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Peter Glaser: Zukunftsreich
06/25/2011

Sommer an der Datenküste

Der dramatische, aufregende Übergang von der analogen in die digitale Welt kann bei steigenden Temperaturen auf angenehme Art zum Erliegen kommen - und dabei neue Einsichten zutage fördern.

Es ist so heiß, dass die Bäume am Straßenrand sich schon die Hunde heranpfeifen. Ich mag nur noch blaue Fotos sehen, weil sie kühler wirken. Sommer. Eine schreckliche Zeit für Menschen mit einem Computer.

Die Menschen des Internet-Zeitalters erinnern mich an die Lebewesen, die vor 400 Millionen Jahren vom Ozean aus das Land besiedelt haben. Deutlich wird einem das, wenn man sieht, wie man selbst und andere im ersten Sonnenglanz des Sommers skeptisch in das warme Licht hinausblinzeln, um sofort die Jalousien zuzukippen und sich wie ein scheues Tier mit dem Laptop in eine dunkle, schattige Ecke des Zimmers zurückziehen. Draußen im Garten, auf dem Balkon, an einem Tisch in einem Schanigarten - überall kann man zu wenig auf den Bildschirmen erkennen. Die Sonne blendet.

Das Internet - der achte Kontinent
Ein bisschen ist es auch eine narzisstische Kränkung. Denn unter der Sonne zeigt sich, dass das aus dem Bildschirmfenster leuchtende Internet nur ein kleines Licht ist. Und ein bisschen ist es ein Abschied vom Analogen. Es wird immer offensichtlicher, dass wir inzwischen auf beiden Seiten leben. Dass wir digitale Amphibien sind. Nun wechseln wir aus dem Ozean der materiellen Welt auf das Neuland des Achten Kontinents – des Internets.

Weil es draußen zu hell ist, schreibe ich diese Zeilen nicht am Rechner, sondern an einem kleinen Tisch draußen im Hof, mit Kuli auf einem Karoblock. Diese Kolumne ist ein Tribut an die alte Zeit. Unter einem tiefblauen Rittersporn schläft eine Katze, in den Brombeersträuchern haben sich Wind und Licht niedergelassen. Ab und zu, während ich schreibe und das Strahlen des Sonnenlichts auf dem weißen Papier bestaune, verspüre ich den Phantomschmerz, auf etwas in den Tiefen meines Rechners oder etwas Findbares im Netz nicht sofort zugreifen zu können, sondern wieder ein mit Bedacht Information heranschaffendes Wesen zu sein, wie früher, als der Datenkontinent noch ein ferner Horizont war.

Baywatch in binärer Form
Die Hitze macht nicht nur den Menschen zu schaffen, auch den armen Maschinen. Festplatten neigen dazu, ihre Daten nicht mehr ganz so fest zu halten. "Heiße Büros, direkte Sonneneinstrahlung oder nicht ausreichend gekühlte Serverräume können das vorzeitige Ableben von Festplatten verursachen", mahnen etwa die Spezialisten des Wiener Datenrettungsunternehmens Attingo. An heißen Sommertagen herrscht bei den Datenrettern Hochbetrieb, eine Art Binärversion von Baywatch. Mich erinnert das an die Zeit, als kleine Computer noch Homecomputer hießen, und, wenn man sich zum Softwarekopieren traf, jeder seine eigene Diskettenstation mitbrachte. Eine war dann in Betrieb, bis sie heißlief, dann kam sie in den Kühlschrank und die mitgebrachte war dran. Das war auf eine ganz handgreifliche Art cool.

Später saß ich auf der Veranda, neben mir ein Freund aus Tschechien.

“Du mußt auch wieder was sagen”, sagte er.

Ich hatte, für meine Verhältnisse ungewöhnlich, seit einer Viertelstunde nichts mehr gesagt.

“Ich fühle mich unendlich schlaff und dumm”, sagte ich.

“Dieses Gefiel kenn ich seit Jahren”, sagte er.

Das Nachlassen der Intelligenz bei großer Hitze wirft ein Licht auf die Schwankungen, denen diese besondere menschliche Begabung unterworfen ist. Dass die Schulferien in die Zeit temperaturbedingter Verdummung gelegt wurden, könnte man seinerseits als ein Zeichen von Intelligenz deuten.

Ich sagte meinem tschechischen Freund, dass mir eine olympische Disziplin fehlt, das olympische Liegen.

“Und Glaser liegt ganz vorne!”, rief er im erregten Kommentatorentonfall.

Dann waren wir beide so erledigt, dass wir zehn Minuten lang einfach nur in der Welt waren. Der Hof lag da uns sah aus. Die Vögel setzen mehrere Tweets pro Sekunde ab, Meisen, Amseln, eine ferne Elster, und weil ich sie nicht verstehen konnte und es einfach Vögel waren, die sangen, entspannte es mich.

Die Dinge verändern sich
In den neunziger Jahren hatte der Ausnahmeprogrammierer Karl Sims für die Supercomputer-Firma Thinking Machine spezielle Algorithmen entwickeln, die der extremen Leistungsfähigkeit der firmeneigenen “Connection Machine” angemessen sein sollten - einer damals neuen Generation von Supercomputern, an denen mir besonders gefiel, dass Computer nun endlich auch in der Wirklichkeit so aussahen wie sie im Kino immer schon ausgesehen hatten, nämlich exotische, mit Lämpchen übersäte Designermöbel.

Aus sogenannten Partikelsystemen schuf Sims phantastische Erscheinungen einer künstlichen Natur, leuchtende Wasserfallkaskaden etwa oder die inzwischen klassische Animation “Panspermia“, in der die Reise eines Samenkorns durchs All und die Explosion der Fruchtbarkeit nach dem Aufprall auf einem Planeten zu sehen ist. Sims schuf Pflanzen, suchte die aus, die ihm am besten gefielen und ließ die Maschine in Echtzeit die nächste Generation berechnen. Auf Spaziergängen, so erzählte er, rege ihn jedes Grasbüschel und jeder Strauch zur Nachahmung im Computer an. Wenn man dann aber beginne, in die Details einzudringen, zeige sich eine unermessliche Komplexität schon im Kleinen. Das, was wir die Unendlichkeit nennen. Aus der Natur kehrt Karl Sims stets demütig zurück vor die Maschine.

Die Dinge haben sich verändert. Vor wenigen Jahren bin ich noch ans Fenster gegangen und habe auf das Thermometer gesehen, wenn ich die Außentemperatur wissen wollte; inzwischen gehe ich dazu ins Netz. Ich stand auf. Durch die Verandatür sah ich in dem seidengrauen Schattendunkel im Wohnzimmer meinen Rechner atmen. Ich habe einen Mac mit einer weich pulsierenden Betriebsanzeige an der Seite.

Dann ging ich hinein, um meine Notizzettel ins Digitale zu übertragen.

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