© AP/Remy de la Mauviniere

Peter Glaser: Zukunftsreich
09/26/2015

Sonderbare Selbstbildnisse

Die Selfie-Manie wird intergalaktisch: Auf dem Weg zum kosmischen Erlebnis kann man sich jetzt auch sein Antlitz auf Toast rösten lassen

von Peter Glaser

Nachdem der Curiosity-Rover der NASA - der inzwischen 1,9 Millionen Twitter-Follower eingesammelt hat - im August 2012 erfolgreich auf dem Mars gelandet war, machte er als erstes ein Selfie. Das beweist, dass diese kollektiv-narzisstische Manie inzwischen sowohl Maschinen erfasst als auch sich im interplanetarischen Maßstab vollzieht. Während die Sonde als Selfismus-Pionier ihre Runden auf dem öden, steinigen Mars zieht, schreitet die Verselbstung des Planeten Erde und seiner Bewohner unaufhaltsam voran.

Russen etwa - in ihrer grenzenlosen Improvisationsfreude, die sie aus Zeiten der kommunistischen Mangelwirtschaft herübergerettet haben in die kapitalistische Mangelwirtschaft - haben einen superschlichten Selfie-Stick ersonnen, der allerdings mit einem erhöhten Fallrisiko verbunden ist. (Noch schlichter die naturbelassene Version eines solchen Sticks, wie sie hier zu sehen ist.)

Um ein Überborden der Selferei zu verhindern, haben gleichfalls russische Entwickler eine Anti-Selfie-App programmiert, die via Gesichtserkennung das eigene Mienenspiel erkennen kann, um es anschließend auf verschiedene lustige Weisen zu verhunzen. Wem ein Selfie-Stick zu provisorisch ist, der kann sich inzwischen authentischer des von Aric Snee und Justin Crowe erfundenen Selfie-Arms bedienen, mit dem sich sympathische Händchenhaltefotos hervorbringen lassen.

Nicht alle sind gleichermaßen begeistert über die neue Darstellungsform. Der unverwechselbare Karl Lagerfeld etwa geht nicht mehr gern raus, weil er sich von Leuten mit fotografierfähigen Gadgets verfolgt fühlt. „Jeder ist hinter mir her“, beklagt der Modeschöpfer, „es ist absolut lächerlich. Jeder will ein Selfie. Aber ich habe keine Lust, auf Fotos mit Leuten zu sein, die ich nicht kenne."

Die notorische Selfie-Produzentin Kim Kardashian dagegen, die ihre 35,3 Millionen Follower auf Twitter mit einem unablässigen Strom an Selbstbildnissen und rufzeichensatten Satzfragmenten versorgt, weist den Vorwurf der lächerlichen Selbstverliebtheit zurück: „Ich liebe es einfach, mein Leben mit anderen zu teilen."

Gefährliche Selfies

Selfies können durchaus auch Schaden anrichten oder gefährlich werden. Einige Museen in den USA haben Selfie-Sticks bereits verboten, damit Ausstellungsstücke nicht von ungeschickten Filmern respektive Fotografen beschädigt werden. Museen in Paris planen nachzuziehen.

In Amerika haben solche Fotos auch schon zwei Tablet-Diebe verpfiffen. Nachdem die beiden jungen Männer Geld und Geräte aus einem Auto geklaut hatten, fotografierten sie sich begeistert mit der Beute. Allerdings wanderten die Bilder unbemerkt in die iCloud des Beraubten - der veröffentlichte sie auf der beliebten Social-News-Site Reddit, wo jemand die Täter schließlich identifizieren konnte.

Fatal endete die neue Erscheinungsform der Eitelkeit im Juni für einen Krieger der Terrormiliz „Islamischer Staat“, der ein Selfie von sich angefertigt und über soziale Netzwerke verbreitet hatte. 22 Stunden später wurde er von einer GPS-gesteuerten Lenkrakete der US-Luftwaffe getroffen und getötet.

Und als ernsthafter Anwärter auf den nächsten Darwin Award darf der 19-jährige Texaner Deleon Alonso Smith gelten, der gern mit Sonnenbrille, Bandana und Hand im Schritt auf Facebook posierte. Der junge Vater von zwei Töchtern kam ums Leben, als er versuchte, für ein Selfie mit einer Schusswaffe zu hantieren und sich dabei unvorhergesehen ein Schuss löste.

Selfies gab es schon vor Jahrzehntausenden

Im Übrigen ist die Neigung zur Selbstabbildung so alt wie die Menschheit selbst. Schon auf Höhlenwänden finden sich die Umrisse von Händen, auf die rote Farbe geblasen wurde. Und ein uraltes Kulturgut wie das Brot (an dem es im Grunde seit Jahrtausenden nichts mehr zu verbessern gibt), wird wohl auch die Erfinder des letzten Schreis auf dem Gebiet hirnverbrannten Selfietums dazu bewogen haben, ihren Selfie-Toaster zu produzieren.

Für 70 Dollar erhält man einen vorerst noch nicht selfiefähigen Toaster und einen Gutschein über die Anfertigung einer Schablone, die nach einem „guten Foto“ des Nutzers hergestellt wird – Toastbrot ist nicht gerade der ideale Untergrund für hochauflösende Bilder. „Einige sagen, dass das ein Zeichen für das nahende Ende sei, oder dafür, dass der Selfie-Wahn nun komplett ausgebrochen ist“, kann man fast ein wenig selbstkritisch auf der Firmenwebsite lesen. „Aber wir glauben, dass das der Weg allen Toastes ist.“

So kann man natürlich auch umschreiben, dass es sich bei dem Gerät eigentlich gar nicht um einen Toaster handelt, sondern um eine Brotverkohlungsmaschine. Sogar auf der Website des Herstellers sieht man das großflächig verbrannte Weißbrot, in dessen verkohlten Regionen man mit viel Fantasie ein Gesicht erkennen kann.

Die Diskussion darüber, wie man die Entstehung des krebserregenden Acrylamids vermeidet, das sich bei hohen Temperaturen - beim Frittieren oder abgeschwächt auch beim Toasten - aus Zucker- und Eiweißbausteinen bildet, scheint an den Weißbrotselfiepionieren spurlos vorbeigezogen zu sein. Vielleicht aber ist der Gesichtstoaster auch einfach eines jener Geschenke, die man nur ein einziges Mal benutzt, um den Schenkenden zufriedenzustellen. Aber sogar wenn es sich um amerikanisches Toastbrot handeln sollte, das man durch eine solche Selfie-Schablone zu ruinieren beabsichtigt, gilt: Mit Essen spielt man nicht.