Meinung
12.01.2013

Was kommt?

Eine kleine Vorausschau auf das ungewöhnliche Leben im Hypermorgen: Peter Glaser berichtet aus dem Jahr 2033.

12. Januar 2033. Gegen Mittag habe ich Krach mit meinen Haaren. Mein BioFun-Haargel sabotiert mich. Gewöhnlich gehorcht das Gel, biotechnische Industrieware mit ein wenig Proto-Intelligenz, aufs Wort. Es ernährt sich symbiotisch von Kopfschuppen und läßt sich dafür auf kleine Kunststückchen dressieren. Beispielsweise kann man damit seine Frisur zu Musik in fließendes Wogen versetzen, ihr beibringen, im Vorbeigehen hübschen Mädchen zuzuwinken oder sich von ihr aufmunternd die Wange tätscheln lassen. Mein Haar hält mir nun stattdessen ständig die Nase zu und zieht mich an der rechten Wange, sodass ich Klaus-Bärbel, mein Jüngstes, nur verbogen rufen kann ("Möarbl!").

Auch Daten kann man essen
Opa, der vor seinem digitalen Trichtergrammophon, einem uralten C64, im Wohnzimmer sitzt und „Frogger" spielt, hat vor ein paar Tagen einen BioLego-Baukasten mit dem Instrumentarium für den kleinen Klonierer mitgebracht. Klaus-Bärbels ganzer Stolz ist nun ein frisch gezüchtetes T-Shirt namens Gotthilf, das altgriechisch spricht und in der Lage ist, einfache, ärgerniserregende Aufträge auszuführen.

Auf der Straße läßt der Wind leere Verpackungen über den Asphalt kollern. Warum erfindet niemand kleine Tiere, die Müll fressen und sich, wenn sie voll sind, in die Toilette stürzen oder klaglos kompostieren? Vor dem Verwaltungsgebäude der Telekom steht eine demonstrierende Menge, vorwiegend Senioren. Ihre Forderung: konsequenter Forschungsanschub zur Digitalisierung von Lebensmitteln. Bekomme virtuelle Transparente in meine Glasses eingeblendet: „Auch Daten kann man essen!"

Der erste Spaßkrieg
Materieübertragung ist bisher auf anorganische Objekte beschränkt. Privatpersonen ist es gesetzlich untersagt, mehr als einen halben Kubikmeter Materie pro Tag zu transportern. Lebewesen zu transportern ist generell verboten. Der Nachbarsjunge hat neulich irrtümlich einen Lieferwagen im Wohnzimmer materialisiert, Pech für die Wand.

Sehe während meines Spaziergangs in meinen Glasses BBA (Big Brother im All) und BBL (Big Brother Lebenslänglich), das vor vier Jahren begonnen hat. Der Moderator moderiert schwer bewacht von einer Leibgarde, Folge des ersten Spaßkriegs im Jahr 2028, den eine Allianz aus moslemischen Hackern, radikalisierten Rechtschreibreformern der dritten Generation und im Untergrund lebenden Elementarteilchenphysikern vom Zaun gebrochen hatte. Teilchenphysiker sind gesellschaftlich geächtet, seit bekannt wurde, dass von Ende des 20. Jahrhunderts an alle kosmologischen Berechnungen mit einer von leichtsinnigen Studenten manipulierten Zahl Pi ausgeführt worden und damit hinfällig waren. Sie hatten versucht, die verrechnete Weltsicht zu vertuschen und weiter Fördermittel in Milliardenhöhe zu kassieren.

Umziehen mit Lichtgeschwindigkeit
Eine durchtrainierte ältere Dame überholt mich am Gehsteig. Ihr Schal kriecht zärtlich um Hals und Schultern, ihr Camäleonjackett changiert. Die Umschlaggeschwindigkeit dessen, was gefällt und was nicht, nimmt ständig zu. Das Problem der modischen Frequenzwechsel wird sich erst in dem Augenblick erübrigen, in dem man sich mit Lichtgeschwindigkeit umziehen kann. Farblich und strukturell umschaltbare Gewebe ermöglichen das ansatzweise schon jtzt. Ist es zu kühl, ziehen sich die Maschen enger, auf Zuruf rollen sich die Hemdsärmel hoch oder auf bestimmte Männerstimmlagen programmierte Spaghettiträger rutschen selbsttätig über die nackte Schulter.

In Design-Datenbänken steht die gesamte Entwurfspalette menschlichen Modeschaffens zur Verfügung. Der ganze Mensch vermag sich nun in einen Film, ein Farbenspiel, eine neue Figur zu verwandeln. Biologische, quasilebende Gewebe haben der Herrschaft der Technologie das Starre und Metallische genommen.

Nach der Großen Wissensexplosion
Zu Hause mit Klaus-Bärbel ein wenig Entlernung geübt. Seit der Großen Wissensexplosion vor, hm, Datum vergessen. Jedenfalls lernen die Kinder, wie man zu viel Wissen vermeidet, da einem sonst das Gehirn platzt. Ich zeige verschiedene Möglichkeiten, möglichst wenig von dem Streich mit dem Haargel im Gedächtnis zu behalten. Zur Übung lesen wir ein langes, tragisches Gedicht von Gottfried August Bürger. Es heißt "Lenore" und beginnt mit den Worten „Lenore ritt ums Morgenrot..." Ehe Klaus-Bärbel es wieder vergessen darf, twittert er eine Zusammenfassung: „Lenore ritt ums Morgenrot, und als sie rum war, war sie tot."

Mehr zum Thema

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.