Meinung
27.12.2014

Sperrzonen

Warum Google Maps die Anfahrt zu dem berühmten Hollywood-Schriftzug nicht mehr zeigt und wie man digitale Zäune baut.

Sperrgebiete breiten sich nicht nur in der Analogwelt aus. Im Mai 2007 beschwerte sich die Aborigines-Verwaltung des Uluru - Europäer nennen ihn Ayers Rock - über eine 3D-Darstellung des heiligen Felsens in der Second-Life-Präsenz des australischen Telekom-Providers Telstra. Obwohl es durch digitale Barrieren nicht möglich sei, den Berg mit einem Avatar zu besteigen oder zu überfliegen, sei es doch möglich, vor die Nordostseite zu fliegen und Snapshots zu machen.

An dem realen Berg sind Aufnahmen der Nordostwand tabu, die einheimischen Anangu werben um Verständnis für die strikten Restriktionen, die das Fotografieren und Filmen an dem spirituell bedeutsamen Ort einschränken. Telstra mußte zugeben, den Bilder-Berg ohne Genehmigung verwendet zu haben.

Gated Communities, Hated Communities

Proprietäre Areale, von AOL bis Facebook, stehen für ein unoffenes, eingezäuntes Netz, ebenso die Walled Gardens genannten exklusiven Vertriebsmodelle a la Apples iOS, bei denen Betreiber die volle Kontrolle über die Inhalte zu behalten versuchen. Die Abgrenzungen sind zum Teil nach sozialen Schichten oder Milieus spezialisiert. So werden etwa in dem von Jesper Lannung gegründeten Social Network ModelsHotel nur Models aufgenommen, „damit sie in einer Gated Community miteinander in Kontakt bleiben können.“

Gated Communities - mit Zugangkontrollen versehene Siedlungen Wohlhabender - könnten ebensogut Walled Communities heißen. Allerdings würde dann deutlich, dass es sich dabei um eine moderne Form der Wagenburg handelt, eine Architektur der Angst.

Manche befürchten, die Zerlegung der digialen Welt in Zonen werde zu einer Balkanisierung des Netzes führen – ein zentrales Thema bei der seit Jahren geführten Debate um die Netzneutralität.

Wir basteln uns Bezirke

Begonnen hat das Internet als ein von der Geografie losgelöster Ort. Aber die alten Koordinatensysteme und Grenzziehungen haben nicht nur längst wieder das Netz überzogen, sie übertreffen ihre Vorgänger an Vielfalt, Wirksamkeit und Raffinesse. Per Geolocating läßt sich ermitteln, von wo aus ein Nutzer ins Netz geht.

Marktforscher messen damit in Tauschbörsen, wie populär Musiktitel in bestimmten Städten und Regionen sind. Online-Casinos nutzen das Verfahren, um zu verhindern, dass Spieler von Ländern aus zocken, in denen Internet-Glücksspiel verboten ist. Wer den Bezahldienst Paypal von einem anderen als seinem registrierten Ort aus benutzt, muss sich zusätzlich authentifizieren.

Und mit Geofencing, der digitalen Einzäunung, lassen sich gezielt bestimmte geografische Bereiche, Bezirke oder Areale erzeugen. So entwickelt die zu Twitter gehörende Firma Whisper Systems gerade eine App namens Zones, mit der man seine Welt auf einer Karte in Zonen aufteilen kann. Taucht das Smartphone des Nutzers in einer solchen Zone auf oder verlässt es sie, wird automatisch eine festgelegte Aktion ausgeführt. Eltern können beispielsweise für ihre Kids einen Aufenthaltskorridor festlegen und sich benachrichtigen lassen, wenn die Zöglinge ihn verlassen.

Eine Sehenswürdigkeit verschwindet

Nun aber gibt es eine neue, bemerkenswerte Variante der Exklusion: das handgepflückte Entfernen von Daten aus der digitalen Kartenwelt von Google Maps & Co. Und gemeint sind nicht durch Wolken oder Unschärfen absichtlich unkenntlich gemachten Grenzverläufe oder staatliche Einrichtungen, die militärischen Interessen unterliegen. Gemeint ist der Weg zu einem der Wahrzeichen von Los Angeles, dem weltberühmten HOLLYWOOD-Schriftzug am Südhang des Mount Lee.

