Meinung
29.02.2012

Realisieren ist oft langweilig

Die großen Sensationen sind auf dem Mobile World Congress ausgeblieben. Zumindest vordergründig. Die ganze Branche ist nämlich damit beschäftigt, die seit Jahren so häufig zitierte "mobile Informationsgesellschaft" und ihre Visionen zu realisieren.

„Schon was Spannendes gesehen?“ „Und, schon was Interessantes entdeckt?“ Fragen wie diese sind auf dem Mobile World Congress Teil des Begrüßungszeremoniells, wenn man Betreiber, Hersteller oder Software-Anbieter auf dem Messegelände trifft. Heuer muss man diese Fragen mit einem „Naja“ beantworten. Es gab neue Smartphones – vor allem von chinesischen Herstellern, was sich so interpretieren lässt, dass die Offensive aus China begonnen hat und wir in den kommenden Monaten und Jahren von Smartphones der Hersteller ZTE und Huawei überschwemmt werden. Es gab auch einige neue Tablets, die am Erfolg des derzeitigen Booms mitnaschen wollen und es gab Nokia.

Das 41-Megapixel-Handy
Die Finnen überraschten mit einem 41-Megapixel-Handy und schafften es, praktisch über Nacht wieder von sich reden zu machen. Aber: Wer braucht ein 41-Megapixel-Handy, gibt es nicht einmal herkömmliche Digitale Spiegelreflex-Kameras (DSLR) mit dieser Auflösung? Auch wenn diese 41-Megapixel-Ankündigung nach Effekt-Hascherei aussieht und manche verleitet, sie mit einem sinnlosen „450-PS-Auto“ zu vergleichen, so schlecht ist die Idee grundsätzlich nicht. Denn man kann nach dem Fotografieren Details aus dem Foto heraus holen, was man mit einer herkömmlichen Kamera nicht schafft. Ob aber eine solche Technik in einem Handy eingebaut werden muss, da bin ich skeptisch. Denn wer wirklich exzellente Fotos machen will, setzt auf eine DSLR und garantiert nicht auf eine Handy-Kamera.

Warten auf Apollo
Nokias 41-Megapixel-Ausflug ist symptomatisch für die Branche, denn es wird eine Wartezeit überbrückt. Bei Nokia ist es das Warten auf Windows Phone 8, Codename „Apollo“, denn erst dann wird sich herausstellen, ob gemeinsam mit Microsoft das Revival gelingt. Auch HTC, Sony und die anderen warten, bis Windows’ neues Betriebssystem auf den Markt kommt. Denn Windows Phone 7 ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, die Phones selber sind eher Ladenhüter geblieben. In Österreich wurden im Weihnachtsgeschäft im Dezember gerade einmal 3000 Stück abgesetzt, während etwa 400.000 Android-Smartphones und iPhones verkauft wurden.

NFC startet
Doch die Branche wartet nicht nur auf Windows Phone 8, sondern es wurde – man ist fast geneigt „wieder einmal“ zu sagen – NFC angekündigt. 2012 ist das Jahr, in dem die Near Field Communication starten wird. Hersteller (Samsung, HTC, Sony, ZTE) werden in ihre Geräte jenen Chip einbauen, der neue Anwendungen ermöglicht. Der Nahfunk, der im übrigen schon vor acht Jahren, am 18. März 2004 im Rahmen der CeBIT von Nokia, Sony und Philips präsentiert wurde, ermöglicht neue Anwendungen, vor allem im Zahlungsverkehr. Bargeldloses Zahlen an der Supermarkt-Kassa, bei Automaten und in Geschäften, die Kreditkarten annehmen, sind dann möglich.

Maschinen lernen kommunizieren
Womit wir beim nächsten Thema sind, bei der Machine2Machine-Kommunikation (M2M), von der sich Betreiber wie Hardware-Hersteller ebenfalls viel erwarten. Auch M2M wird schon seit Jahren angekündigt, das „Aber-heuer-geht’s-los“ von einem Jahr aufs andere verschoben. Doch auch bei der SIM-Vernetzung von Geräten, ob Parkuhr, Zigaretten- bzw. Getränke-Automat, Wetterstation oder dem Haushalt, gibt es erstmals Anwendungen, die man erwerben kann.

Das Internet der Dinge und Tiere
In acht Jahren wird es, so eine Prognose des Systemausstatters Cisco, 50 Milliarden vernetzte Geräte und sogar Tiere geben; etwa Katzen und Hunde mit intelligentem Halsband. Derzeit, so hat die Telekom Austria Gruppe gestern bekannt gegeben, gibt es in den TA-Ländern 500.000 M2M-Verbindungen. Wir sind noch weit von den Prognosen und Visionen entfernt, aber genau deshalb muss man als Technologie-Journalist auf die Frage „Schon was Interessantes gesehen“, mit einem „Naja“ antworten. Wir befinden uns, nach all den Jahren der Visionen und Prognosen, in einer Realisierungsphase. Jetzt wird das verwirklicht, was uns Hersteller und Betreiber seit Jahren versprechen. Und das dauert eben, ist aber dennoch irgendwie spannend.

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