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Meinung
10/07/2012

Valley Blog: Zwischen zwei Welten

Florian Kondert, COO beim heimischen Softwareunternehmen Semantic Web Company, bloggt drei Monate lang für die futurezone aus dem Silicon Valley. Einmal pro Woche gibt es News darüber, was man als Jungunternehmer dort lernt, wie das Valley tickt und welche Chancen österreichische Start-ups in der Welt von Google, Apple und Co. haben.

Am Dienstag bin ich in einer Startup-WG zum abendlichen Abschiedsessen eingeladen und der verbleibende Inhalt im Kühlschrank gibt den Menüplan vor. Das Ergebnis: ein exzellentes veganes Menü mit einer Kombination aus selbstgemachtem Humus, Linsensuppe und Couscous – da hagelt es Hauben! Überhaupt hat sich der Gaumen in den letzten 3 Monaten ordentlich verformt... Brot: Fehlanzeige; Nudeln: zweimal; Salat: jeden Tag. Aus meiner Sorge, einen Fast-Food Tempel nach dem anderen anzusteuern und zu HomerSimpson zu mutieren, wurde die Gewohnheit, sich ernsthaft gesund zu ernähren. Der kalifornische Gesundheitsfetisch hat mich also erwischt.

Der Tag war gut gewählt und wir Veteranen waren unter uns, denn am Mittwoch kommt Frischfleisch für’s nächste Quartalangeflogen – wie wir für drei Monate, um das Valley zu erobern. Unsere Gastgeberin freut sich in Maßen über die sich überschneidenden Tage, weil Enthusiasmus, Eroberungsfloskeln und Neugier einfach nicht mehr in vollem Maße geteilt werden. Monate im fensterlosen Büro schlagen nun mal aufs Gemüt.

Alleskönner
Vor dem Abendessen treffe ich mich mit einem der Experten für scheinbar alles. Ich wurde von seiner Vorhut bei der FallEXPO angesprochen und habe dem Termin eigentlich nur zugesagt, weil er verspricht, mir die Zeit bis zum Dinner um 8pm zu vertreiben. Ich habe mir der Höflichkeit halber die Firmen-Website angesehen und bin daraus nicht ernsthaft schlau geworden. Es stellt sich aber wieder mal heraus, dass Zeitvertreib durchaus sehr konstruktiv sein kann. Ich bin überrascht von der fachlichen Kompetenz meines Gegenübers. Selten habe ich hier im Valley mit jemandem gesprochen, der so schnell und im Detail die Idee unserer Software versteht, und dazu die Möglichkeiten, Barrieren und potenziellen Anknüpfungspunkte identifiziert. Er lässt sich nicht lange bitten und legt die Karten auf den Tisch. Neben zwei Firmen, in welche er selbst investiert hat (seine zweite Aktivität als VC) gibt es gleich drei spannende Projekte, auf die wir mit unserer Lösung exzellent als Sahnehäubchen passen würden.

Als wir eine Stunde später vom Tisch aufstehen, bekomme ich eine E-Mail – von ihm. Eine Auflistung von Kontakten die er herstellen will, Projekte die er für relevant erachtet, priorisiert nach Wahrscheinlichkeit und Zeitraum. Wieso passiert mir so was nicht jeden Tag? Überhaupt ist diese letzte Arbeitsvalley-Woche sehr freundlich. Mein erster Termin mit einem VC entpuppt sich als entspanntes und fast schon freundschaftliches Gespräch. Dabei geizt er nicht mit Fragen, die aber weniger nach Zahlen, sondern mehr nach Kooperationsmöglichkeiten suchen. Im Endeffekt will mein Gesprächspartner nur verstehen, was wir wie und warum machen, um mit dieser Erkenntnis in seinem eigenen Ökosystem Anknüpfungspunkte zu finden. Leise dämmert es mir, dass VCs scheinbar nicht nur auf Anteile in einer Firma aus sind, sondern einen wesentlichen Teil ihrer Zeit mit der Bildung von Synergien verbringen. 45 Minuten vergehen, und wieder hatte ich keine Chance, meinen Elevator-Pitch zu proben.

Valley ade
Neben den beiden eben beschriebenen erfreulichen Nachwehen von der FallEXPO meldet sich nun auch Canon bei mir. Eine unglaublich lange E-Mail, die noch nicht mal ich mich zu schreiben trauen würde, beginnt mit einer Entschuldigung, dass vor Ort kein persönlicher Kontakt zustande kam. Ein bisschen verdutzt lese ich weiter und nach der Erklärung des strategischen Ziels der Kontaktanfrage werde ich ca. bei Zeile 48 zu einem persönlichen Termin eingeladen. Dazwischen ist die Rede von „worldwide sales-channel“ und „integrated software product line“ und „disruptive forces in the marketplace“. Das liest sich alles wunderbar, ich antworte mit „Gerne“ und ein paar Worten mehr (nein, nicht auf Deutsch). Auf die tatsächliche Termineinladung warte ich drei Tage später immer noch. Was hinsichtlich meiner persönlichen Anwesenheit langsam zum ernsthaften und schwer lösbaren Problem wird. Denn an diesem Wochenende kehre ich dem Silicon Valley den Rücken zu. Bevor ich mich aber endgültig verabschiede, bewege ich mich erst in Richtung Sierra Nevada... der Beginn meines Urlaubs.

Meine Reiseroute führt mich von San Jose zuerst zum Sequoia and Kings Canyon National Park mit einer kleinen Hütte mitten im Wald, weiter zum Death Valley, einer Nacht in Las Vegas, zum Zion National Park in ein uriges Resort, einem kurzen Abstecher zum Grand Canyon, ein bisschen Strand in San Diego und schließlich zurück nach San Francisco.

Doch bevor ich mir die Wanderschuhe anziehe und den Rucksack für die vielen ruhigen Offline-Stunden packe, bereite ich jetzt noch meine Präsentation für die kommende KnowTech-Konferenz in Stuttgart vor. Thema: „Linked Open Data im Enterprise 2.0 Umfeld“. Statt den unterhaltsamen aber wenig inhaltsdichten 3 Minuten wollen jedoch plötzlich wieder 45 Minuten verplant werden. Mein Hirn macht Anstalten sich zu verknoten und droht zwischen amerikanischer und europäischer Präsentationskultur die Orientierung zu verlieren.

Aber so ist das nun mal, wenn man zwischen zwei Welten steckt. Da kommt mir wieder die „secret sauce“ in den Sinn, die uns im Rahmen der Plug&Play University vor gefühlt ewiger Zeit offenbart wurde: „Whatever you do, be patient“.

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