Meinung
20.03.2018

Staatsgurus – mit der Lizenz zum Pendeln

Das Krankenhaus Nord ist jetzt feinstofflich energieoptimiert, staatliches Geld wird für esoterische Aberwitzigkeiten ausgegeben. Sollten wir einfach alle Gurus werden?

Hurra! Die Wirtschaftskrise ist endgültig überwunden und unser Gesundheitssystem ist saniert. Das Geld ist nun im Überfluss vorhanden und muss dringend unters Volk gebracht werden.

Zumindest ist das die naheliegende Erklärung für die merkwürdigen Vorfälle im Krankenhaus Wien Nord. Dort griff man zu überraschend drastischen Methoden des Geldausgebens und bezahlte 95.000 Euro an einen „Bewusstseinsforscher“, der das ganze Gebäude auf eine spirituell höhere Ebene bringen sollte.

Der Mann ist offenbar extrem talentiert: Seine „hochsensiblen medialen Fähigkeiten sind für alle Bereiche des Lebens in vollem Umfang anwendbar“, erklärt er auf seiner Webseite. Dazu gehören natürlich auch Krankenhäuser, denn auch Gebäude haben ein Bewusstsein. Das erklärt so vieles: In Wien Nord verzögerte sich der Bau, das Krankenhaus hatte offenbar eine ziemlich schwierige Kindheit. Hat das vielleicht seine Spuren im Gebäudebewusstsein hinterlassen? Zum Glück konnte der Bewusstseins-Guru einen energetischen „Schutzring“ verlegen, um den schädlichen Einfluss negativer Energien einzudämmen.

Damit wird Wien Nord jetzt wohl zum weltweit einzigen Krankenhaus mit feinstofflicher Energieoptimierung. Die Tragweite dieses Alleinstellungsmerkmals ist offenbar noch nicht allen klar: Nun besteht die großartige Chance, Wien Nord offiziell zum Bewusstseins-Spezialkrankenhaus zu erklären.

Statt teurer Operationen, bei denen gefährliche Skalpelle im Spiel sind, könnte man sich auf garantiert unblutige Aura-Chirurgie verlegen. Komplizierte Patienten mit Knochenbrüchen sollte man ablehnen, dafür könnte man sich auf Personen spezialisieren, die sich feinstofflich ihre Chakren verstaucht haben. Bachblüten statt Antibiotika, Reinkarnationscoaching statt Psychiatrie, Cranio-sakrale Akupunktur statt Blinddarmentfernung – die Möglichkeiten sind endlos.

Wellen und Autobahnen

Wir blicken in eine goldene Zukunft des Gesundheitswesens. Die ersten Schritte in diese Richtung wurden bereits vor Jahren gesetzt: In Salzburger Krankenhäusern wurden merkwürdige wellenförmige Skulpturen an den Decken installiert. Dabei handelte es sich nicht einfach um Kunst, die Wellen sollten Erdstrahlen entschärfen und harmonisierend auf die Patienten wirken.

Auch für Arztpraxen und Privatwohnungen werden diese Wellen empfohlen. Das kleine Aluminium-Modell kostet knapp 1000 Euro, für anspruchsvollere Kunden lohnt sich die große Variante in Gold. Die Wirkung wird jeder Wünschelrutengeher bestätigen: Wellen sind energetisch heilsam. Das erklärt wohl auch, warum insgesamt viel mehr Menschen an Land sterben als auf hoher See.

Um unsere Gesundheit besorgt ist auch die österreichische Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungsgesellschaft ASFINAG. Mit Wünschelruten, Pendeln und Kristallen ließ sie energetische Störungen an den Autobahnen entschärfen, die zu bösen Unfällen führen. Schließlich wurden Quarzblocks installiert, um den passenden Energiefluss wiederherzustellen.

Natürlich gibt es eine einleuchtende Erklärung für den energetisch schlechten Zustand unserer Straßen: Nicht einmal Segnungen und Gebete wirken gegen die mentalen Störstellen, weil die Autofahrer einfach zu viel fluchen, erklärte ein Wünschelrutenprofi. Schade, dass dieses Thema in der Straßenverkehrsordnung bisher noch keine Rolle spielt. Wir brauchen keine Gurtenpflicht, sondern ein Fluchverbot! Außerdem Heilkristalle statt Airbags, Gebetskreise statt Kreisverkehre und Vorfahrt für das Sternzeichen, in dem der Mond gerade steht – statt dieser verwirrenden Rechtsregel.

Wünschelruten für alle!

Wenn im staatsnahen Bereich immer mehr Geld für Esoterik ausgegeben wird, sollten wir vielleicht alle unsere Berufsperspektiven überdenken. Vielleicht muss man Esoterik einfach als Demokratisierung des staatlichen Geldausgebens sehen: Jeder kann sich Energie-Guru nennen, unabhängig von Herkunft, Finanzkraft und Bildung. Wir sollten einfach alle in der Gegend herumpendeln und uns vom Staat fürstlich dafür bezahlen lassen. Endlich haben wir eine Form der Mindestsicherung, der mit dem marktwirtschaftlichen Leistungsgedanken vereinbar erscheint. Die Arbeitslosigkeit ist abgeschafft, wir werden alle reich!

Und wenn jemand sagt, dass dadurch Budget-Probleme entstehen könnten: Das ist bloß Einstellungssache. Schließlich können wir zu „bewussten Schöpfern unserer eigenen Realität werden“, sagt der Bewusstseinsforscher. Für ein entsprechendes Honorar wird er das sicher auch dem Finanzminister erklären. Und wenn das auch nicht genügt, verzieren wir das Staatsbudget mit hübschen Quarzkristallen. Dann kann endgültig nichts mehr schiefgehen.

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.