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Peter Glaser: Zukunftsreich

Schlafzimmerforschung

Vor ein paar Jahren zog Olivia Howitt aus einem Haus in ihrer Heimatstadt Manchester nach London. Dort ist Wohnraum extrem teuer. Also musste sie sich verkleinern, „fast wie in meiner Kinderzeit, als mein Schlafzimmer meine Welt war.“ Für Schlafzimmer hat die professionelle Fotografin ein Faible. Und je mehr fremde Schlafzimmer sie fotografiert, desto mehr persönliche Welten eröffnen sich ihr und den Besuchern ihres Blogs.

Gute Geschichten hinter Schlafzimmertüren

Der Anlass für das Blog war ein Schlafzimmer, das sie nie gesehen hat. Ein Freund erzählte ihr von einem Besuch in einer Wohngemeinschaft in Hackney in East London. Ein Mädchen dort hatte ihn in ihr Schlafzimmer geführt – bis auf das Bett war das ganze Zimmer voller Fahrräder. Sie hingen von den Wänden und von der Decke.

Das machte sie neugierig. Was warteten da noch für andere interessante Geschichten darauf, hinter Schlafzimmertüren entdeckt zu werden?

Sie begegnet Fremden in ihren Schlafzimmern und entlockt ihnen sehr persönliche Dinge, „weil ich gern neue Leute kennenlerne und gern ihre Geschichten höre. Es könnte peinlich sein, aber wenn man im höchstpersönlichen Bereich von jemandem ist, umgeben von seinen Dingen, dann gibt es viel Angenehmes, über das man reden kann.“ Es habe auch etwas mit der Offenheit der Menschen zu tun, findet Howitt. Es ist eine sehr persönliche Erfahrung, für beide Seiten. Und sie fühlt sich durch die Einladung geehrt.

Ordnung und Online-Schönheit

Die meisten Schlafzimmer, die sie fotografiert, sehen sehr aufgeräumt aus. Schützt eine ästhetische Struktur das letzte Refugium? Ein unordentliches Schlafzimmer kann ein tolles Bild ergeben, aber Howitt versteht auch, warum die Menschen sich online gern in günstigem Licht verewigt sehen möchten.

Neue Schlafzimmerbewohner für ihr Blog ins Visier zu nehmen, ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung. Sie begegnet den Leuten überall, in Warteschlagen bei Konzerten, in Bars, im Bus - „Nachdem ich mit jemandem geredet habe, kann ich meist sagen, ob er oder sie ein interessantes Schlafzimmer hat.“ Instagram ist als Vorinstanz sehr nützlich, auf den Fotos dort kann sie den Stil der Menschen sehen, was sie anhaben, wie ihr Zuhause aussieht. Dann kann sie einfach fragen.

Alles, nur kein Fernseher

In all den Schlafzimmern, die sie seit September 2009 versammelt hat, sieht man Unkonventionelles, Modernes, Minimalistisches, Bohemehaftes, Sammelsurien – und keinen einzigen Fernseher. „Die Leute sehen sich Videos auf dem Laptop an“, konstatiert sie, „und sie wollen sich in ihrem Schlafzimmer erholen und es nicht zu einem Arbeitsplatz machen.“ Sie besucht meist Menschen in London, man lebt da hektisch und nutzt jede Gelegenheit, einmal abzuschalten.

Die Schlafzimmerbewohner verbringen oft eine Menge Zeit in ihrem Rückzugsraum, nehmen Musik auf, machen Kunst oder Design und arrangieren rund um sich Dinge, die anderswo im Keller landen würden. „Es ist immer wieder überraschend, wie sehr ein Schlafzimmer den Charakter einer Person repräsentiert.“

Das sonderbarste Schlafzimmer, das ihr begegnet ist, war ein Unterschlupf in einem ehemaligen Fotolabor. Ein Musiker hatte einen kleinen Bereich mit Brettern in ein Schlafzimmer verwandelt. Man musste durch eine winzige Tür krabbeln, und in dem Schlafzimmer hatte er einen Schrein errichtet, der Fischen gewidmet war.

Und ihr eigenes Schlafzimmer? „Ich weiß es und Sie müssen es erst herausfinden“, sagt Olivia Howitt neckisch. Vielleicht wird sie eines Tages auch ihr eigenes Schlafzimmer zeigen, „aber vorerst bin ich damit zufrieden, die Schlafzimmer anderer Leute ins Bild zu setzen.“

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Peter Glaser

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