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Meinung
09/01/2019

Nicht nur nicht richtig, sondern nicht einmal falsch

Sinnlose Schwurbelsätze nerven, egal ob im Büro oder in der Politik. Ein bisschen wissenschaftliches Denken hilft.

von Florian Aigner

Die Erde ist eine Scheibe. Masern-Viren gibt es nicht. Und Angela Merkel ist ein Reptilien-Alien, das sich bloß als Mensch tarnt. Alle diese Aussagen sind absoluter Unfug, aber sie haben immerhin einen entscheidenden Vorteil: Man kann sie wissenschaftlich überprüfen und widerlegen.

Viel mehr Ärger als solche geistigen Totalentgleisungen bereiten uns oft schwammige Schwurbeleien, die zwar ebenso unsinnig sind, aber nicht überprüft und daher auch nicht widerlegt werden können: „Bergkristall verleiht positive feinstoffliche Schwingungen.“ Grandios. Aber niemand weiß, was feinstoffliche Schwingungen überhaupt sein sollen. „Wenn man vom Universum etwas ganz intensiv wünscht, dann bekommt man es auch.“ Aha. Und wenn es nicht klappt, war der Wunsch eben nicht intensiv genug? „Wenn jemandem etwas Schlimmes passiert, dann liegt das nur an seinen bösen Taten in einem früheren Leben.“ Himmel! Was müssen wir im früheren Leben verbrochen haben, um uns heute solchen Schwachsinn anhören zu müssen!

Falsifizierbar oder unwissenschaftlich

Der Physiker Wolfgang Pauli war bekannt dafür, wissenschaftliche Arbeiten seiner Kollegen besonders unbarmherzig zu kritisieren. Die radikalste Stufe seiner Kritik war: „Das ist nicht nur nicht richtig, es ist nicht einmal falsch!“ Und genau das gilt für unüberprüfbare Schwurbelfloskeln: Sie sind noch sinnloser als Falschaussagen. Sie sind nicht wahr, sie sind nicht falsch, sie sagen überhaupt nichts aus.

Der Philosoph Karl Popper machte das zum Grundgedanken seiner Wissenschaftstheorie: Eine Aussage muss prinzipiell falsifizierbar sein, sonst kann sie wissenschaftlich nicht ernst genommen werden. Die Aussage „der Mond besteht aus grünem Käse“ ist zwar falsch, aber immerhin falsifizierbar. „Der Mond befindet sich in Resonanz mit meinem inneren Astral-Einhorn“ ist hingegen nicht falsifizierbar. Egal welche Experimente wir durchführen, diese Aussage wird sich nie widerlegen lassen. Es ist daher bloß Zeitverschwendung, sich wissenschaftlich damit zu beschäftigen.

Marketing-Sprache und Wahlkampfplakate

Doch nicht nur in der Esoterik und der Pseudowissenschaft begegnen uns sinnentleerte Schwurbeleien. Wir stoßen täglich auf sie, etwa wenn das neue Firmenmanagement verkündet: „Durch proaktives Monitoring der individuellen Bedürfnisse von Kunden und Mitarbeitern werden wir eine gemeinsame Vision für die Zukunft entwickeln, die nachhaltigen Mehrwert für alle generiert.“ Was soll das heißen? Natürlich möchte man immer wertvolle Zukunftsvisionen haben. Eine Firma, auf die das nicht zutrifft, ist gar nicht vorstellbar. Der Satz ist in keiner Situation wirklich falsch. Dann wäre es aber klüger gewesen, ihn gar nicht zu sagen.

Und dasselbe erleben wir auch im Wahlkampf: „Tun, was richtig ist!“ plakatieren die einen. Wie schön. Hat denn irgendjemand gefordert, das Falsche zu tun? „Weil der Mensch zählt“, plakatieren die anderen. Oh, interessant. Ich dachte immer, es gehe primär um Eichhörnchen.

Natürlich verlangt niemand, dass wissenschaftliche Thesen aufs Wahlplakat gedruckt werden. Aber es ist immer sinnvoll zu überlegen: Hat das, was ich sage, überhaupt eine echte Bedeutung? Oder ist es bloß weichgespülte Schwurbelei, die ängstlich darauf hingetrimmt ist, bloß nicht widerlegt werden zu können? Eine Aussage, der jeder irgendwie zustimmen kann, verschreckt zwar niemanden, sie nützt aber auch niemandem. Sie ist im besten Fall eine banale Wahrheit, im schlechtesten Fall ist sie nicht einmal falsch.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.