudem nur das ab, was die Menschen auch im Alltag liebens- oder hassenswert macht: Das Teilen von Befindlichkeiten, Anekdoten und Erlebnissen, der Austausch von Informationen, oberflächlichem Geplänkel, aber auch von zutiefst Persönlichem mit seinem Umfeld.

Das per se abzulehnen oder kleinzureden ist natürlich erlaubt, Facebook für sämtliche Defizite der Menschheit die Schuld zu geben, ist hingegen töricht. Dass der Konzern mit großer Intransparenz beim Datenschutz und der Filterung von angezeigten Informationen agiert, tut das Übrige, um das Misstrauen in diese Art der weiterentwickelten digitalen Kommunikation zu schüren. Facebook ist daher gefordert, die vielerorts geäußerte Kritik und die Verantwortung Ernst zu nehmen, die mit der Dominanz einhergeht.

„Gefällt mir“

Den immer wieder von Usern geäußerten Wunsch, Facebook möge doch bitte auch einen „Dislike“, also „Gefällt mir nicht“-Knopf anbieten, teile ich hingegen nicht. Das Sichtbarmachen einer positiven Reaktion auf ein Posting halte ich – auch im Sinne der Troll-Bekämpfung – für ein gutes Zeichen. Unterirdische und menschenverachtende Äußerungen, wie sie teilweise etwa auf Facebook-Fanseiten von Politikern von sich gegeben werden, können damit nicht verhindert werden. Das in seinen Grundfesten aber auf Zustimmung ausgelegte Konzept empfinde ich aber durchwegs als wohltuend.

In diesem Sinne wünsche ich Facebook und allen Mitgliedern alles Gute zum Geburtstag!

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