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Wissenschaft & Blödsinn Was darf ein Higgs-Boson kosten?.

Ein Teil des Large Hadron Colliders (LHC) am CERN in der Schweiz 
Ein Teil des Large Hadron Colliders (LHC) am CERN in der Schweiz  - Foto: REUTERS/DENIS BALIBOUSE
Wissenschaft ist teuer, und über die Finanzierung von Teilchenbeschleunigern oder Raumsonden wird viel gestritten. Doch keine Sorge: Das Geld ist da.

Die Frage ist schon berechtigt: Lohnt sich das? Sollen wir wirklich Raumsonden auf fremde Planeten schicken, in riesengroßen Kreisbeschleunigern nach neuen Elementarteilchen suchen oder in gewaltigen Reaktoren mit Kernfusion experimentieren? Sind wissenschaftliche Großprojekte nicht viel zu teuer um sie den Steuerzahlern zuzumuten?

Das ist eine Frage der Perspektive. Aber eines ist klar: Die Menschheit gibt für viel nutzlosere Dinge viel mehr Geld aus. Es ist interessant, ein paar Vergleichszahlen zu sammeln.  

Gravitationswellen, Mars-Rover und Higgs-Boson

620 Millionen Dollar kostete LIGO, dem wir den Beweis der Existenz von Gravitationswellen verdanken. Etwa eine Milliarde Euro budgetierte die ESA für die Rosetta-Mission, bei der erstmals die Landung auf einem Kometen gelang. Etwas teurer (mit ungefähr zweieinhalb Milliarden Dollar) war die Marsmission, die den Rover Curiosity auf unseren Nachbarplaneten beförderte.

Eine besonders kostspielige Disziplin ist die Teilchenphysik: Der Large Hadron Collider am CERN war den beteiligten Nationen in den langen Jahren seiner Errichtung insgesamt etwa 7.5 Milliarden Euro wert. 2012 wurde dort die Entdeckung eines neuen Teilchens verkündet, man hatte das Higgs-Boson nachgewiesen. Ähnliches wäre eigentlich schon zuvor in den USA geplant gewesen. Der Bau des „Superconducting Super Collider“ wurde 1993 allerdings aus Kostengründen abgebrochen, nachdem man bereits 2.5 Milliarden Dollar investiert hatte. Zurück blieb nur ein großes Loch im texanischen Boden – und ein wissenschaftspolitisches Milliardengrab.

Einen Spitzenplatz auf der Liste der wissenschaftlichen Großprojekte nimmt auch der Kernfusionsreaktor ITER ein, der derzeit in Cardarache (Südfrankreich) gebaut wird. Seine Kosten betragen über 13 Milliarden Euro.

Womit vergleichen?

Ist das nun viel oder wenig? In absoluten Zahlen klingen die Kosten für wissenschaftliche Großprojekte tatsächlich überwältigend hoch. Aber es handelt sich dabei meist um multinationale Projekte, bei denen viele verschiedene Staaten über viele Jahre hinweg Geld beisteuern. Das relativiert die Sache ein bisschen.

Das CERN hat ein Jahresbudget von etwa einer Milliarde Euro. Aufgeteilt auf den einzelnen Bürger wird diese Summe überschaubar. Wer in Österreich oder Deutschland lebt, trägt pro Monat ungefähr 20 bis 30 Cent bei. In Europa wird mehr Geld für original französischen Champagner ausgegeben als für das CERN – und da sind die CERN-Partys bei der Entdeckung neuer Teilchen bereits eingerechnet.

Ungefähr so viel Geld wie der gesamte LHC gekostet hat wird alleine in Deutschland jedes Jahr für Süßigkeiten bezahlt – zweifellos eine gut investierte Summe. Als problematischer könnte man den gewaltigen Geldbetrag betrachten, der für den schriftstellerischen Unglücksfall „50 Shades of Grey“ ausgegeben wurde. Dieser bedauernswerte Irrweg der Erotikliteratur wurde weltweit über 100 Millionen mal verkauft. Mit den Einkünften daraus hätte man schon eine schöne Weltraummission finanzieren können. (Selbstverständlich eine, bei der alle beteiligten Personen freiwillig mitgemacht hätten und niemand zu unangenehmen Dingen genötigt worden wäre.)

Teleskope statt Horoskope?

