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Meinung
09/30/2019

Warum gibt es keine Wissenschaftspartei?

Können wir nicht einfach die Wissenschaft entscheiden lassen, was in der Politik geschehen soll? Nein. Aber für unsere Entscheidungen sollten wir die Wissenschaft nutzen.

von Florian Aigner

Wenn wir außerirdische Lebewesen davon überzeugen wollen, dass wir eine intelligente, rational denkende Spezies sind, sollten wir sie nicht während eines Wahlkampfs einladen. Politik und Wissenschaft sind nicht die besten Freunde. In der Wissenschaft sucht man nach der Wahrheit, strebt dabei aber nicht unbedingt eine Mehrheit an. In der Politik sucht man nach der Mehrheit, strebt dabei aber nicht unbedingt die Wahrheit an.

Könnte man nicht beide Welten verbinden? Können wir nicht einfach eine Wissenschaftspartei gründen, die jedes politische Problem ganz kühl und rational analysiert und dann die wissenschaftlich korrekte Lösung durchsetzt? Wären vielleicht überhaupt wissenschaftliche Fachgutachten besser als demokratische Wahlen?

Fakten ohne Alternative

Auf den ersten Blick könnte man das für eine interessante Lösung halten, denn manche Parteien gehen heute mit wissenschaftlichen Erkenntnissen um wie Kinder mit gutgemeinten Ratschlägen der Eltern: „Ja, Mama, versprochen, ich ziehe mich warm an!“ Und dann bleibt die Jacke trotzdem zu Hause.

Dass wissenschaftliche Fakten keine verhandelbaren Ratschläge sind, sondern unerbittliche Wahrheiten, hat sich noch immer nicht überall herumgesprochen. Man weiß aus der Klimaforschung, warum die Erde wärmer wird. Man weiß aus der Elektrotechnik, dass Elektrofahrzeuge effizienter sind als Wasserstoffautos. Man weiß aus der Demographie, dass unsere Probleme mit dem Pensionssystem immer größer werden. Daran ist nicht zu rütteln, das ist einfach wahr.

Weltanschauungen sind keine Wissenschaft

Aber wahr ist auch: Politik ist viel mehr als das Umsetzen wissenschaftlicher Wahrheiten. Auf viele Fragen gibt es keine eindeutig richtige Antwort. Für die Qualität moralischer Überzeugungen gibt es kein Messgerät. Wenn wir politisch abwägen müssen, zwischen Freiheit und Gerechtigkeit, zwischen vorsichtiger Zurückhaltung und wagemutigem Risiko, zwischen großen Vorteilen für wenige und kleinen Vorteilen für viele, dann bringen uns Forschungsergebnisse nicht ans Ziel. Keine mathematische Formel, kein statistisches Modell und kein physikalisches Experiment kann uns sagen, welche politische Ideologie die richtige ist.

Daher wird es nie möglich sein, eine reine Wissenschaftspartei zu gründen. Wir können das Regieren nicht einfach an Experten delegieren, wie die Konstruktion einer Hängebrücke. Wissenschaftliche Fakten alleine sind noch kein Wahlprogramm. Entscheidend ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse von der Politik erkannt, ernstgenommen und berücksichtigt werden – aber dann muss eine politische Entscheidung her, die immer auch durch unwissenschaftliche Dinge wie Moral, Tradition und Kultur geprägt ist.

Politik lässt sich nicht rein wissenschaftlich betreiben, aber sie muss immer auf Basis der Wissenschaft betrieben werden. Und wo immer es möglich ist, sollte man versuchen, die Methoden der Wissenschaft für die Politik zu nutzen. Ähnlich wie man in der Medizin viele Patienten beobachtet, um herauszufinden, welches Medikament statistisch gesehen am besten wirkt, kann man sich umsehen, welche politischen Strategien anderswo den größten Erfolg versprechen – etwa in der Bildung, in der Wirtschaft, im Umweltschutz. Eine Politik auf Basis von Fakten und Beobachtung, das wäre doch ein schöner Anfang.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.