Unterhalb des Schriftzugs mäandern der Mulholland Highway und ein paar Seitenstraßen durch ein kleines, feines Straßendorf aus Villen, deren Bewohner seit Jahrzehnten genervt waren von den Touristenströmen, die aus aller Welt kommen, um sich die neun weißen Buchstaben anzusehen. Daraus ist in den letzten Jahren, dank moderner Navigationstechnik, ein regelrechter Nervenkrieg geworden. Da sie die Straße nicht sperren können, haben die Anwohner eine andere Lösung entwickelt: Sie haben den Schriftzug auf eine spezielle Art unsichtbar gemacht.

GPS-Kordinaten manipulieren

Man kann weder mit dem Auto noch zu Fuß direkt bis an den Schriftzug, aber man kann zum Beispiel den Gipfel des Mount Lee besteigen, auf die Rückseite der Buchstaben schauen und die fantastische Aussicht genießen. Lange Jahre hat die verschnörkelte Straßenführung und die konfuse Beschilderung als Verkehrsberuhigung gedient, aber seit jedes Smartphone einen GPS-Empfänger hat, rollen die Touristen in Scharen bis zu einem Sperrgitter, hinter dem es zu Fuß weitergeht, parken und laufen durch die benachbarten Wohnstraßen.

Als die Anwohner die Stadt um Hilfe baten, machte der Stadtratsabgeordnete Tom LaBonge einen scheinbar aberwitzigen Vorschlag: Er wolle versuchen, die offiziellen GPS-Kordinaten des Schriftzugs so zu verändern, dass Touristen es nicht mehr finden konnten.

Google Maps zeigt immer noch die tatsächliche Position des Hollywod-Schriftzugs an. Aber wenn man von irgendeinem Punkt in Los Angeles aus eine Fahrtroute dorthin vorgeschlagen bekommen möchte, passiert etwas Merkwürdiges. Man wird zum Griffith-Observatorium geleitet, das sich einen Berg weiter befindet.

Von dort aus weist Google Maps mit einer gepunkteten Linie auf die Position des Schriftzugs. Auch wenn man sich einen Fußweg anzeigen läßt, hilft einem Google Maps nicht weiter, obwohl man in Wirklichkeit über ein Netz von Wanderwegen in dem Park zu der Sehenswürdigkeit gelangt.

Gated Community – nächstes Level

Und nicht nur Google Maps, auch die Karten von Apple und Microsofts Bing verweigern die Richtungsangabe. Stets landet man am Griffith-Observatorium. „Wie kann es sein, dass die privaten Interessen einer Handvoll von Anwohnern offenbar die Anbieter von Kartendaten veranlaßt haben, diese neue Route festzulegen?“, fragte sich Michelle Quinn auf Silicon Beat, dem Tech-Blog der San Jose Mercury News, der Hauszeitung des Silicon Valley.

Tom LaBonge hatte das Unmögliche möglich gemacht und „in enger Zusammenarbeit“ mit Google und dem Schweizer GPS-Unternehmen Garmin im Frühjahr 2012 die Fahrtroute zu dem Schriftzug verändern lassen. LaBonge beruft sich auf den Umweltschutz und Sicherheitsbedenken.

Was kommt als nächstes? Hausbesitzer, die Immobilienportale dazu überreden, dass bestimmte Grundstücke für bestimmte unerwünschte Bevölkerungsschichten nicht mehr sichtbar sind? Was da in Hollywood passiert, ist möglicherweise ein Vorgeschmack auf die Zukunft der Kartografie. Ein paar Dutzend reiche Leute, die vom Wohnzimmer aus den Hollywood-Schriftzug sehen können, haben eine Möglichkeit gefunden, andere Leute aus ihrer Nachbarschaft zu exkludieren – durch eine technologische Manipulation.

Tom LaBonge arbeitet inzwischen an seinem nächsten Projekt – einem Bus-Shuttle, das Touristen an die Absperrung bringt, von der aus sie den Wanderweg zu dem Schriftzug nehmen können. Ohne ihre Autos mit hinaufbringen zu müssen.