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Peter Glaser: Zukunftsreich
11/26/2011

Wenn Star Trek Wirklichkeit wird

Was passiert eigentlich, wenn die Zukunft von der Gegenwart eingeholt wird?

Immer schneller werden nun Vorstellungen, die noch vor kurzem als phantastisch galten, in konkrete technische Experimente und neue Erfindungen umgesetzt. Wissenschaft und Technologie haben sich heute selbst in so etwas wie eine reale Zukunftsphantasie verwandelt. In seinem Buch „I’m Working on That: A Trek From Science Fiction to Science Fact" erläutert beispielsweise William Shatner, besser bekannt als Captain Kirk, die Bezüge zwischen Raumschiff Enterprise-Gedankenspielen und realen technisch-wissenschaftlichen Fortschritten: „Was vor 30 Jahren in Star Trek vorhergesagt wurde, ist heute ein alter Hut.” Immerhin wird bei Star Trek „richtig gute Physik gemacht", findet Metin Tolan, Professor für Experimentelle Physik an der Universität Dortmund. „Wir wissen nicht, ob die Menschheit einmal über solche Technologien verfügen wird - aber grundsätzlich möglich sind viele von ihnen."

Lichtschnelle Gemütlichkeit
Was das Beamen betrifft, sind sogar österreichische Wissenschaftler führend. 1997 „beamte“ die Arbeitsgruppe des Physikers Anton Zeilinger in einem raffinierten Experiment erstmals Lichtteilchen. 2004 gelang zwei Teams der Universität Innsbruck und des National Institute of Standards and Technology in Colorado erstmals die Quantenteleportation mit Atomen, anders ausgedrückt: Es wurde tatsächlich Materie gebeamt. Es ist, nebenbei, nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ein Vertreter der für’s Gemütliche bekannten Österreicher eine Fortbewegungsmethode weiterentwickelt, bei der man sich quasi mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, ohne sich von der Stelle rühren zu müssen.

Neugierde und Inspiration springen zunehmend zwischen Wissenschaft und Science Fiction hin und her, wie Blitze zwischen den Stäben einer Jakobsleiter. Fakten und Fantasien greifen immer stärker ineinander - das Gefühl, dass etwas unmöglich sein könnte, schwindet. „Die Wissenschaft überholt die Science Fiction”, sagt Neil Gershenfeld, der das Center for Bits and Atoms am MIT leitet. Die Forscher entwickeln hier Dinge wie Computer, die man aufmalen kann, mit Chips aus viskosen Flüssigkeiten. Wir schreiben heute unsere eigene Science Fiction-Saga, mit Gehirnschrittmachern, Klonschafen und dem Internet als eindrucksvollen Teilen der Szenerie.

Die Welt von heute weiterdenken
Vieles von dem, was inzwischen alltäglich ist, tauchte zum ersten Mal in der Science Fiction auf - die bemannte Raumfahrt bei Jules Verne, Mobiltelefone als „Kommunikatoren” in Star Trek, Faxgeräte bei Philip K. Dick. Im Oktober 1945 beschrieb Arthur C. Clarke in der Zeitschrift „Wireless World” erstmals geostationäre Kommunikationssatelliten. Heute liefert die wissenschaftliche Wirklichkeit den kreativen Geistern futuristische Anregungen. Science Fiction-Autoren sind von den Ideen moderner Forscher inspiriert. Es ist für Autoren und Wissenschaftler gleichermaßen faszinierend, die Welt von heute weiterzudenken. Und es gibt inzwischen kaum noch Berührungsängste zwischen ihnen, im Gegenteil.

In Steven Spielbergs „Minority Report” können Daten auf riesigen Bildschirmen durch schlichte Handbewegungen manipuliert werden - im Kleinen ist die Gestensteuerung heute auf jedem Smartphone alltäglich. John Underkoffler, der für den Film die futuristische Zentrale in Washington und ihre technologischen Features geschaffen hat, sagt: „Was in den Labors akademischer Forschung begonnen hat, ist in die Wunderwelt Hollywoods übergewechselt, und jetzt kommen die Ideen wieder zurück in die Wissenschaft. Es ist wie im Kino – nur dass es wirklich funktioniert.” Manchmal haben Filmemacher und Science Fiction-Autoren bereits eine Vorstellung von künftigen Dingen, noch ehe Ingenieure auf eine solche Idee kommen. Und es gibt eine Feedback-Schleife zwischen Fiktion und Wissenschaft, die für wechselseitige Beeinflussung sorgt.

Die große Herausforderung: unmögliche Technologen verwirklichen
Mehr als die Hälfte der erfolgreichsten Filme aller Zeiten waren Science Fiction-Filme. In seiner Bestandsaufnahme „The Dreams Our Stuff Is Made Of: How Science Fiction Conquered the World” vertritt der Autor Thomas M. Disch die Auffassung, „dass einige der bemerkenswertesten Trends der Gegenwart in einer Denkweise wurzeln, die wir aus der Science Fiction gelernt haben.” Scheinbar kühne Entwürfe aus Filmen wie „Matrix” sind längst im Hier und Jetzt angekommen. Dass wissenschaftsaffine Fiktionen wie „Star Wars” realen Einfluß ausüben, findet auch der Physiker Michio Kaku: „Vielen Leuten ist nicht klar, dass Science Fiction viele führende Wissenschaftler beeinfusst hat.” Utopische Literatur verlockt viele junge Menschen dazu, Wissenschaftler zu werden. Die große Herausforderung besteht später darin, die Special Effects und unmöglichen Technologen Wirklichkeit werden zu lassen.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.