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Meinung
01/25/2019

Tastenlose Smartphones sind für Masochisten

Wer sich gerne von kostspieligen Gadgets ärgern lässt, sollte das Smartphone der Zukunft bereits heute kaufen.

Man nehme ein Smartphone, entferne alle mechanischen Tasten, verschließe alle Löcher und fertig ist die nächste „Innovation“. Schenkt man den Konzepten von Meizu und Vivo Glauben, werden Anschlüsse und Tasten künftig obsolet sein und durch drahtlose und intuitive Systeme ersetzt, die sich nahtlos in unseren Alltag integrieren. Das Smartphone muss geladen werden? Leg es einfach auf den Tisch. Musik hören? Einfach die drahtlosen Bluetooth-Kopfhörer aufsetzen. Die Wiedergabe leiser machen? Einmal über den Gehäuserand wischen, bitte.

Usability-Guru Don Norman wäre wohl begeistert von dieser Idee. „Das wahre Problem mit dem Interface ist, dass es ein Interface ist. Interfaces sind nur im Weg“, schrieb er bereits 1990. Das trifft auch auf moderne Smartphones zu. Denn auch wenn wir im Vergleich zu frühen Computer-Generationen – Stichwort Lochkarten und Kommandozeile – viel Fortschritt gemacht haben, manchmal sorgen Smartphone und Co. nach wie vor für Unverständnis und Frust.

Für Meizu und Vivo mag daher das Entfernen dieser Interfaces die Verwirklichung des Smartphones der Zukunft sein, für mich ist es aber vielmehr Folter im Alltag. Bluetooth soll den seit fast 40 Jahren zuverlässig funktionierenden Klinkenstecker ersetzen? Gerne, aber nur wenn die Verbindung zuverlässig, ohne spürbare Verzögerung und mit leistbaren Kopfhörern möglich ist. Drahtloses Laden? Wozu sollte ich mit mageren fünf Watt laden, wenn manche Schnelllade-Technologien bis zu 29 Watt liefern können? Statt SIM-Karte nur mehr mit eSIM unterwegs? In ein paar Jahren sicher nett, aber derzeit schränkt das meine Auswahl an verfügbaren Mobilfunkern massiv ein.

Tastenlosen Smartphones gehört die Zukunft, aber nicht die Gegenwart

Masochisten mögen sich über die Einschränkungen freuen, Otto Normalverbraucher wird aber wohl nur im Minutentakt fluchen. Der Weg zur Zero UI – eine Zukunft, in der wir mit Technologie interagieren wie mit unseren Mitmenschen – lässt sich nicht so einfach abkürzen. Denn all die von Meizu und Vivo verwendeten Technologien haben ihre Daseinsberechtigung, brauchen aber noch eine Weile, um sich ausreichend zu etablieren.

Immer mehr Hersteller verzichten auf Hardware-Tasten – man erinnere sich an den Aufschrei, als Apple den (mechanischen) Home-Button entfernen ließ – komplett ohne sie geht es aber nach wie vor nicht. Bluetooth-Kopfhörer werden immer zuverlässiger und günstiger, im Vergleich zu herkömmlichen Kopfhörern weisen sie aber nach wie vor erhebliche Defizite auf. Und auch das drahtlose Laden, das vor einigen Jahren noch als tot galt, muss sich erst langsam weiter verbreiten, um tatsächlich nützlich zu werden. Dem tastenlosen Smartphone mag die Zukunft gehören, in der Gegenwart kann ich aber noch nicht viel damit anfangen.