Der Esoterikmarkt macht allein in Deutschland einen Jahresumsatz von 20 Milliarden Euro. Würden die Deutschen für ein Jahr auf Horoskope, Feng-Shui-Ratgeberliteratur und Heilkristall-Armbänder verzichten, könnten sie mit dem ersparten Geld Riesenteleskope bauen, forschungsintensive neue Impfstoffe entwickeln oder in experimentellen Reaktoren neue Methoden der Energieversorgung testen.

Apple kann sich über einen Jahresumsatz von über 200 Milliarden Dollar freuen. Von dem Geld, das Apple-Fans sparen würden, wenn sie eine einzige iPhone-Generation überspringen und sich noch eine Weile mit dem älteren Modell zufriedengeben würden, ließen sich gewaltige wissenschaftliche Großprojekte bezahlen.

Die Tabakindustrie macht weltweit einen Umsatz von etwa 500 Milliarden Dollar im Jahr. Gäben wir nur ein Zehntel dieser Summe für Forschungs-Großprojekte aus, wäre das genug für einen Fusionsreaktor, einen Teilchenbeschleuniger und mehrere Weltraummissionen – und zwar Jahr für Jahr. Noch viel voluminöser ist die Autoindustrie, mit einem weltweiten Jahresumsatz im Bereich von mehreren Billionen (Millionen von Millionen) Dollar. Mit dem Geld, das in ein bis zwei Tagen weltweit für Autos ausgegeben wird, könnte man einen LHC-Teilchenbeschleuniger bezahlen.

Der Staat kann, wenn er will

Ausgaben von Privatpersonen mit staatlichen Wissenschaftsausgaben zu vergleichen, ist vielleicht nicht ganz fair. Aber auch staatliches Geld wird sehr großzügig ausgeschüttet, wenn der politische Wille da ist. Der Flugzeugträger USS Gerald R. Ford soll etwa 13 Milliarden Dollar kosten, fast so viel wie die so oft als zu teuer kritisierte Fusionsanlage ITER. Donald Trumps Mauer an der mexikanischen Grenze dürfte mit über 20 Milliarden Euro noch deutlich kostspieliger werden.

Kaum vorstellbar sind die Summen, die von der US-Regierung in die Kriege im Irak, in Afghanistan und Pakistan gesteckt wurden. Nach einer Studie der Brown University handelt es sich dabei um 4.8 Billionen Dollar – also 4800 Milliarden Dollar. Das ist eine Summe, die das gesamte Apollo-Programm, alle Teilchenbeschleuniger und Raumsonden der Welt völlig in den Schatten stellt. Welche großartigen wegweisenden Erkenntnisse hätte man der Menschheit mit diesem Geld schenken können?

Wir sind reich!

Wir sehen also: Das Geld ist da. Die Frage ist nur, wofür wir es ausgeben. Sollen uns künftige Generationen in ein paar Jahrhunderten danach beurteilen, wie oft wir uns neue Handymodelle leisten konnten, oder lieber danach, ob wir neue, tiefgründige Gesetze der Natur entdeckt haben? Wenn in den Geschichtsbüchern der Zukunft über das 21. Jahrhundert erzählt wird, soll es dort dann um Raumschiffe gehen, oder um Kriegsschiffe? Wollen wir stolz darauf sein, die Natur der dunklen Materie entschlüsselt zu haben, oder darauf, noch ein halbes Prozent mehr Neuwagen besessen zu haben?

Natürlich sind solche Vergleiche immer ein wenig polemisch, man muss sie mit einer gewissen Vorsicht betrachten. Geld, das für private Ausgaben verwendet wird, kann man natürlich nicht einfach in die Wissenschaft umleiten. Das wird auch niemand fordern. Aber wenn gejammert wird, wie skandalös teuer manche zukunftsweisenden Projekte sind, dann sollte man auch darüber nachdenken, dass wir für ziemlich verzichtbare Dinge viel mehr Geld ausgeben.

Solange uns Kriege, die unabsehbare Probleme verursachen, mehr wert sind als Wissenschaftsprojekte, die auf unabsehbare Weise Probleme lösen können, sollte sich niemand über die Kosten von Teilchenbeschleunigern, Raumsonden oder Versuchsreaktoren beschweren.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 21.03.2017, 06:00

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